6 Finde ich gut

Zwischen eigener Identität und neuer Heimat: Integration in einem fremden Land

Wer ins Ausland geht, möchte dort meist gut ankommen und sich integrieren. Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle und wie geht das überhaupt: Integration? Das Alumniportal hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht – und Deutschland-Alumni erzählen, wie Ihnen Integration gelungen ist und was für sie die größten Herausforderungen waren.

Das Thema Integration scheint in Deutschland angesichts der Flüchtlingsdebatte aktueller denn je. Seit Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ im August 2015 wird diskutiert, wie die Integration vieler Menschen auf einmal gelingen kann. Aber was bedeutet Integration eigentlich? Ist sie in einem fremden überhaupt Land möglich?

Integration ist keine Einbahnstraße, es gehören immer zwei Seiten dazu: Jemand, der sich integrieren möchte oder muss und die Gesellschaft, die denjenigen aufnimmt. Bei der Integration soll sich also eine kleine Außengruppe einer großen Gruppe anschließen und daraus eine homogene Gesellschaft entstehen. Dabei muss sich die Außengruppe der großen Gruppe anpassen. Für die Integration in einem fremden Land bedeutet dies, die Sprache zu lernen, die Gesetze des jeweiligen Landes zu kennen und zu befolgen sowie Rituale und Feiertage der aufnehmenden Gesellschaft zu respektieren.

Welche Faktoren tragen zur Integration bei?

Aber zur Integration braucht es noch viel mehr. Auf der Webseite der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), steht: „Bezogen auf das soziale Zusammenleben bedeutet Integration, dass kulturell und anderweitig verschiedene Personen und Gruppen einer Gesellschaft gleichberechtigt zusammenleben. In diesem Zusammenhang hat Integrationspolitik die Aufgabe, Rahmen für Integration zu schaffen, das heißt Fragen der rechtlichen Gleichbehandlung anzugehen, den Abbau von Diskriminierung voranzubringen, gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung zu fördern und zu unterstützen.“

„Der Prozess der Integration besteht aus Annäherung, gegenseitiger Auseinandersetzung und Kommunikation, dem Finden von Gemeinsamkeiten und Unterschieden und der Übernahme gemeinschaftlicher Verantwortung auf beiden Seiten.“


Quelle: Die Bundesausländerbeauftragte

Der Staat schafft also die Rahmenbedingungen, und die einzelnen Akteure einer Gesellschaft tragen einen großen Teil zum Gelingen der Integration bei – durch eine gute Willkommenskultur. Diese kann sich darin ausdrücken, dass Unternehmen Ausbildungs- und Arbeitsplätze an Menschen mit ausländischen Wurzeln vergeben. Oder dass sich große Teile der Bevölkerung ehrenamtlich engagieren – zum Beispiel, indem sie mit Zuwanderern die Sprache üben oder ihnen bei Behördengängen helfen.

Eine einfache, unkomplizierte und kostengünstige Kontaktaufnahme zur deutschen Gesellschaft bieten auch die Sportvereine. Der Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) leistet seit mehr als 25 Jahren mit dem Programm „Integration durch Sport" einen Beitrag zur Integration von Migrantinnen und Migranten in die deutsche Gesellschaft. Nach eigenen Angaben des DOSB sind über 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie rund 30 Prozent der Erwachsenen mit Migrationshintergrund in Sportvereinen organisiert – „Sportvereine erreichen also Zuwanderer aller Altersgruppen in großer Zahl.“

Kontakt zur einheimischen Bevölkerung besonders wichtig

Dass der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung bei einem Auslandsaufenthalt wichtig ist, bestätigen auch viele Deutschland-Alumni. Vor allem durch Kontakte zu Deutschen fühlten sich bei ihrem Aufenthalt in Deutschland wohl und haben positive Erinnerungen mit nach Hause genommen.

