2 Finde ich gut

Kulturschaffende auf der Flucht: Leben ohne Plan

Anfang des Jahres 2016 erhielt der 1976 geborene syrische Autor Assaf Alassaf das „Weiße-Meer-Stipendium“ für bedrohte Autoren und Künstler aus dem Mittelmeerraum.

Das Stipendium vergibt die Allianz-Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB) und der Akademie Schloss Solitude. Barbara Burckhardt traf Assaf Alassaf während seines Residenz-Aufenthalts im LCB am Wannsee in Berlin zum Gespräch.

Assaf Alassaf, von November 2014 bis Februar 2015 haben Sie auf Facebook über hundert Beiträge gepostet, die unter dem Titel „Abu Jürgen“ als E-Book erschienen sind: eine groteske Fantasie, wie man über den fiktiven deutschen Botschafter Abu Jürgen ein „delicious german visum“ ergattern könnte, um in dieses Land zu kommen. Was hat Sie auf diese Idee gebracht?

Assaf Alassaf: Als im Herbst 2014 die große Flüchtlingsbewegung begann, verließen auch viele meiner Freunde den Libanon, wo ich damals lebte. Sie gingen in die Türkei, nach Europa, auf den verschiedensten Wegen, mit der Hilfe teurer Schlepper, manche mit Visa … Auch ich hatte das Gefühl: Libanon kann für uns Syrer nur ein Zwischenstopp sein. Ich habe mich gefragt, was ich selbst tun sollte nach zwei Jahren im Libanon. Ich hatte nicht das Geld, einen Schlepper zu bezahlen, ich habe eine Frau und zwei Töchter, die drei und fünf Jahre alt sind. Ich habe dann begonnen, auf Facebook diese fiktive Geschichte zu schreiben. Ich wollte auch weg, wusste aber nicht, wie. Es war eine Art Ersatzhandlung. Ein Spaß. Ich hatte keinen Plan.

Aber jetzt, ein Jahr später, sitzen wir hier in der luxuriösen Umgebung des Literarischen Colloquiums in Berlin. Was ist geschehen, ganz ohne Plan?

Assaf Alassaf: Die Geschichte beginnt ja schon früher. Ich habe 2011 Syrien verlassen, wegen des Kriegs und weil ich ein paar Probleme mit dem Regime hatte und mir die Verhaftung drohte. Ich bin nach Mauretanien gegangen und habe dort als Zahnarzt gearbeitet. Dann bin ich, eigentlich nur für ein paar Tage, nach Beirut gefahren, um mich dort mit meiner Familie zu treffen; nach Syrien, wo sie noch lebten, konnte ich ja nicht. Ich hatte ein Rückflugticket, habe aber in einem verrückten Moment spontan beschlossen, mit meiner Frau und meinen Kindern im Libanon zu bleiben. Alles, was ich noch besaß, war in Mauretanien, aber zum Glück hatte ich meine Dokumente dabei. Als Syrer konnte man 2014 noch einfach mit seinem Pass in den Libanon einreisen und sechs Monate bleiben. Alle sechs Monate musste man das neu beantragen. 2015 hat sich das geändert, die Regeln wurden noch enger. Von da an war klar, dass man als Syrer unerwünscht war. Man arbeitete und wohnte illegal. Es war eine Situation, in der man nie wusste, was morgen sein würde. Aber es gab für mich keine Möglichkeit, das Land zu verlassen.

Aber jetzt sind Sie hier …

Assaf Alassaf: Das habe ich meinem Buch zu verdanken. Die Heinrich-Böll-Stiftung hatte ein Programm gestartet zur Übersetzung von arabischen Texten. Dabei hat Sandra Hetzl meine Internet-Posts über „Abu Jürgen“ entdeckt und übersetzt, beim Verlag Mikrotext wurden sie als E-Book veröffentlicht. Das führte zu jener Einladung in die Münchner Kammerspiele im Oktober 2015 zum Open-Border-Kongress, die mir ein legales Schengen-Visum für drei Monate verschaffte. Am Flughafen in Beirut allerdings bekam ich einen Stempel in meinen Reisepass, der mir die Wiedereinreise in den Libanon untersagte. Das konnte ich meiner Familie nur noch telefonisch mitteilen. Als ich in Deutschland einreiste, habe ich dann sofort Asyl beantragt. Ich hatte keine Wahl. Vor zwei Tagen habe ich jetzt eine Erlaubnis für drei weitere Monate bekommen, danach hoffe ich auf eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Und auf den Nachzug meiner Familie, was ja im Moment auch nicht einfacher wird.

