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Einkaufen ohne Verpackung bei „Freikost Deinet“ in Bonn

Vegane Gummibärchen aus dem Spender, Shampoo am Stück und Müsli auf Knopfdruck: Was selbst im Bio-Supermarkt in Plastikbeuteln oder Kartons im Regal steht, wird bei „Freikost Deinet“ in Bonn verpackungsfrei angeboten. Das spart Müll, schont die Umwelt – und macht in Deutschland Schule.

16 Millionen Tonnen Verpackungsmüll fallen in Deutschland jährlich an, jeden fünften Tag schleppt der Durchschnittsbundesbürger eine neue Plastiktragetasche aus dem Supermarkt mit nach Hause. Aber müssen Käsescheiben wirklich auf Styropor gebettet werden? Müssen Gemüsegurken eine zweite Haut aus Plastik haben? Und: Muss bei jedem Einkauf eine neue Tüte her?

Nein, findet Hilke Deinet. Gemeinsam mit ihrem Mann Tim, einem Lebensmittelanalytiker, bietet die studierte Geografin und Hotelfachfrau in ihrem Laden im Bonner Stadtteil Duisdorf seit 2014 neben klassisch verpackten Bioprodukten über 300 ökologisch und fair hergestellte Waren lose an. Darunter sind Obst und Gemüse, Käse und Getreide von Ökobauern der Region, aber auch fair gehandelter Kaffee aus Ostafrika oder Haarseife und Shampoo am Stück.

Wer bei „Freikost Deinet“ einkauft, bringt alte Eierkartons, leere Mehlverpackungen, Glasgefäße oder sogar Blecheimer mit in den Laden. Oder er füllt sich Gewürze vor Ort gleich in die eigene Pfeffermühle. Nudeln oder Getreidekörner wandern manchmal aus einem der fast 100 Lebensmittelspender an der Wand direkt in den Topf. „Unsere Kunden sind da sehr phantasievoll“, sagt Hilke Deinet. Für Phantasielose hängen aber auch überall Tüten aus Papier.

Die Idee hinter „Freikost Deinet“

Ihre Geschäftsidee kam Hilke Deinet 2005 bei einem Studienaufenthalt in Australien, wo es – wie in England, Frankreich und den USA – schon ähnliche Konzepte gab. „Seitdem spukte die Idee in meinem Kopf herum“. Zurück in Deutschland versuchte sie zunächst verpackungsarm zu leben: „Aber ich bin oft gescheitert“. Der im Mai 2014 eröffnete Bioladen „Freikost Deinet“ will da Abhilfe schaffen.

Portionsgerecht einkaufen

Ein Einkauf von verpackungsfreien Produkten regionaler Erzeuger verringert Plastikmüll und Emissionen, die durch lange Transportwege entstehen. Aber er hat noch viele andere Vorteile. „Bei uns kann jeder mit dem Rezeptbuch vorbeikommen und sich die nötigen Zutaten gewichtsgenau zusammenstellen“, sagt Hilke Deinet. Und Singles sind nicht gezwungen, Familienpackungen mit nach Hause zu nehmen, deren Inhalt dann vielleicht verdirbt.

Besonders wichtig findet Hilke Deinet auch, dass das Produkt in ihrem Laden den Kunden mit Geschmack und anderen guten Eigenschaften überzeugen muss, weil keine aufgedruckte Marke blendet. In Kundengesprächen schafft sie ein Bewusstsein für Qualität und Mengen, das in der heutigen Werbe-, Fastfood- und Wegwerfgesellschaft zu verschwinden droht: „Wir betreiben auch ein Stück weit Bildungsarbeit.“ Da kann Hilke Deinet dann auch erklären, warum ein in Handarbeit gefertigtes Demeter-Brot „ein bisschen teurer sein muss als ein Brot aus der Bioindustrie“.

Ansonsten überraschen die Preise eher positiv – auch wenn sie natürlich nicht mit dem Discounter vergleichbar sind, der die Einkaufskosten beim Produzenten drückt oder das billigste Produkt aus weiter Ferne holt. „Bei den verpackten Waren haben wir hier ganz normale Bioladen-Preise“, sagt Hilke Deinet. „Und da, wo wir an der Verpackung sparen, können wir im Schnitt sogar einen Euro pro Kilo günstiger sein.“

Bildergalerie: Bei „Freikost Deinet“ werden nicht nur Lebensmittel lose angeboten

  • Freikost Deinet – Porträt Foto (c) Thomas Köster

    „Wir sind ein Bioladen mit Komplettangebot“, sagt Hilke Deinet. „Deshalb bieten wir verpackungsfreie Ware nur da an, wo es sinnvoll und möglich ist.“ Sinnvoll und möglich ist es oft, wie ein Blick in den Verkaufsraum von „Freikost Deinet“ in Bonn-Duisdorf zeigt. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Lebensmittelspender Foto (c) Thomas Köster

    Herzstück des verpackungslosen Grundkonzepts sind diese Lebensmittelspender, in denen bei „Freikost Deinet“ Reis, Nudeln, Getreide und Müsli, aber auch vegane Gummibärchen angeboten werden. Sie kommen aus den USA – nur da werden sie momentan hergestellt. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Waage Foto (c) Thomas Köster

