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Bildung für soziale Kohäsion: „Die Medien könnten bei der Integration verschiedener gesellschaftlicher Gruppen eine aktive Rolle spielen“

Welchen Einfluss hat der Bildungsgrad auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft? Diese Frage untersuchten Salma Abdelrahman und Manuel Heckel am Beispiel Sri Lankas und gewannen damit den ersten Preis der GIZ-Hochschulinitiative 2016 „Zwischen Hörsaal und Projekt“.

Bereits zum 15. Mal nahmen Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen am Hochschulwettbewerb „Zwischen Hörsaal und Projekt“ 2016 der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) teil. In Zweierteams oder alleine analysierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedener deutscher Hochschulen jeweils ein GIZ-Projekt vor dem Hintergrund einer wissenschaftlichen Fragestellung, wandten ihre Kenntnisse aus der Theorie auf die Praxis an und sprachen Empfehlungen für die Projekte aus.

Salma Abdelrahman und Manuel Heckel des Studiengangs „Integrated Urbanism and Sustainable Design“ der Universität Stuttgart beeindruckten die Jury beim Abschlusssymposium in Berlin mit ihrem Vortrag zum Thema „The Influence of Education on Social Cohesion – The Case of Sri Lanka” und erzielten den ersten Platz.

Wie hängt Bildung mit sozialer Kohäsion zusammen?

Manuel: Bei unserer Recherche zum derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Diskussion über soziale Kohäsion haben wir zwei unterschiedliche Ansätze gefunden. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert Putnam betont die Bedeutung sozialer Netzwerke und sieht eine starke Korrelation zwischen Bildung, Vertrauen und Mitgliedschaft in Vereinigungen. Andy Green und John Preston, zwei britische Sozialwissenschaftler, widersprechen dieser Ansicht jedoch und sagen, dass zur Herstellung sozialer Kohäsion innerhalb einer Gesellschaft (nicht innerhalb von Gruppen) andere Faktoren kultureller, institutioneller und wirtschaftlicher Natur wichtiger sind. Sie glauben, dass Bildung im Hinblick auf die gesamte Gesellschaft nur indirekt durch diese anderen Elemente mit sozialer Kohäsion zusammenhängt. In unserer Arbeit an diesem Projekt und an unseren Empfehlungen sind wir dem Ansatz zur sozialen Kohäsion gefolgt, den Green und Preston vertreten.

Soziale Kohäsion (sozialer Zusammenhalt)

Der soziale Zusammenhalt einer Gesellschaft drückt sich in der Bereitschaft ihrer Mitglieder aus, solidarisch zu handeln. Dabei ist zu unterscheiden zwischen konkreten und abstrakten Formen von Solidarität. Als konkrete Form von Solidarität gilt die gegenseitige Unterstützung innerhalb einer Gemeinschaft wie der Familie, der Nachbarschaft oder einer Gruppe. Als abstrakt hingegen wird diejenige Form bezeichnet, welche die Sozialversicherungen kennzeichnet. [...] Den sozialen Zusammenhalt zu fördern, ist das Ziel jeglicher Art von Sozialpolitik.

Quelle: Wörterbuch der Sozialpolitik

Wie ist die Situation dazu in Sri Lanka und wie ist sie historisch entstanden? Welchen Stellenwert hat Bildung in dem Land?

Salma: Gleich nach der Kolonialzeit gab es in Sri Lanka breiten und kostenlosen Zugang zu Bildung. Dadurch stieg die Zahl der gut ausgebildeten Absolventen, die einen Job suchten, rasant an. Es gab nur wenige Arbeitsmöglichkeiten und die Arbeitslosigkeit stieg. Dies war ein Faktor des Konflikts, der später in einem Bürgerkrieg mündete.

Manuel: Heute ist die Bildung stark nach Aspekten wie Sprache, Religion, Geschlecht und Ort segregiert. Außerdem stehen nur wenigen Sri Lankern ausgebildete Lehrer zur Verfügung und dieser Umstand verschärft und vermehrt die bereits bestehenden Ungleichheiten. Die sri-lankische Regierung misst der Bildung eine bedeutsame Rolle bei der Versöhnung und Entwicklung des Landes bei und überschätzt dabei vielleicht ihre Möglichkeiten. In der Gesellschaft ist die Bildung wichtig bei der Arbeitssuche, aber bedingt durch die Segregation im Lande finden viele, die öffentliche Schulen besuchen, trotzdem keine Arbeit.

