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Indonesien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2015: Agus R. Sarjono im Interview

Exotisch und poetisch, traditionell und modern: Indonesien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2015. Wir haben mit dem Schriftsteller Agus R. Sarjono darüber gesprochen, was die Besonderheit der indonesischen Literatur ausmacht, warum sie in Deutschland und dem übrigen Europa noch nicht so bekannt ist und welche Chancen die Frankfurter Buchmesse der Literaturwelt Indonesiens bietet.

Die Frankfurter Buchmesse findet vom 14. bis 18. Oktober 2015 statt. Unter dem Motto „17.000 Inseln der Imagination“ gibt Indonesien, das viertgrößte Land der Welt, erstmals im deutschsprachigen Raum vielschichtige Einblicke in seine reiche Literatur- und Kulturlandschaft.

Können Sie ein wenig über die Literatur Indonesiens erzählen? Was ist das Besondere an indonesischer Literatur? Was unterscheidet sie von europäischer Literatur?

Agus R. Sarjono: Indonesiens literarische Ära reicht relativ weit zurück. In der indonesischen Literatur finden sich klassische Erzählungen wie Arjuna Wiwaha, aber auch solch lange Epen wie Ila Galigo. Später – in der Zeit der islamischen Sultanate – wurden dann verschiedene Gedichte und Märchen geschrieben. Ein Schriftsteller, der sich hierbei von anderen absetzte und in indonesisch-malaiischer Sprache schrieb, war Hamzah Fansuri. Seine Gedichte zeigen seine persönliche Auseinandersetzung mit gottbezogenen und religiösen Themen. Später folgten Ronggowarsito (javanisch), Raja Ali Haji (malaiisch) sowie Haji Hasan Mustapa (sundanesisch). Mustapas Gedichte gelten noch bis heute als zeitgenössische Lyrik.

Die Geburtsstunde der modernen indonesischen Literatur fällt in die Zeit der niederländischen Besatzung, als indonesische Intellektuelle mit westlicher Literatur in Berührung kamen. Im Bereich der Lyrik war Amir Hamzah der letzte malaiische Poet, der in seinen Werken die malaiischen und westlichen Traditionen miteinander verband. Chairil Anwar wiederum gilt in Indonesien als erster moderner Lyriker. Weitere große indonesischer Dichter – um nur einige zu nennen – sind WS Rendra, der große Meister seines Fachs, der während der Zeit der Neuen Ordnung wiederholt ergriffen und verhaftet wurde, und Sutardji Calzoum Bahcri, der den Beinamen „Präsident der Lyriker Indonesiens“ trägt.

Die Mitglieder der jungen Generation von Schriftstellern schlagen unterschiedliche Wege ein. Zu nennen sind hier einige berühmte Vertreter, unter anderem Afrizal Malna, Acep Zamzam Noor, Dorothea Rosa Herliany, Jamal D. Rahman, Djoko Pinurbo und Nenden Lilis Aisyah.

Zur Person

Agus R. Sarjono ist einer der bedeutendsten Lyriker Indonesiens. Er schreibt Gedichte, Kurzgeschichten, Essays, Kritiken und Dramen, die vor allem in Publikationen in Indonesien, Malaysia, Brunei sowie in verschiedenen Journalen in Deutschland, den Niederlanden, England und den USA erschienen sind.

Agus R. Sarjono auf der Frankfurter Buchmesse

Gespräch mit dem indonesischen Autor Agus R. Sarjono und der freien Schriftstellerin Ulla Lenze aus Berlin zum Thema „Literarischer Perspektivenwechsel: Indonesien – Deutschland“

Der Bereich der Prosa ist nicht weniger interessant. Die Romane und Kurzgeschichten Mochtar Lubis‘ sind berühmt und faszinieren alle, ganz gleich, ob sie aus Jakarta oder aus dem tiefsten Dschungel Sumatras kommen. Pramoedya Ananta Toer ist natürlich ein Name, der weithin bekannt ist. Er war derjenige, der im Meisterwerk seiner Buru-Tetralogie eingehend die Geburt der Nation thematisierte. Mochtar Lubis und auch Pramoedya Ananta Toer wurden von zwei Regimen bekämpft: sowohl von der Alten Ordnung als auch von der Neuen Ordnung.

