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Deutsches Auswandererhaus: Zwischen Traum und Ungewissheit

Im Deutschen Auswandererhaus bekommen Besucher eine Ahnung davon, was Flucht und Migration für den Einzelnen bedeuten. Zudem macht das Museum in Bremerhaven eindringlich klar, dass auch viele Deutsche ihre Heimat verlassen mussten.

An der Holzfassade des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven prangt ein großes Plakat. „Träume!“ steht darauf – eine Aufforderung an den Besucher, die Geschichten, von denen er im Inneren des Hauses erfahren wird, nicht nur als Drama zu verstehen, sondern auch als Aufbruch, der den kühnsten Wünschen folgt. Und ist es nicht wahr? Ist der Abschied von der Heimat nicht oft der Anfang eines besseren Lebens? Sind Auswanderer nicht Abenteurer, die den Mut gefasst haben, in der Fremde ihr Glück zu suchen? Ist Auswanderung für die Menschen nicht immer auch eine Reise auf den Spuren ihrer Träume?

So einfach ist es nicht, das kann man im Auswandererhaus erfahren. Seit 2005 steht es als einziges deutsches Migrationsmuseum in jenem Hafen, von dem ab 1830 rund 7,2 Millionen Menschen in die „Neue Welt“ aufgebrochen sind. Genau an der Stelle, an der heute das Auswandererhaus mit seiner auffälligen und doch nicht protzigen Architektur steht, haben sich einst die Menschen mit schwerem Herzen versammelt, um vor der großen Überfahrt Lebewohl zu sagen. Auswanderung bedeutet, der Heimat den Rücken zu kehren, die eigenen Wurzeln zu kappen und in eine ungewisse Ferne aufzubrechen. So etwas tut sich keiner an, der nicht triftige Gründe dafür hat, und diese Gründe hatten meist wenig mit Fernweh oder Abenteuerlust zu tun. Sondern mit Not, Krieg, Repression, politischen Zwängen.

Abhängig von der Willkommenskultur anderer

Das Auswandererhaus rückt Perspektiven zurecht und leistet damit gerade heutzutage einen wichtigen gesellschaftlichen Dienst. Das Thema Flüchtlinge ist gegenwärtig, beharrlich pflegen manche Deutsche ihre Angst vor vermeintlicher Überfremdung und betrachten Asylbewerber als Bedrohung. Da ist es wichtig, dass jemand ein Bewusstsein für die Hintergründe einer solchen Völkerbewegung stiftet. Erstens damit man besser versteht, welches Martyrium das Auswandern mit sich bringen kann. Zweitens damit man einsieht, dass Auswanderung und Flucht in der Geschichte nicht nur „die anderen“ betroffen haben, wie manche Europäer in ihren Wohlstandsstaaten glauben. Auch Deutschland war mal ein Auswandererland, Deutsche waren oft abhängig von der Willkommenskultur anderer. Mancher kann das im Auswandererhaus am eigenen Stammbaum ablesen – es gibt einen Raum zur Familienrecherche, in dem Besucher am Computer den Wegen der Verwandtschaft nachspüren können.

Auswanderung beginnt mit dem Abschied, und das Erlebnismuseum tut das auch. In einer Halle breitet sich die Atmosphäre eines Novembermorgens vor der Bordwand des Dampfers Lahn aus. Der Kai liegt im schummrigen Laternenlicht, Wagen mit Gepäck stehen herum, das Schiff ächzt. Und in den Gesichtern der Wachsfiguren, die die Museumsdesigner in den Raum gestellt haben, stehen bange Erwartung, Schmerz, Nachdenklichkeit. Manche überlegten es sich hier noch einmal anders.

Was wurde in der „Neuen Welt“ aus den Auswanderern?

Das Auswandererhaus wuchert nicht mit Eindrücken, es dramatisiert die Migration nicht. Die Ausstellung richtet einen nüchternen Blick auf die Wanderungen, die das Leben dramatisch änderten. Das Museum macht einerseits die Überfahrten erlebbar, indem es in den Bauch eines Segelschiffs führt, auf dem frühe Auswanderergenerationen mit Seekrankheit, Langeweile, schmaler Kost und miserabler Hygiene zu kämpfen hatten. Andererseits ist sie sehr nah bei den Einzelschicksalen. Jeder Besucher bekommt eine Auswandererbiografie mit auf den Weg durch die Ausstellung, die er sich mittels Chipkarte an den diversen Stationen erzählen lassen kann. Zum Beispiel die von Erich Koch-Weser aus Bremerhaven, Politiker der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und Innen- und Justizminister in der Weimarer Republik, der Ende 1933 nach der Machtergreifung der Nazis Richtung Brasilien aufbrach.

Wer das Auswandererhaus durchwandert, erlebt eine Stille mit Geräuschen, hört den Wind in den Segeln, das Husten in den finsteren Schlafräumen, die Signale der großen Dampfer vor der Abfahrt. Der blickt aus Bullaugen auf die schaukelnde See, erlebt die düsteren Seiten der Überfahrt – aber auch die annehmlichen in der ersten Klasse der großen Auswandererdampfer. Das Haus lässt die Stimmungen der damaligen Auswanderergesellschaft wirken. Und es vermittelt die emotionale Dimension von Ankunft und Neuorientierung. Viele Neuankömmlinge hatten im Wirtschaftswunderland USA ein beschwerliches Leben als Hilfsarbeiter. Andere machten Karriere. Zum Beispiel Carl Laemmle, der 1884 als 17-Jähriger von Bremerhaven Richtung New York startete und später einer der erfolgreichsten Filmproduzenten Amerikas wurde.

Es ist eine aufwühlende Erfahrung, den Wegen der Auswanderer zu folgen und sich hineinzuversetzen in ihre Nöte, Hoffnungen, unerfüllten und erfüllten Träume. Unweigerlich findet man eine Verbindung zur Flüchtlingsbewegung von heute. Sie ist noch zehrender und verzweifelter als jene der deutschen Auswanderer von einst. Und man wünschte sich sehr, dass eines Tages Frieden einkehren könnte in Syrien, Eritrea oder Afghanistan, so dass auch dort ein Museum entstehen kann, an dessen Fassade das Wort „Träume!“ prangt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Thomas Hahn ist Norddeutschland-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“.

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August 2016

Menschen verlassen ihr Zuhause: kurzzeitig, um die Welt kennenzulernen und neue Erfahrungen zu machen – oder dauerhaft, um woanders Fuß zu fassen. Manche wollen, andere müssen ihre Heimat verlassen.

Wir wollen wissen, warum Menschen sich über Ländergrenzen hinweg bewegen und wie es ihnen dabei ergeht. Außerdem wollen wir einen Blick auf soziale und politische Fragen werfen, die durch Migration, berufliche Mobilität und Tourismus entstehen.

Schwerpunktthema Ortswechsel

Kommentare

Robert Dezelak
24. November 2016

Die Menschen sind immer auf den Such nach einem besseren Leben.
Auch viele Slowenen musten ende Zweiten Weltkrieges ihre Heimat verlassen.
Deutschland tut an der Zeit viel Gutes fuer Fluechtige, was nicht der Fall fuer Europa ist.

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