Erzählen Sie uns bitte von dem GIZ-Projekt, das Sie untersucht haben.

Salma: Wir haben im Rahmen des Seminars „Zwischen Hörsaal und Projekt“, das an der Universität als Wahlveranstaltung angeboten wurde, das Projekt „Education for Social Cohesion“ der GIZ untersucht. Das Projekt wird in Sri Lanka durchgeführt und beschäftigt sich mit Themen, die im Zusammenhang mit sozialer Kohäsion stehen.

Manuel: Das Projekt ist seit April 2016 in seiner zweiten Phase, in der die vorausgegangene Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen fortgesetzt wird. Auf der Mikroebene liegt der Schwerpunkt zum Beispiel auf der Verbreitung eines Konzepts, das zuvor in 200 Pilotschulen angewendet wurde. Dieses Konzept konzentrierte sich auf drei Komponenten in den Schulen, nämlich mehrsprachige Bildung, psycho-soziale Betreuung und Friedens- und Werteerziehung. Die zweite Phase soll im März 2019 beendet werden.

Salma: Um diese Ziele zu erreichen, arbeitet die GIZ mit verschiedenen Partnern in Sri Lanka zusammen. Auf der Makroebene unter anderem mit dem Ministerium für Bildung, auf der Mesoebene mit den pädagogischen Hochschulen und den lokalen Behörden und auf der Mikroebene mit den Schulen, die Manuel erwähnte, wobei in dieser Projektphase noch weitere interessierte Schulen dazukommen werden.

Zwischen Hörsaal und Projekt

Die Initiative „Zwischen Hörsaal und Projekt“ schlägt eine Brücke zwischen Theorie und Praxis. 2016 wurden insgesamt 24 GIZ-Projekte in 20 Partnerländern untersucht. Die Filme der Teilnehmerinnen und Teilnehmer finden Sie auf der Webseite zur Initiative „Zwischen Hörsaal und Projekt“.

Diskussion über „Zwischen Hörsaal und Projekt“ in de Community

Was war Ihre Motivation, das Projekt auszuwählen?

Salma: Es standen viele interessante Projekte zur Auswahl. Ich interessiere mich generell für das Thema Integration und wollte gerne herausfinden, welche Relevanz die Forschung der Bildung bei diesem Punkt zumisst. Ich habe während unseres Forschungsprozesses viel gelernt und deshalb bin ich sehr froh, dass uns dieses Projekt zugeteilt wurde.

Manuel: Ich habe zunächst ein bisschen gezögert, weil mir die Verbindung dieses Themas zu unserem Studium (Urbanistik) nicht klar war. Es war daher meine zweite Wahl. Aber im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir ausgewählt wurden und dieses Projekt bearbeiten konnten, denn ich habe viele neue Einsichten in einen Bereich gewonnen, über den ich nicht viel wusste, der aber für unsere Studien trotzdem sehr relevant ist. Ich habe dadurch eine ganzheitlichere Sicht auf unser Studienfach bekommen und habe verstanden, wie es mit verschiedenen Themen zusammenhängt.

Welche Fragen haben Sie untersucht?

Salma: Bevor wir mit diesem Projekt anfingen, war unser Wissen über Sri Lanka doch eher allgemein. Zu Beginn unserer Analyse haben wir uns die Projektdokumentation angesehen, die uns der Projektleiter zur Verfügung gestellt hatte. Um den Kontext zu begreifen, mussten wir mehr über die Geschichte Sri Lankas seit dem Ende der Kolonialzeit wissen und die Beziehung zwischen Bildung, Kultur und Wirtschaft sowie die Rollen verstehen, die diese Bereiche seit dem Bürgerkrieg spielen. Um einen tieferen Einblick in die Situation im Lande zu erhalten, fragten wir uns unter anderem, wie stark die Segregation in der Gesellschaft tatsächlich ist, sowohl mental als auch räumlich, und mit welchen Herausforderungen das derzeitige Bildungssystem konfrontiert ist.

