
Wann ist ein Stuhl ein Stuhl? Klar, wenn er zum Sitzen gebraucht wird. Aber ein Stuhl kann auch mehr sein: etwa wenn man Gläser darauf abstellt - dann ist er eher ein Tisch. Wenn man auf den Stuhl steigt, um das oberste Regalfach zu erreichen, wird der Stuhl wie eine Leiter gebraucht. Genau hier setzt die Ausstellung „Anders als immer“ in Jakarta an.
Der Gebrauchsgegenstand als Kunstobjekt
Ein anderes Prinzip besagt: wenn der Stuhl nur betrachtet wird, ist er entweder defekt oder Kunst. Dass ein Gebrauchsgegenstand zu Kunst werden kann, hat der Franzose Marcel Duchamp vor fast einhundert Jahren mit einem Pissoir vorgeführt: Er nahm ein neu hergestelltes Exemplar, signierte es und erklärte es im Museum zur Kunst. Das Objekt hatte somit seine ursprüngliche Existenzberechtigung, seine Funktion, verloren. Immer wieder haben Vertreter von Design und Kunst versucht, ihre Gbebiete gegeneinander abzugrenzen, aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Das beweist jetzt auch eine Ausstellung im Institut für Auslandsbeziehungen in Jakarta. Ihr Titel: „Anders als immer. Zeitgenössisches Design und die Macht des Gewohnten“.
Blumentopf-Türstopper und Bürsten-Bügel
Unter den etwa 150 Objekten der Ausstellung findet sich auch ein Gegenstand aus Kunststoff, der zwei grundverschiedene Funktionen hat: ein Blumentopf-Türstopper, genauer, ein weißes Gefäß, ähnlich wie ein Topf, mit einer tiefen Einkerbung, in die sich fast nahtlos eine Tür fügen kann – wenn es möchte. wer keinen Türstopper braucht, kann zumindest die Blumentopf-Funktion nutzen. Weiteres Beispiel für eine Kombinatiuon von Funktionen ist die Kreuzung einer Bürste mit einem Kleiderbügel. Herausgekommen ist ein "Bürstenbügel". Viele Objekte der Ausstellung verkörpern dieses Two-in-One-Prinzip. Allerdings ist manches Designobjekt nur von zweifelhaftem Nutzen und erscheint eher als eine Skulptur oder Wortspiel. So etwa die „Nagelbürste“, eine Bürste, deren Griff aus einem überdimensionalen Nagel besteht.
Manchmal ist mehr auch mehr
Der Katalog zur Ausstellung enthält gut recherchierte, hintergründige Texte und erzählt auch ein Stück Material- und Technologiegeschichte, etwa die Anfänge des Hartschalen-Koffers mit seiner typischen Rillenprägung, der zum Klassiker geworden ist. Eine Kölner Firma für Reisegepäck hatte während des 2. Weltkriegs mit Materialmangel zu kämpfen. Nachdem das Lager zerbombt wurde und nur noch die Aluminiumvorräte übrig waren, stieg die Firma auf das neue Material um. Einer der leichtesten und zugleich stabilsten Koffer war geboren.
Die Ausstellung „Anders als immer“ zeigt viele interessante Gestaltungsprinzipien. Dabei geht es weniger um Brauchbarkeit, als vielmehr um Materialexperimente. Die Designer setzten auf neue Konzepte wie das Umfunktionieren, Persiflieren, Individualisieren von Gebrauchsgegenständen. Manchmal verweigern die Gestalter sogar jede mögliche Anwendung und überschreiten damit die Grenzen zur Kunst. Sie sind überzeugt: Ein Gebrauchsgegenstand kann mehr sein, nämlich charmanter Freund, Weltverschönerer, Augenschmeichler, Happymaker. Und tatsächlich: Manchmal ist mehr eben auch mehr.
Haben Sie die Ausstellung gesehen und können davon erzählen? Haben Sie in letzter Zeit eine andere interessante Kunstausstellung oder ein Kunsmuseum besucht und wollen Ihre Eindrücke mit anderen Alumni teilen? Diskutieren Sie mit in der Community-Gruppe KULTUR – CULTURE!



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