    Direkt nebenan steht die Getreidemühle, auf der das aus den Spendern gezogene Korn gleich für den Hausgebrauch geschrotet werden kann. In der Mitte steht die Waage. Hier sollten die mitgebrachten Gefäße zunächst leer gewogen werden. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Tara-Gewicht Foto (c) Thomas Köster

    Dieses Leergewicht ist das „Tara-Gewicht“. Wenn man es vom gewogenen Gesamtgewicht abzieht, hat man das zu bezahlende Nettogewicht der Ware. Auch das kann man im verpackungsarmen Bioladen lernen, wenn man unter die bereitgestellten Dosen schaut. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Stillleben Foto (c) Thomas Köster

    Wer seine Tüten vergessen hat, kann die Ware auch in Papiertüten stecken, die vor Ort überall aushängen. Sie sind – natürlich – aus Recyclingpapier. Und werben für eine gemeinsame Aktion regionaler Naturkost-Händler. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Käse Foto (c) Thomas Köster

    Besonders üppig ist das Angebot an biologisch hergestelltem Weich-, Schnitt- und Hartkäse aus Kuh-, Ziegen- und Schafsmilch, das sich über zwei Theken erstreckt. Es stammt zumeist von regionalen Erzeugern – genauso wie Wurst und Schinken, Brot und Eier. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Tafel Foto (c) Thomas Köster

    Neben Umgebungsnähe legt der verpackungsarme Bioladen viel Wert auf fair erzeugte Produkte. Und auch ein wenig auf hintergründigen Humor, wie diese Ankündigung von spanischen Orangen direkt von „freilebenden Bauern“ zeigt. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Lauchsellerie Foto (c) Thomas Köster

    Ansonsten gibt es im verpackungsarmen Bioladen vor allem auch Obst und Gemüse der Saison. Hin und wieder wird es von Hand mit Wasser aus der Sprühflasche bestäubt, um es vor dem Austrocknen zu schützen. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Rabatt Foto (c) Thomas Köster

    Was als Einzelstück vielleicht nicht mehr ganz so frisch ist, wird mir Ermäßigung verkauft. Allerdings sollte man im verpackungsfreien Bioladen keine Unmengen an „abgelaufenen“ Lebensmitteln wie im Supermarkt erwarten. Foto (c) Thomas Köster

  • Freikost Deinet – Slogan Foto (c) Thomas Köster

    Hinter „Freikost Deinet“ steckt nicht nur der Wunsch, die Welt durch Müllvermeidung etwas besser zu machen, sondern bei allem Idealismus auch ein durch Zahlen und Aktionen gut durchdachtes Konzept. Foto (c) Thomas Köster

Unverpackt liegt voll im Trend

In Deutschland eröffnete Anfang 2014 in Kiel der erste verpackungsfreie Bioladen – einige Monate später zog „Freikost Deinet“ nach. Innerhalb eines Jahres schossen auch in Dresden, Heidelberg, Mainz, München, Berlin, Schwäbisch Gmünd und Münster ähnliche Angebote aus dem Boden. Man kann beim Einkaufen ohne Verpackung also inzwischen von einem deutschlandweiten Trend sprechen. In Leipzig soll bald auch ein verpackungsfreier Supermarkt entstehen – sofern per Crowdfunding genügend Gründungskapital zusammenkommt.

Bei „Freikost Deinet“ ist man schon weiter. In Bonn-Duisdorf wird das lose Angebot rund ein Jahr nach der Gründung bereits sehr gut angenommen. „Manchmal kommen zwar immer noch Kunden mit Berührungsängsten, die sich nicht an die Lebensmittelspender wagen und zunächst nur Obst und Gemüse kaufen“, sagt Hilke Deinet. „Aber das legt sich schnell.“

Dass der Laden so gut läuft, liegt sicher auch daran, dass die Deinets ihre Vision von einer plastikfreieren Welt mit Unternehmensgründerseminaren, Businessplänen und wirtschaftlicher Weitsicht gut geerdet haben. Ladenhüter wie Essig und Öl flogen schnell aus dem Sortiment. Im Gegenzug wurden Bestseller wie Müsli deutlich aufgestockt. „Bio mit Herz, aber auch mit Kopf“, wie Hilke Deinet sagt.

„Wir wollen keine Kette werden“

Auch bei potentiellen Nachahmern hat sich das Konzept bereits herumgesprochen. Hin und wieder stünde jemand im Laden, um Tipps zu bekommen, sagt Hilke Deinet. „Wir sind auch schon gefragt worden, ob wir unser Konzept nicht in Richtung Franchise weiterentwickeln könnten. Aber wir wollen keine Kette werden.“ Erst einmal will man sich vor Ort noch besser etablieren. „Wir haben ganz viele Pläne. Aber in erster Linie hier. Lokal. Vor Ort.“

Dezember 2015

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Kommentare

David Tillstrom
29. November 2016

I live in the USA now and made contact with lea Ohm before I left Europe, she is a graduate of klinikum Wittenburg. If I would like to maintain contact with Lea, do you have any suggestions

BOUZIANE Bouziane
23. Dezember 2015

Wie kann ich für die Austrittsarbeit auf der Ebene der Deutschland zu suchen wissen, dass ich ein Hochschulebene und zehn Jahre Erfahrung im Management und ich danke Ihnen allen Dank und im letzten Jahr und in Deutschland im Jahr 2016 für jeden seiner Bürger treu treue glücklich

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