0 Finde ich gut

Perfekte Ballkontrolle: Deutsche Torlinientechnik bei der Fußball-WM 2014

Tor oder kein Tor? Bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien wird der Schiedsrichter diese Frage im Zweifelsfall nicht mehr allein entscheiden, sondern mit Torlinientechnik „Made in Germany“. Ein Gespräch mit Dirk Broichhausen von der Firma GoalControl, der die Technik maßgeblich mitentwickelt hat.

Herr Broichhausen, wie kamen Sie auf die Idee, sich mit Torlinientechnik zu beschäftigen?

Dirk Broichhausen: Die Idee kam mir in erster Linie als Fußball-Fan. Das war im April 2009 bei der Live-Übertragung des Zweitligaspiels 1860 München gegen 1. FC Kaiserslautern. Da gab es eine strittige Szene kurz vor Abpfiff, als der Ball von der Latte wohl hinter die Torlinie ging und dann wieder ins Feld zurücksprang.

Damals konnte niemand spontan beurteilen, ob wirklich ein Treffer vorlag – am wenigsten der Schiedsrichter. Statt 2:1 für die Münchner endete das Duell unentschieden. Ich dachte mir: Das muss man heutzutage doch aufklären können!

Warum gerade Sie?

Dirk Broichhausen: Zum Glück bin ich bei einem der Marktführer im Bereich der automatisierten Qualitätskontrolle bei der Industrieproduktion beschäftigt. Das Unternehmen verfügt über ein hohes Maß an Kompetenz in der Bildverarbeitung. Also fragte ich unseren Chef-Ingenieur, ob man mit unseren Kamerasystemen auch einen Fußball verfolgen könne. Danach haben wir uns an die Entwicklung gemacht.

Wie ist es dann weitergegangen?

Dirk Broichhausen: Wir haben viel herumexperimentiert. Schließlich handelte es sich um eine absolute Innovation. Am Abend und am Wochenende sind wir auch schon mal auf den örtlichen Fußballplatz gegangen, um uns – quasi neben unserem eigentlichen Job – mit dem Thema zu beschäftigen.

Als die FIFA das Projekt „Torlinientechnik“ nach der WM 2010 erneut ausgeschrieben hatte, haben wir unsere Arbeit intensiviert. Und ihr ab einem gewissen Stadium mit der Gründung der GoalControl GmbH auch eine finanzielle und strukturelle Basis gegeben.

Anfang April 2013 war ich gerade beim Skifahren in den Alpen. Da rief die FIFA an und teilte uns mit, dass wir den Zuschlag für den ConfedCup 2013 erhalten hätten. Das war sozusagen der Vor-Zuschlag für die Fußball-WM 2014.

Waren Sie überrascht, dass Sie sich gegen namhafte Mitkonkurrenten durchsetzen konnten?

Dirk Broichhausen: Mein Handy ist mir jedenfalls erst einmal in den Schnee gefallen! Wir waren zwar zu jedem Zeitpunkt von System überzeugt. Dennoch waren wir der vermeintlich krasse Außenseiter.

Was bedeutet der Erfolg für Ihre Firma?

Dirk Broichhausen: Die Fußball-WM ist das bedeutendste Turnier der Welt. GoalControl wird dadurch gewiss weltweite Beachtung erfahren. Dadurch öffnet sich uns ein Riesenmarkt. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass die wichtigsten und umsatzstärksten Ligen der Welt über kurz oder lang die Torlinientechnik zum Einsatz bringen werden.

Auch wenn die Bundesliga nun erst einmal eine Einführung abgelehnt hat, wird es hierzulande irgendwann zu technischen Hilfsmitteln im Fußball kommen. Diese Entwicklung im Weltfußball wird nicht aufzuhalten sein.

Und wer wird Fußballweltmeister?

Deutschland oder Brasilien. Das wird sich hoffentlich im Finale entscheiden.

Hintergrund: So funktioniert die deutsche Torlinientechnik

Die Torlinientechnik der Firma GoalControl aus Würselen bei Aachen beruht auf einer dreidimensionalen, millimetergenauen Kontrolle des Balls, die bei jedem Wetter funktioniert. Hierfür werden aus verschiedenen Positionen insgesamt 14 Kameras auf die beiden Tore gerichtet und mit einem Hochleistungsrechner verbunden. Überschreitet der Ball in vollem Umfang die Torlinie, erhält der Schiedsrichter über eine spezielle Armbanduhr ein Signal. Mit ihrer Torlinientechnik setzte sich GoalControl bei der FIFA gegen Konkurrenzmodelle aus England und Deutschland durch, die zumeist auf Funk-Chips im Ball basieren.

Diskussion über Torlinientechnik in der Community

Torlinientechnik im Fußball ist umstritten. Auch die FIFA hat sich erst spät dazu entschlossen. Was halten Sie persönlich vom Einsatz der Torlinientechnik bei der Fußball-WM? Können so wirklich Fehlentscheidungen vermieden werden? Und: Wo könnte Technik im Fußball vielleicht noch sinnvoll sein? Diskutieren Sie mit. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge zum Thema Torlinientechnik in der Community-Gruppe „Digitale Gesellschaft – Digital Society“!

Zur Community

Interview: Thomas Köster

Juni 2014

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Möglicherweise unterliegen zusätzliche Inhalte wie Bilder und Videos jeweils zusätzlichen Bedingungen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit den Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie einverstanden. Zudem gilt folgende Regelung für die korrekte Benennung der Urheber und Quelle sowie Übersetzungen.

Kommentare

phi_levan
13. Juni 2014

Im allgemeinen bin ich gegen den Einsatz von Technik in das Spiel des Menschen denn Fehler wie Fehlerschoss, falsche Identifikation und die danach folgende Fehlerentscheidung des Schiedrichter oder unbeabsichtliche Fouls der Spieler, etc... gehoeren zu dem Spiel. Was wuerde der Fussball sein wenn alle Fouls klar wie 2 + 2 = 4 identifiziert seien oder das Spiel fehlerfrei durchlaeufte? Sicher erinnerte niemand mehr an das Spiel, wenn es vorbei ist, da es waeren keine Dícussionen mehr ueber die kontroversen Situationen. Somit verlierte der Fussball seine Popularitaet und Attraktivitaet. Nehmen wir ein juengste Beispiel, das Spiel zwischen Brazil und Croatia gerstern abends. Ob das Penalty, entscheidet von japanischen Schiedrichter gegen Croatia, richtig oder zu streng ist? Ob FIFA eine Technik einsetzen koennte, die in der Lage sei, dem Schiedrichter in solcher Situation richtige Entscheidung zu treffen. Leider hat dieses Elfmeter das Spiel entschieden. In den kommenden Tagen wird diese Situation in der Welt sicherlich noch viel Kritik und Discussion erregen.

Jetzt kommentieren