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Blesilda M. Calub: „Deutschland-Alumna zu sein ist gleichzeitig Privileg und Verantwortung“

Name: Dr. Blesilda M. Calub
Lebt in: Los Baños, Provinz Laguna, Philippinen
Herkunftsland: Philippinen
Deutschlandaufenthalt: April bis Mai 1994 in Feldafing bei München und Witzenhausen, 1995 bis 2006 einmal jährlich als Mitglied des Trainerteams in Feldafing, Leipzig, Witzenhausen und Göttingen sowie einmal in Berlin (zur  internationalen Landwirtschaftsmesse)
Bildungseinrichtungen: Georg-August-Universität Göttingen und Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (im Rahmen von Exkursionen während der Trainings)
Beruf: Forscherin im Bereich integrierte Anbausysteme und landwirtschaftliche Beratung an der Hochschule für Landwirtschaft der Universität der Philippinen Los Baños

Dr. Blesilda M. Calub kommt als junge Forscherin am Institut für Landwirtschaft und Bodenschätze der Universität der Philippinen Los Baños über ein DSE-Training im Bereich Landbau das erste Mal mit Deutschland in Kontakt. 1994 nimmt sie an Fortbildungsmaßnahmen in Feldafing und Witzenhausen teil. Sie beeindruckt besonders, dass die Kurse auf die aktive Beteiligung der Trainees ausgerichtet sind. Ihre fachliche und pädagogische Erfahrung fasst Blesilda M. Calub 2003 in einem Handbuch zusammen. Was als Handreichung für Kursteilnehmer auf den Philippinen beginnt, findet mehr und mehr Verbreitung in den Einsatzgebieten der GIZ im südostasiatischen Raum. Mittlerweile liegt es auch auf Khmer und Lao vor.

Sie haben 1994 in Deutschland an einem Trainingsprogramm der DSE zum Thema „Entwicklung landwirtschaftlicher Systeme“ teilgenommen. Welche Fähigkeiten und Erkenntnisse konnten Sie später weitergeben, als sie selbst anfingen, Kurse für Bauern in verschiedenen südostasiatischen Ländern zu leiten?

Blesilda M. Calub: Vor allem die interaktiven und partizipativen Lehrmethoden haben mich sehr beeindruckt, da sie stark von den üblichen Vorlesungen abwichen, die wir in meinem Heimatland kannten. Mein Ausbildungsleiter hat mich danach weiter unterstützt, indem er mich von 1995 bis 2006 als Mitglied seines multikulturellen Trainerteams zu Kursen in Deutschland, aber auch auf den Philippinen, in Indonesien, Kambodscha, Thailand und Vietnam einlud. Dieses Follow-Up durch die praktische Umsetzung  des erworbenen Wissens hat mein Selbstvertrauen gestärkt und mir erlaubt, meine Fähigkeiten weiter auszubauen.

Dabei wurde mir klar, dass ein einmaliges Trainingsprogramm nicht ausreicht, um die Kompetenzen der Teilnehmer nachhaltig aufzubauen. Ich habe gelernt, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen (vor allem diejenigen, die nicht schreiben können und sich nicht trauen, öffentlich zu reden) den Mut finden, sich zu äußern.

Als Ergebnis Ihrer praktischen Arbeit vor Ort veröffentlichten Sie das Handbuch „Participatory Rural Appraisal Guidebook“. Wie kam es dazu, dass Sie diese Anleitung schrieben und welches Ziel verfolgten Sie? Und wie würden sie im Rückblick den Erfolg des Handbuchs einschätzen?

Blesilda M. Calub: In den späten 90er-Jahren war Participatory Rural Appraisal (PRA) zunehmend gefragt. Die meisten Veröffentlichungen zu diesem Thema stammten aus anderen Ländern. Wenn überhaupt, dann nahmen nur sehr wenige eine südostasiatische Perspektive ein. Manche Bücher waren sehr theoretisch, eher wie Lehrbücher, in anderen ging es nur um PRA-Instrumente. Ich wollte in diesem Handbuch beide Konzepte mit den Instrumenten in einem Format zusammenführen. Es sollte als Anleitung für Berater bei PRA-Maßnahmen vor Ort dienen, und die Beispiele und Bilder sollten aus einem südostasiatischen Kontext stammen.

Es sollte einfach sein, damit jeder es leicht nutzen konnte und möglichst viele Leser selbst PRAs durchführen konnten. Das Buch sollte auch als Anleitung für Trainees und Entwicklungsarbeiter dienen. Ich kann wirklich sagen, dass das PRA-Handbuch im Hinblick auf die Anzahl der Menschen, die es erreicht und beeinflusst hat, ein Erfolg ist.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Herausforderungen bei der Einführung partizipatorischer Methoden in der landwirtschaftlichen Arbeitswelt Südostasiens?