Welche Methoden haben Sie bei der Untersuchung der Fragestellung verwendet?

Manuel: Da wir nicht selbst nach Sri Lanka fahren konnten, haben wir unsere Untersuchung vor allem auf die Projektbeschreibung und -dokumentation der GIZ basiert, auf den sri-lankischen Aktionsplan sowie akademische Artikel über Bildung, soziale Kohäsion und sri-lankische Geschichte. Außerdem haben wir Interviews über Skype und Telefon mit dem GIZ-Projektleiter, einem GIZ-Mitarbeiter und einem Professor für Soziologie an der Universität von Colombo geführt.

Video: „The Influence of Education on Social Cohesion – The Case of Sri Lanka”

Was sind die Ergebnisse und Empfehlungen Ihrer Untersuchung?

Salma: Wir haben drei Empfehlungen als Beitrag zu diesem Projekt entwickelt. Sie stehen sowohl mit unseren theoretischen Erkenntnissen als auch mit dem Aktionsplan der sri-lankischen Regierung in Verbindung. Unsere Empfehlungen bauen aufeinander auf und beziehen sich zudem auf unsere Ausbildung als Studenten der Stadtplanung, weil wir glauben, dass wir so am besten einen Beitrag zum Projekt leisten können.

Manuel: Unsere erste Empfehlung ist, das Pilotschulen-Programm auf strategisch ausgewählte Schulen auszuweiten, idealerweise in einem partizipatorischen Prozess. So könnte man die entlegeneren Randgebiete erreichen und damit der räumlichen Segregation begegnen. Die zweite Empfehlung basiert auf der Erkenntnis, dass Bildung nicht nur formal vor sich geht, sondern sogar größtenteils informal. Wir beziehen uns auf den derzeitigen deutschen Diskurs und den Ansatz der „Bildungslandschaften“, der eine Öffnung von Schulen zur Gemeinschaft (und umgekehrt) empfiehlt, um die Entwicklung einer gemeinschaftlichen Bürgerschaft zu erlauben. Wir finden, dass dies vor allem für segregierte Gesellschaften wichtig ist.

Salma: Und unsere dritte Empfehlung betrifft die Entwicklung eines Spiels, bei dem Schüler und Schülerinnen die Werte der Kooperation und der demokratischen Teilhabe lernen und einüben können. Das Ziel des Spiels ist es, Friedens- und Wertebildung zu fördern und gleichzeitig neue Erkenntnisse über die Themen und Dynamiken einer Gemeinschaft zu gewinnen.

„Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen in Sri Lanka müssten gemeinsam einen Plan zur Integration der Gesellschaft erarbeiten“

Was ist Ihre persönliche Einschätzung: Wie kann diese Situation langfristig verbessert werden, auch über das GIZ-Projekt hinaus?

Manuel: Wir glauben, dass Bildung, wie Green und Preston belegen, nur indirekt relevant ist. Um die soziale Kohäsion in Sri Lanka langfristig zu verbessern, ist es unserer Meinung nach unbedingt notwendig, dass die Regierung sich weiterhin verpflichtet, im Land für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Außerdem glauben wir (und dies wurde auch in unserem Interview mit dem sri-lankischen Professor deutlich), dass es notwendig ist, dass Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen gemeinsam einen Plan zur Integration der Gesellschaft erarbeiten. Dieser Plan müsste auch wirksame Elemente zur Förderung der Gleichberechtigung aller Sri Lanker beinhalten.

Salma: Um das weiter auszuführen: Eines der Instrumente, dessen Potenzial, die Menschen zusammenzubringen, noch nicht optimal ausgenutzt wird, sind die Medien. Sie könnten bei der Integration verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und bei der Förderung und Pflege einer gemeinsamen Bürgerschaft eine aktive Rolle spielen. Derzeit sind jedoch die Kanäle und Sendungen exklusiv Gesellschaftssegmenten vorbehalten, die bestimmte Sprachen sprechen.