Assaf Alassaf: „Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter“

 
Mehr zum Buch auf der Webseite von mikrotext

Warum sind Sie nach Berlin gekommen?

Assaf Alassaf: Weil das Prozedere dort schneller geht. In Bayern wurde mir gesagt, dass ich auf die Aufenthaltsgenehmigung sieben, acht Monate warten muss.

Sie sind dann zunächst in einer Turnhalle in Berlin-Zehlendorf untergekommen?

Assaf Alassaf: Ja. Ich habe die ersten 14 Tage bei meiner Verlegerin Nikola Richter gewohnt, dann bin ich ins Lager umgezogen, für sechs Wochen. Die große Turnhalle eines Gymnasiums war in zwei Bereiche aufgeteilt, der eine Teil für Familien, der andere für Alleinstehende wie mich. Wir waren circa 80 Leute in einem Raum. Es war im Vergleich mit anderen Lagern relativ komfortabel, weil es Platz gab. Natürlich keinerlei Privatheit, das nicht. Aber es war mir lieber, mit 80 Leuten in einer großen Halle zu sein als mit drei oder vier Personen in einem kleinen Raum. Es gab ein paar Probleme, aber im Großen und Ganzen hatten sie die Situation dort ganz gut im Griff.

Entsprachen diese ersten Wochen in Deutschland Ihren Erwartungen an dieses Land?

Assaf Alassaf: Es ging mir nicht schlecht. Ich habe mir gestattet, den Zivilisationsschock zu genießen. Ich war ja ein Flüchtling erster Klasse im Vergleich zu den meisten anderen, mit dem Flugzeug eingereist und mit einem Drei-Monats-Visum. Ich hatte meine Freunde von den Münchner Kammerspielen, meine Verlegerin, alle unterstützten mich. Vom Goethe-Institut bekam ich drei Monate lang ein Gehalt; das war sehr privilegiert. Und das Lager konnte mich auch nicht wirklich schockieren. Ich habe mich an meine Militärzeit in Syrien erinnert gefühlt. Und dann bekam ich dieses fünf-monatige Stipendium, zwei Monate hier im Literarischen Colloquium Berlin, drei Monate auf Schloss Solitude bei Stuttgart.

In Syrien, Mauretanien und im Libanon haben Sie vor allem als Zahnarzt gearbeitet, jetzt sind Sie ein Schriftsteller. Sehen Sie Ihre Zukunft in Europa als Arzt oder als Autor?

Assaf Alassaf: Ich habe auch in Syrien und im Libanon neben meiner Tätigkeit als Zahnarzt geschrieben und Texte veröffentlicht. Diese Doppeltätigkeit ist bei uns nicht so selten. Aber: „Writers are hungry“, heißt es bei uns. Also werde ich versuchen, auch als Zahnarzt hier wieder Fuß zu fassen. Das wird einige Zeit brauchen. Ich muss vor allem die Sprache lernen.

Das hier ist ein Schreibstipendium. Woran arbeiten Sie im Moment?

Assaf Alassaf: Ich schreibe viel, kleinere Geschichten. Aber ich habe noch keinen Plan für ein Buch. Das kommt hoffentlich auf Schloss Solitude.

Wollen Sie über Ihre Erfahrungen als Refugee in Deutschland schreiben?

Assaf Alassaf: Das weiß ich noch nicht. Allein die Begriffe: Refugee, Flüchtling, Immigrant, Newcomer …

Welchen Begriff würden Sie für sich in Anspruch nehmen? Flüchtling: Das bezieht sich doch vor allem auf das, vor dem man geflohen ist, den Verlust. Newcomer bezieht die Zukunft mit ein, das Neue. Womit fühlen Sie sich eher gemeint?