Blesilda M. Calub: Die erste Herausforderung war die Einführung von PRA bei meinen Kollegen an der Universität. Sie waren zunächst zurückhaltend gegenüber dem Erlernen von partizipatorischen Methoden und Visualisierungstechniken. Die nächste große Herausforderung stellte sich, als ich von 2003 bis 2005 für das Laotisch-Schwedische Forschungsprogramm für Land-  und Forstwirtschaft im Hochland arbeitete. Ich stellte unseren Mitarbeitern auf Landes- und Bezirksebene sowie den Bauern PRA vor. Den Mitarbeitern erschien es als ausgesprochen radikal, diese partizipatorischen Methoden in ihren zentralisierten Regierungsprogrammen anzuwenden. Ich blieb beharrlich und machte ihnen klar, dass es für sie keine Bedrohung darstellte, wenn die Menschen (sowohl die Bauern als auch die Bezirksbeamten) in die Lage versetzt werden, sich auszudrücken. Ich habe sehr darauf geachtet, das Wort „Empowerment“ zu vermeiden. Stattdessen habe ich von „Teilhabe“, „Beratung“ und „Zusammenarbeit mit den Menschen“ gesprochen.

Vor dem Ende meines Vertrags zeigten die laotischen Mitarbeiter Interesse daran, das PRA-Handbuch ins Laotische zu übersetzen. Ich dachte, es wäre schön, dem Buch einen laotischen Kontext zu verleihen, indem wir Bilder von laotischen Menschen aus den Dörfern verwendeten, wo wir die PRA durchführten. Natürlich waren die Menschen aus Laos begeistert und stolz, sich und ihre Zeichnungen in dem Buch wiederzufinden.

Was könnten partizipatorische Methoden im Bereich der ländlichen Entwicklung in Südostasien Ihrer Erfahrung nach bewirken?

Blesilda M. Calub: Es ist wichtig, nicht nur die Mitarbeiter im Außendienst, sondern auch die höheren Vorgesetzten mit partizipatorischen Prozessen in Berührung zu bringen und ihnen deren Wert zu vermitteln. Anderenfalls kann es für sie bedrohlich wirken, wenn ihre Untergebenen eigene Ideen zum Ausdruck bringen, und wenn sie sich bedroht fühlen, versagen sie diesen Untergebenen die Unterstützung.

Es ist wichtig, dass die gesamte Institution partizipatorische Methoden schätzen lernt. Es sollte vermieden werden, dass die Idee der Teilhabe nur von den Mitarbeitern im Außendienst „angeschaltet“ wird, wenn sie in die Dörfer reisen, und dass sie nach ihrer Rückkehr wieder von ihren Vorgesetzten herumkommandiert werden. Teilhabe sollte zu einem normalen, alltäglichen Prozess in den Institutionen werden, in denen sie arbeiten. Das Ziel sollte außerdem sein, dass Teilhabe eines Tages die Politikentwicklung in den Dörfern und darüber hinaus beeinflusst.

Welche Pläne und Projekte stehen künftig bei Ihnen an?

Blesilda M. Calub: Ich überlege, eine Fortsetzung des Handbuchs zu schreiben, diesmal über „Participatory Monitoring and Evaluation (Partizipatorisches Monitoring und Evaluation)“. Ich glaube, hier besteht einiger Bedarf, denn Monitoring und Evaluation werden fast ausschließlich von eigens engagierten externen Beratern oder Experten durchgeführt.

Die Bauernverbände, denen wir bei der Gründung halfen, wachsen weiter, aber ihre Mitglieder haben mittlerweile ein gewisses Alter erreicht. Jetzt würde ich mich gerne auf die Jugend konzentrieren. Wenn wir unserer ländlichen Jugend durch Programme in ihren eigenen Gemeinschaften zu mehr Eigenständigkeit verhelfen können, werden sie weniger häufig in die Städte abwandern. Momentan gibt es einen Online-Fernstudiengang über Biolandwirtschaft an der Open University der Universität der Philippinen. Mein Traum wäre es, die ländliche Jugend zu erreichen, indem man diesen Online-Kurs in ihre Sprache übersetzt und in diesen ländlichen Gegenden Zugang zu Internetdiensten möglich macht. Außerdem würde ich gerne Lehrer in partizipatorischen Lernmethoden für Schüler von Grund- und weiterführenden Schulen ausbilden,  vor allem im Bereich der nachhaltigen und biologischen Landwirtschaft zur Ernährungssicherung.

Was bedeutet es für Sie, Deutschland-Alumna zu sein?

Blesilda M. Calub: Ich finde, dass ich für die vielen beruflichen und persönlichen Möglichkeiten, die mir meine Ausbildung in Deutschland eröffnet hat, anderen Menschen etwas zurückgeben muss, egal welcher Nationalität sie sind. Deutschland-Alumna zu sein ist gleichzeitig Privileg und Verantwortung – etwas, was für immer in meinem Herzen, meinem Geist und meinen Händen sein wird!

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Dezember 2015

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