Sie sind hier:

Analphabetismus in Deutschland: Mehr als sieben Millionen Erwachsene können kaum lesen und schreiben

1 Kommentare
2 Finde ich gut
Analphabetismus in Deutschland: Mehr als sieben Millionen Erwachsene betroffen

In Deutschland leben etwas mehr als 80 Millionen Menschen. Darunter rund 7,5 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren, die als „funktionale Analphabeten“ kaum lesen und schreiben können. Doch für Betroffene gibt es Hilfe.

Weltweit können nach Angaben der UNESCO rund 780 Millionen Menschen nicht oder kaum lesen und schreiben. Betroffen sind nicht nur arme Länder oder solche, in denen Krieg und Bürgerkrieg einen geregelten Schulbetrieb über Jahre unmöglich machen. Auch in Deutschland sind viele Menschen „funktionale Analphabeten“. Das heißt: Sie können so schlecht lesen und schreiben, dass sie im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen sind.

Von den insgesamt gut 80 Millionen hier lebenden Menschen sind einer Studie der Universität Hamburg zufolge rund 7,5 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren von Analphabetismus betroffen. 7,5 Millionen – das sind ungefähr so viele Menschen, wie die vier größten deutschen Städte Berlin, Hamburg, München und Köln zusammen an Einwohnern haben. Eine erschreckend hohe Zahl. Doch für all jene, die den Entschluss fassen, Lesen und Schreiben doch noch zu lernen, gibt es zahlreiche Angebote. Dass es sich lohnt, davon Gebrauch zu machen, zeigen viele Beispiele. So wie das von Tim-Thilo Fellmer.

Video „Nur Mut! Der nächste Schritt lohnt sich.“

Eigentlich hatte sich der kleine Tim-Thilo auf die Schule gefreut. Schreiben würde er dort lernen. Lesen würde er bald können. Ganz neue Welten würden sich ihm eröffnen. So dachte er sich das jedenfalls. Doch schon bald musste er feststellen, dass er irgendwie den Anschluss verpasste an die Mitschüler um ihn herum. „Damit habe ich mich unheimlich schlecht gefühlt“, sagt Fellmer. „Wenn man da immer mehr oder weniger der Letzte ist und nicht kann, was die anderen schon können, dann ist das ein Gefühl von Überforderung, auch von Traurigkeit, die einen da immer begleitet, und auch von Angst.“

Zwar blieb den Lehrern Tim-Thilos Schwäche nicht verborgen. Aber wirklich helfen konnten sie ihm in der Klasse mit 30 Kindern auch nicht. Nachdem er bereits die erste Klasse wiederholen musste, wurde ihm im zweiten Schuljahr die Diagnose „Lese-Rechtschreib-Schwäche“ (Legasthenie) gestellt. Doch diese Diagnose war falsch, weiß Fellmer heute. Legasthenie ist eine angeborene Lese- und Rechtschreibschwäche. Sie ist vererbbar und hat ihre Ursache im Gehirn. Betroffene können gezielt gefördert werden. Legastheniker bleiben sie zwar trotzdem ihr Leben lang, ihrem Schul- und Berufserfolg muss dies jedoch nicht im Wege stehen.

Strategien der Verschleierung von Analphabetismus

Gezielt fördern müsste man auch Nicht-Legastheniker, die schlecht lesen und schreiben können. Aber eben anders als Legastheniker. Denn im Gegensatz zur Legasthenie hat Analphabetismus keine medizinische Ursache. Er entsteht vielmehr durch ungünstige Lebensumstände, zum Beispiel häufige Umzüge in der Grundschulzeit oder psychische und familiäre Probleme. Doch viel zu oft bleibt Analphabetismus unentdeckt oder wird falsch interpretiert.

Das liegt auch daran, dass Analphabeten nicht selten enorme Fähigkeiten darin entwickeln, ihre Schwäche zu verbergen. Das beginnt schon in der Schule, wo sie im Schriftlichen tricksen und im Mündlichen versuchen zu glänzen. Auch im Beruf bleibt oft lange unentdeckt, wenn die Kollegin oder der Kollege nicht lesen und schreiben kann. So wie bei der Fahrgastbetreuerin Tina F., die das Streckennetz und den Fahrplan der Berliner S-Bahn auswendig lernte, damit sie Fahrgästen, die von ihr die kürzeste Verbindung oder die Abfahrtszeiten bestimmter Züge wissen wollten, Auskunft geben konnte.