Auch Umar Kayam kann zu den glänzenden Schriftstellern gezählt werden. Inmitten des antikommunistischen Regimes nahm er Opfer der „Bewegung 30. September“ bei sich auf, die verdächtigt wurden, linksgerichtet zu sein. Dieser Vorfall wurde unerschrocken von Ahmad Tohari in seiner berühmten Trilogie Die Tänzerin von Dukuh Paruk aufgegriffen. Danarto wiederum schreibt äußerst interessante Kurzgeschichten im Stil des konventionellen Realismus, und Nh. Dini schlug bei den Lesern der indonesischen Literatur mit ihrem Roman Pada sebuah kapal („Auf einem Boot“) ein, in welchem sie die Themen Sexualität und Weiblichkeit sehr offen darstellt. Diesem Weg beschreitet Ayu Utami mit ihrem Roman Saman ebenfalls.

Das Aufeinanderprallen und der Dialog zwischen den Kulturen des Westens und des Ostens scheinen die wichtigsten Themen der indonesischen Literatur, insbesondere im Bereich der Prosa, zu sein. Achdiat Karta Miharjas Roman Atheis (erschienen 1949) greift beispielsweise ein Thema auf, das demjenigen in Schnee von Orhan Pamuk sehr ähnelt. Das Motiv von Identität und der Spaltung zwischen Ost und West seit den 1970er Jahren ist inzwischen jedoch kein Thema mehr und wird von Autoren wie Putu Wijaya, Budi Darma, Danarto und den Vertretern der heutigen Generation nicht mehr aufgegriffen.

Indonesien: Inseln der Imagination

Warum kennt in Deutschland und anderen Ländern Europas kaum jemand indonesische Literatur?

Agus R. Sarjono: Die Literatur Indonesiens ist in Deutschland und dem Rest Europas nicht sehr bekannt, da sie nie ernsthaft bekannt gemacht wurde. Es gab keine systematischen und fortgesetzten Bemühungen im Übersetzen und Verständlichmachen des Reichtums der indonesischen Literatur, weder der klassischen und erst recht nicht der modernen. Das mag seine Ursache darin haben, dass die Führungseliten Indonesiens nicht zu denjenigen zählten, die gerne lasen, ganz zu schweigen davon, dass sie sich mit Literatur beschäftigten und diese wertschätzten.

Zweitens wurde Literatur lange Zeit nur als Mittel angesehen, gegen die Regierung zu protestieren. So erfolgte das Heranführen des deutschen und europäischen Publikums an die indonesische Literatur nur sporadisch und begrenzt und ist den Aktivitäten der Schriftsteller selbst sowie der Aufmerksamkeit ihrer Freunde oder Intellektuellen und Akademiker in Deutschland und Europa zu verdanken. Es gab meist nur wenige Übersetzungen oder aber diese konnten in ihrer Qualität nicht überzeugen, so dass die Leser in Deutschland und Europa enttäuscht waren.

Pramoedyas‘ Romane beispielsweise wurden zunächst in nicht sehr ansprechender Qualität ins Englische übersetzt, so dass zwar Pramoedyas Name aufgrund seines politischen Schicksals immer bekannter wurde, doch sein Werk nicht diese Bedeutung erreichte, da die Übersetzung nicht gut war. Angenommen, Gabriel García Márquez’ Meisterwerk Cien años de soledad („One Hundred Years of Solitude“/„Hundert Jahre Einsamkeit“) hätte nicht einen solch herausragenden Übersetzer wie Gregory Rabassa gehabt: Es wäre unvorstellbar, dass das englischsprachige Publikum so begeistert gewesen wäre, und Márquez hätte sicherlich nicht den Literaturnobelpreis gewonnen, den er selbstverständlich völlig zu Recht erhalten hat.