Assaf Alassaf: Das ist kompliziert. Ich bin beides. Vor fünf Monaten habe ich noch gedacht, Deutschland ist meine Zukunft. Da bleibe ich für immer. Nach drei Monaten hier habe ich meine Meinung geändert. Jetzt denke ich flexibler: Vielleicht werde ich nach sechs, sieben, acht Jahren zurückgehen, vielleicht. Falls der Krieg dann vorbei ist. Vielleicht werden aber meine Kinder, falls sie herkommen können, das dann nicht mehr wollen. Ich weiß es nicht. Vielleicht muss ich dann hierbleiben. Oder in die Türkei gehen. Oder an einen anderen Ort. Der entscheidende Begriff jetzt ist für mich Flexibilität. Ich muss offen bleiben und frei.

Geflüchtet und angekommen? – Künstler aus Syrien

Sie haben ja einige Erfahrungen mit Zufällen gemacht. Leben ohne Plan kann weit führen, das erzählt doch Ihre Geschichte bis hierher.

Assaf Alassaf: Der entscheidende Moment war, als ich Syrien verließ. Das hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Das war wie eine zweite Geburt. Bis dahin hatte ich eine kleine Welt in meinem Kopf, bestimmte Regeln, Bilder, Erinnerungen, Pläne. Damit hätte ich alt werden können. Das alles habe ich zurückgelassen, diesen Kosmos, der 35 Jahre lang für mich gegolten hatte. Das war restlos zerstört für mich. Aber jetzt weiß ich: Das war auch eine Chance. Ich habe gelernt, optimistisch damit umzugehen. Ich liebe Syrien, ich habe mein Leben dort geliebt. Aber es war eine kleine Welt. Jetzt ist alles möglich; ich kann die ganze Welt entdecken.

Die kleine Welt Deutschland, in der Sie jetzt seit Oktober 2015 leben – hat sie Ihren Erwartungen entsprochen?

Assaf Alassaf: Mein Wissen, bevor ich herkam, hatte ich nur aus Büchern und Filmen. Nachdem ich den Zivilisationsschock ausgekostet hatte, habe ich begonnen, genauer hinzugucken. Und festgestellt, dass sich der große Unterschied nur in unseren Köpfen, in unseren Stereotypen befindet. Wir sind gar nicht so verschieden. Die Deutschen sind freundlich, aufgeschlossen, mir scheinen sie weniger fremdenfeindlich als die Syrer. Sogar in Leipzig waren alle nett zu mir. Und davor hatten mich alle deutschen Freunde gewarnt. Verallgemeinerungen gelten für mich alle nicht mehr. Das Leben in Deutschland, in Europa, unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem in Syrien. Die Welt hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren sehr verändert, und die Kulturen haben sich dabei immer weiter angeglichen.

Wenn ich durch Berlin gehe, sehe ich wie in Syrien vor allem eins: die große Mixtur. Menschen von überallher, schwarz, weiß, gelb. Ich kann entscheiden, wie ich hier leben will: als Deutscher, auch wenn ich aus Syrien stamme, oder in einer kleineren, abgeschotteteren Gemeinschaft. Klar, es wird ein paar Probleme geben, aber wo gibt es schon die perfekte Welt? Was ich in den letzten Monaten gelernt habe: Wenn ich plötzlich hier leben kann als ein Schriftsteller, dann kann ich überall leben. Das einzige, was für mich und für meine Kinder zählt: Es muss ein sicheres Land sein. Das Paradies gibt es nicht. Auch nicht in Deutschland. Man muss überall kämpfen, um eine Zukunft zu haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Barbara Burckhardt führte das Interview. Sie ist Theaterkritikerin und Redakteurin bei „Theater heute“. Sie war von 2005 bis 2007 und von 2014 bis 2016 Jurorin des Berliner Theatertreffens und von 2010 bis 2013 in der Jury der Mülheimer Stücke.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2016

Jetzt kommentieren