Im Vergleich zu Sri Lanka: Wie steht es um Bildung und soziale Kohäsion in Deutschland?

Manuel: Früher war die Bildung ein starkes Instrument zur Nationenbildung. Vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihre Rolle überdacht und stark geschwächt. Aber heute ist Deutschland, wie viele andere Industrieländer, mit zunehmender Individualisierung konfrontiert, und die Bildung wird nun wieder als Weg zu mehr sozialer Kohäsion angesehen (dieser Ansatz basiert vor allem auf den Erkenntnissen von Robert Putnam). Außerdem gibt es in Deutschland einen Diskurs über „Bildungslandschaften“. Bildung, vor allem als Bildungslandschaften betrachtet, wird immer öfter mit Stadtteilinitiativen wie der „Sozialen Stadt“ in Verbindung gebracht. Wir denken, dass dieser Ansatz durchaus erfolgreich sein kann und haben ihn deshalb in unsere Empfehlungen aufgenommen.

„Sowohl formale als auch informale Bildung ist ein wesentlicher Teil eines erfüllten Lebens“

Wie wichtig ist Bildung für Sie persönlich?

Salma: Ich halte Bildung für einen wesentlichen Teil eines erfüllten Lebens, und damit meine ich sowohl formale und informale Bildung. Im Alter von 16 Jahren hatte ich bereits sechs Schulen in vier verschiedenen Ländern besucht und ich bin sehr froh über diese Erfahrungen. Neues Wissen und neue Menschen geben mir Energie und verleihen meinem Leben Sinn, ebenso wie die langen Gespräche, die ich mit meinen Freunden und meiner Familie führe, vor allem mit meinen Großeltern. Anderseits: Wo und wie lernt man überhaupt? In der Schule, aus Büchern und durch die Menschen, mit denen man redet! In einem gewissen Sinne denke ich, wir sind, was wir lernen. Deshalb ist mir Bildung ziemlich wichtig.

Manuel: Da stimme ich Salma zu und ich möchte hinzufügen, dass Bildung meiner Meinung nach nie aufhört. Je mehr ich lerne, desto neugieriger werde ich, bis zu dem Punkt, an dem mich alles, was ich (noch) nicht weiß, überwältigt. Ich habe gemerkt, dass es in diesen Momenten wichtig ist, mich zu entspannen und meine Gedanken wandern zu lassen. Denn genau während dieses „Tagträumens“ kann ich mich mit meiner Kreativität verbinden und damit wird meine Bildung produktiv. Das ist vielleicht auch die Verbindung zu einem Programm wie „Zwischen Hörsaal und Projekt“ – es geht um das, was dazwischenliegt, um den Wechsel zwischen Lernen und Erschaffen.

Der erste Preis bei „Zwischen Hörsaal und Projekt“ war ein Praktikum bei der GIZ. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Salma: Also, ich habe mich für diesen Masterstudiengang entschieden, weil ich gerne Städte und Menschen von einer anderen Perspektive betrachten wollte. Ich bin ja in verschiedenen Ländern der Welt aufgewachsen und die Komplexität und Diversität von Städten faszinieren mich seit jeher. Ich freue mich schon auf die Erfahrungen, die ich während meines Praktikums bei der GIZ sammeln werde, denn ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, später im Bereich der internationalen Entwicklung in internationalen Organisationen zu arbeiten.

Manuel: Im Laufe des kommenden Jahres werde ich meinen Master of Science in der ägyptischen Hauptstadt Kairo fortsetzen und abschließen, darauf freue ich mich sehr. Danach möchte ich gerne im Bereich der internationalen Entwicklung arbeiten, deshalb freue ich mich über das Praktikum bei der GIZ. Ich würde auch gerne für die UNO arbeiten, oder für eine NGO, die in diesem Bereich tätig ist. Nach einigen Jahren praktischer Erfahrung möchte ich aber auch noch promovieren. Ich möchte nicht nur dazu beitragen, dass die Welt sich zum Besseren wandelt, sondern ich möchte auch ein abwechslungsreiches Leben führen.

September 2016

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