Ein weiterer Umstand – und ein internes Problem der indonesischen Literatur – ist, dass es viele indonesische Werke gibt, sei es Prosa oder Lyrik, die nur eine schlechte Kopie oder ein schwaches Echo der Tradition westlicher Literatur abgeben. Man kann doch nicht annehmen, dass deutsche (oder andere ausländische) Leser an so etwas Interesse haben oder bereit sind, Werke zu lesen, die nur eine Kopie aus der Tradition der westlichen Literatur darstellen und im Westen bereits der Vergangenheit angehören. So wie die deutsche Öffentlichkeit auch nicht an gefälschten Adidas-Schuhen interessiert sein wird, sondern eher an authentischen, in Indonesien gefertigten Schuhen.

Frankfurter Buchmesse: Ehrengast 2015 Indonesien

Indonesien ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Welchen Einfluss hat diese Tatsache auf die indonesische Literatur und wird dies mit Optimismus betrachtet?

Agus R. Sarjono: Ehrengast der größte Buchausstellung der Welt zu sein ist etwas sehr Bedeutendes; man erlebt dies nur einmal im Leben. Leider konnten nicht alle Menschen und auch nicht alle Völker die Gelegenheit nutzen, die ihnen auf der Frankfurter Buchmesse gegeben wurde. Ich hoffe sehr, dass Indonesien diese einmalige Chance bestmöglich ausschöpfen wird.

Der Einfluss der Frankfurter Buchmesse auf die Verlags- und Literaturwelt Indonesiens kann sehr groß sein, wenn Indonesien es als Ehrengast schafft, sich als Land zu präsentieren, das eine Tradition des Schreibens hat, intellektuell und literarisch geprägt ist und eine Vielzahl an Kulturen besitzt. Indonesien muss die Gelegenheit nutzen, um besonders gute Übersetzer zu finden und außergewöhnliche und exzellente Werke der indonesischen Literatur zu präsentieren – ganz gleich, ob der Autor noch lebt oder bereits gestorben ist.

Zu den Schriftstellern, deren Werke unbedingt angeboten werden sollten, gehören Sutardji Calzoum Bachri, Danarto, Putu Wijaya, Budi Darma sowie Dorothea Rosa Herliany, aber auch Ayu Utami, Afrizal Malna, Seno Gumira Adjidarma und Acep Zamzam Noor. Neben den Autoren gibt es noch wichtige Förderer der Literaturszene wie zum Beispiel Rida K. Liamsi, Bre Redana, Jamal D. Rahman und Putu Fajar Arcana. Außerdem ist es wichtig, sich nicht ausschließlich auf Autoren aus Jakarta oder Java zu konzentrieren, sondern auch Schriftsteller aus anderen Teilen Indonesiens vorzustellen.

Sollte das wichtige Ereignis, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse zu sein, jedoch dominiert werden vom Stigma des Exotischen Indonesiens wie Musik, Tanz und Kulinarisches, so wäre es eine verlorene Gelegenheit und Indonesien würde abgestempelt als Volk ohne angemessene Schreibkultur. Und nicht auszudenken, wenn die Autoren, die zur Frankfurter Buchmesse erscheinen, nur Mittelmaß wären, so dass ihr Einfluss kontraproduktiv wäre.

Was kann Indonesien tun, damit die Welt mehr über indonesische Literatur erfährt?

Agus R. Sarjono: Indonesien muss es fortführen, seine besten literarischen Werke durch gute Übersetzer im Ausland bekannt zu machen, und es muss gute Schriftsteller ins Ausland schicken, damit diese dort schreiben, diskutieren und aus ihren Werken lesen.

Interview: Novel Meilanie

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October 2015

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