„Zuerst haben wir die Sprache gelernt, dann haben wir die echte deutsche Küche probiert und schließlich Freundschaften geschlossen“, sagt Mary Ann L. Reyes. Sie stammt von den Philippinen und war für ein Jahr in Deutschland. „Zeit mit den neugewonnenen deutschen Freunden zu verbringen war eine Erfahrung, an die ich mich gern erinnere. Wir haben gemeinsam gekocht, sind essen gegangen. Bis heute halten wir den Kontakt – egal wo wir uns gerade befinden auf der Welt. Ich glaube, man kann sich in jedem Land integrieren. Man kann die Kultur nur kennenlernen, wenn man mittendrin ist.“

Lernen Sie Deutschland und die Deutschen kennen

Dr. Teresita Tumapon, die ebenfalls in Deutschland Auslandserfahrung sammeln konnte, schlägt zur Vermeidung eines Kulturschocks im fremden Land Folgendes vor: „Ein Weg ist, vorher etwas über die fremde Kultur zu lesen, um Vorurteile oder unrealistische Erwartungen zu vermeiden. Kenntnisse über die Kultur zu haben macht es einfacher, die Menschen zu verstehen.“

Aber auch für sie ist der Kontakt zu den Menschen ein wichtiger Punkt für Integration: „An traditionellen Festen und kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen, erleichtert die Integration und stärkt die kulturelle Aufgeschlossenheit. Man findet sich besser im Alltag zurecht, wird ungezwungener und fühlt sich dadurch ‚zuhause‘.“

„Die deutsche Willkommenskultur, besonders von der Zivilgesellschaft, hat meiner Familie und mir als Flüchtlinge geholfen, uns ein wenig zuhause zu fühlen. Das lässt mich außerdem hoffen, dass Deutschland unser wirkliches Zuhause werden kann, wenn wir erstmal Deutsch sprechen und hier arbeiten.“


Zum Interview mit Dr. Anan Haidar

Ronaldo T. Limbago war 1997 und 1998 für insgesamt 18 Monate in Deutschland. Er sagt: „Als ich mich sicherer in der deutschen Sprache fühlte, konnte ich die deutsche Kultur und Gesellschaft besser verstehen. Damit bekam ich sehr viel mehr Kontakt zu Deutschen, viele von ihnen akzeptierten mich als einen von ihnen. Da habe ich für immer mit dem Vorurteil aufgeräumt, die Deutschen seien kalt, steif, furchtbar ernst und betrachteten die Arbeit als Lebensmittelpunkt ... Stattdessen sind sie höflich, freundlich, familienorientiert, schätzen ihre Freizeit, und sie genießen es, kräftig zu lachen.“

Balance: Das Fremde kennenlernen, die eigenen Wurzeln bewahren

Für die Integration in einem fremden Land ist es also wichtig, die Sprache zu sprechen und vor allem in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zu kommen. Auch eine sinnvolle Aufgabe wie ein Studium oder eine Arbeitsstelle tragen natürlich dazu bei, dass sich Menschen aus fremden Ländern und Kulturen als Teil der für sie neuen Gesellschaft begreifen.

Eine neue Sprache, eine neue Kultur und neue Rituale, Feste und Feiertage können aber auch die kulturelle Identität verändern. Daher ist es für viele der vom Alumniportal Deutschland zum Thema Integration befragten Alumni wichtig, sich auch die eigenen Wurzeln zu bewahren. Das bestätigt ein Blick in die Einkaufsmeilen deutscher Großstädte: Hier gibt es Afrika- und Asia-Shops oder Läden mit russischen Spezialitäten. Und auch die Religionsgemeinschaften oder Vereine der eingewanderten Kulturen kann man in vielen deutschen Städten und Gemeinden finden.

Deutsche Welle: Weltreise auf der Berliner Kantstraße

Abigail Romero-Estrada war von Oktober 2011 bis Oktober 2012 in Deutschland, das in dieser Zeit zu ihrer zweiten Heimat geworden ist. Trotzdem sieht auch sie Schwierigkeiten bei der Integration in einem fremden Land: „Es erfordert viel Mut, die Dos and Don'ts zu lernen, aber gleichzeitig nicht zu vergessen, was man gewohnt ist. Vielmehr sollte man die Unterschiede vergleichen und versuchen, sich anzupassen. (…) Hier entsteht aber ein Balanceakt, die eigene Herkunft zu bewahren.“