Für so etwas braucht man natürlich Hilfe. Ein Analphabet, der seine Schwäche verbergen will, benötigt deshalb immer „Komplizen“, die ihn in entscheidenden Situationen unterstützen. Beim Ausfüllen von Formularen etwa, beim Lesen einer Gebrauchsanleitung oder eben beim Auswendiglernen des S-Bahn-Fahrplans, wie im Fall von Tina F.

Ein völlig neues Leben

Auch Tim-Thilo Fellmer hat sich trotz Analphabetismus bis zum Alter von etwa 25 Jahren durch die Schule und das junge Erwachsenenleben geschummelt. Mit viel Wohlwollen der Lehrer reichte es gerade so zum Hauptschulabschluss und mithilfe seines Vaters fand er sogar eine Lehrstelle in einer Autowerkstatt. Aber „irgendwann war der Leidensdruck einfach zu groß. Da bin ich erstmal in ein ganz tiefes Loch gefallen. Und da habe ich mich entschlossen etwas zu versuchen, was ich mir eigentlich gar nicht zugetraut habe.“

Er begann Kurse zum Lesen- und Schreibenlernen an der Volkshochschule zu besuchen, um über viele Jahre das nachzuholen, was ihm in der Schule nicht gelungen war. Manchen Rückschlag hat er dabei weggesteckt. Auch mal einen Kurs abgebrochen. Doch schließlich ist der Knoten geplatzt. Immer besser ging es mit dem Lesen. Und es machte immer mehr Spaß. So viel Spaß, dass er bald alles verschlang, was ihm an Literatur in die Finger kam. Da öffneten sie sich dann tatsächlich, die neuen Welten, von denen er als Kind geträumt hatte.

Geöffnet hat sich für Tim-Thilo Fellmer damit auch die Tür zu einem völlig neuen Leben. Ein Leben, in dem das Schreiben sogar zu seinem Beruf geworden ist! Als erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor mit eigenem Verlag ist er ein Beispiel dafür, dass sich die Mühe des späten Lesen- und Schreibenlernens lohnt und man sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lassen darf. Zehn Jahre hat Fellmer gebraucht. Eine lange Zeit. Aber am Ende steht ein freies, selbstbestimmtes Leben ohne die Angst und die Scham, die ihn früher bedrückten.

Tim-Thilo Fellmer: „Früher Analphabet, heute Erfolgsautor“

Tabuthema Analphabetismus

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, lautet ein deutsches Sprichwort. Was heißen soll: Was man als Kind in der Schule zu lernen versäumt, das lernt man als Erwachsener erst recht nicht mehr. Wie die Geschichte von Tim-Thilo Fellmer zeigt, ist das natürlich Unsinn!

Tatsache ist aber auch, dass in Deutschland nur ein Bruchteil der Betroffenen die Alphabetisierungskurse besucht, wie sie in jeder größeren Stadt angeboten werden: Nur etwa 20.000 bis 30.000 Lernende sind nach Auskunft des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung in solchen Kursen eingeschrieben – eine erschreckend kleine Zahl.

Diskussion über Analphabetismus in Deutschland

Hätten Sie gedacht, dass die Zahl der Analphabeten in Deutschland trotz Schulpflicht und guter Bildungsmöglichkeiten für alle so hoch ist? Wie ist die Situation in Ihrem Land? Diskutieren Sie in der Alumniportal-Community über Analphabetismus in Deutschland und weltweit!

Autor: Andreas Vierecke

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Möglicherweise unterliegen zusätzliche Inhalte wie Bilder und Videos jeweils zusätzlichen Bedingungen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit den Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie einverstanden. Zudem gilt folgende Regelung für die korrekte Benennung der Urheber und Quelle sowie Übersetzungen.

Tesfay

Tesfay sagt...

21. April 2016

Ich habe immer von ca. eine Million Analphabeten geschätzt. Es ist einbißchen viel.



Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Berechnung an.
Captcha
=
Aufgabe neu laden