Deutschen im Ausland geht es umgekehrt genauso. Für Florian Schneider, der seit 15 Jahren als deutscher Rechtsanwalt in Moskau arbeitet und lebt, ist das Bewusstsein über seine ursprüngliche kulturelle Identität wichtig: „Ich bin ziemlich offen für die russische Kultur, bewahre mir aber meine deutschen Wurzeln, grenze mich also auch ab. Damit fühle ich mich wohl.“

Auch Rodolfo Perez, Deutschland-Alumnus von den Philippinen, sieht die Balance zwischen der Integration in die fremde Kultur und dem Bewahren der eigenen Kultur als große Herausforderung. Darüber hinaus spielt seiner Meinung nach der Faktor Zeit eine große Rolle: „Alles hängt davon ab, wie lange ich in Deutschland bleibe. Für weniger als sechs Monate lohnt sich das Lernen der Sprache nicht. Möchte oder muss ich aber dauerhaft in Deutschland leben, sollte ich die Sprache und die Kultur gut kennenlernen.“

Diskussion über Integration in der Community

Viele Deutschland-Alumni haben eine längere Zeit im Ausland gelebt und mit der Integration in eine fremde Gesellschaft Erfahrung.

  • Wie integriert man sich im Ausland und wie meistert man die Gratwanderung zwischen Integration und Heimatverbundenheit?
  • Wie stark kann oder möchte man sich integrieren und warum?
  • Empfiehlt sich die Abgrenzung von Landsleuten, um schneller Anschluss zu finden, oder kann es auch Vorteile haben, in einer eigenen Community im Ausland zu leben?

Welche Aspekte sind Ihnen bei diesem Thema besonders wichtig? Und sorgt das Thema Integration auch in Ihrem Heimatland für so viel Diskussionsstoff wie in Deutschland? Berichten sie uns in der Community-Gruppe „Neue Perspektiven auf Migration und Entwicklung“ von Ihren Erfahrungen – wir sind gespannt auf Ihre Beiträge!

Community-Diskussion

Autorin: Verena Striebinger

Februar 2017

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Kommentare

DTS 211
15. Februar 2017

Integration ist heutzutage sehr wichtig!
Jeder will sich wohlfühlen, ob er/sie nun in Deutschland ist oder in Afrika. Jedoch ist es leichter gesagt als getan. Jedes Land und jede Nationalität hat so seine eigene Art und Weise wie man Sachen macht. Als "Fremdling" sich in eine andere neue Welt integrieren lassen ist schwer, weil man seine Gewohnheiten in manchen fällen lassen muss. Auch will man nur akzeptiert werden, ohne dass man von der neuen Gesellschaft beurteilt wird. Ob man wenig oder viel trinken kann, schnell oder langsam rennen kann, sparen kann oder nicht soll jeder jedem in seinem Land einladen und mit der Integration helfen.

Kenja McArthur
15. Februar 2017

Dieses Artikel sagt viel warheid, ueber das problem der Integation. Viele Menschen brauchen ewig bis sie sich: "Zu hauses Fuehlen". Es hilft auch nicht wenn das landt, wo mann sich integrieren moechte, nicht ihnen hilft mit dieser fremden sprache oder ihnen einfach ignorieren.
Zu den Fluechtlinge von Syrien, Vietnam und Afghanistan, ist das eine sache von freiheid. Diese Menschen brauchen ein besseres leben fuer sich selbst und fuer ihre familien. Sie fluechten von den bomben, politikeren und ihr zu hause. Das muessen wir als menschen respektieren, und deswegen stimme ich die Angela Merkle zu, als Volk haben wir die verantwortung um andere zu helfen.

Gustav van Heerden
15. Februar 2017

Nach der Lektüre dieser Website und der Integrationsgeschichte von Luc Degla ist klar geworden, dass kulturelle Identität das größte Problem bei der Integration in eine andere Gesellschaft ist. Die Menschen wollen ihre alten Kulturen, Sprachen und Traditionen behalten, aber sie fühlen sich auch so, als sollten sie eine neue Kultur, Sprache und Tradition akzeptieren, damit sie passen können. Der einfachste Weg dieses Dilemma zu vermeiden ist um die alten Traditionen zu bewahren und Die neuen Traditionen der neuen Gesellschaft zu akzeptieren.

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