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Natalia Freitas: „Ein Leben ohne Kunst kann ich mir nicht vorstellen“

Name: Natalia Freitas
Lebt in: Vancouver, Kanada
Herkunftsland: Brasilien
Deutschlandaufenthalt: von 2012 bis 2016
Bildungs- und Forschungseinrichtung: Filmakademie Baden-Württemberg
Beruf: Animatorin und 3D-Künstlerin

Deutschland-Alumna Natalia Freitas aus Brasilien studierte mit einem DAAD-Stipendium an der Filmakademie Baden-Württemberg. 2015 fand sie eine Stellenanzeige der Disney-Studios im Internet, bewarb sich und wurde genommen. Anfang 2016 ging sie nach Kalifornien, um sich einzuarbeiten, bevor sie dann an der Produktion des Computeranimationsfilm „Moana“(deutscher Titel: „Vaiana“)  mitwirkte. Das Rezept für ihren Erfolg: Ein guter Plan und harte Arbeit. 

Warum haben Sie sich für ein künstlerisches Fach entschieden und nicht für einen Studiengang wie etwa Wirtschaft oder Jura?

Natalia Freitas: Ich kann mir ein Leben ohne Kunst nicht vorstellen! Ich wollte mein Hobby zum Beruf machen, weil das Leben viel zu kurz ist, um etwas zu tun, das keinen Spaß macht.

Wahrscheinlich bringen Sie eine außergewöhnliche Begabung mit. Wann und wie haben Sie erkannt, dass Sie Ihr Talent zum Beruf machen müssen?

Natalia Freitas: Als ich zehn Jahre alt war, habe ich meine Eltern verloren. Um die Lücke zu füllen und den Schmerz zu vergessen, habe ich viel gezeichnet, Videospiele gespielt, viele Bücher gelesen und Geschichten erfunden. Außerdem habe ich viel Musik gehört und gespielt. Die Kunst wurde zu meiner größten emotionalen Unterstützung und so entwickelte ich mein Talent und die Liebe zur Kunst. Als ich älter wurde, erkannte ich, dass ich auch weiterhin tun wollte, was ich als Kind getan habe, nur auf eine professionelle Art.

Wie haben Sie sich für Ihren Studiengang entschieden?

„Ich habe mich für meinen eigenen Weg entschieden“

Wie haben Ihre Familie und Freunde auf die Wahl des Studienfaches reagiert?

Natalia Freitas: Ein großer Teil meiner Familie hat mich nicht unterstützt, weil sie glaubten, dieser Beruf würde mir keine sichere finanzielle Zukunft garantieren. Aber ich habe mich für meinen eigenen Weg entschieden und bin meinem Herz gefolgt. Heute bin ich zufrieden mit meiner Wahl!

Hatten Sie zu Beginn Ihrer Ausbildung einen konkreten Plan?

Natalia Freitas: Als ich 2005 mein Bachelorstudium „Animation“ in Brasilien begonnen habe, wusste ich nicht, was die Zukunft bringen wird. Ein Jahr vor meinem Abschluss erzählte mir ein Professor, dass er in Kanada studiert und danach für einen Film bei Dreamworks gearbeitet hat. Das hat mich auf die Idee gebracht, mich im Ausland weiterzubilden; so hatte ich den Plan für mein Leben gefunden: Ich wollte an einer guten Schule studieren und mich weiter spezialisieren, um danach meine Chance in einem großen Studio zu suchen.

Ich recherchierte, fand die Filmakademie Baden-Württemberg und war sofort begeistert! Von 2008 bis 2012 träumte ich davon, an der Filmakademie zu studieren. Aber ich hatte kein Geld und keine Eltern, die mich in Europa unterstützen konnten. Dann erfuhr ich von der Möglichkeit, mit einem DAAD-Stipendium in Deutschland zu studieren. Zwei Mal habe ich mich beworben, beim letzten Mal mit Erfolg! Und das war mein Glück. So konnte ich endlich meinen Traum, in Deutschland zu studieren, wahr werden lassen.

Wie hat das Stipendium des DAAD Sie dabei unterstützt?

Natalia Freitas: Außer dem monatlichen Stipendium und einem Zuschuss zu den Mietkosten erhielt ich auch einen Intensivkurs, um die deutsche Sprache zu lernen. Ohne die Hilfe des DAAD hätte ich nicht die finanziellen Mittel gehabt, außerhalb Brasiliens zu studieren.

Sie haben ein künstlerisches Talent und möchten dies gern zu Ihrem Beruf machen? Dann käme ein Studium aus den Bereichen Kunst, Musik oder Design infrage. Und Deutschland wäre dabei als Ort für Ihr Studium keine schlechte Wahl.

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„Hätte ich nicht in Deutschland studiert, wäre ich nicht bei Disney gelandet“

Wie wichtig war Ihr Deutschland-Aufenthalt für Ihre Ausbildung?

Natalia Freitas: Die Arbeit und das Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg bereiteten mich auf das Arbeitsleben in der Filmindustrie vor. Hätte ich nicht in Deutschland studiert, wäre ich nicht bei Disney gelandet. An der Filmakademie habe ich viel gearbeitet, ohne Pause! Ich habe an fast 20 studentischen Kurzfilmen mitgearbeitet wie zum Beispiel an „Citipati”, „Wrapped“ und „The Present“, der auf einem brasilianischen Comic basiert. Außerdem habe ich meinen eigenen Kurzfilm „Electrofly“ produziert.

Wie würden Sie den Weg beschreiben, der Sie bis in die Walt Disney Animation Studios geführt hat?

Natalia Freitas: Es war nicht einfach für mich: 2005 begann ich, Animation zu studieren, 2016 ging ich zu Disney. Das waren über zehn Jahre harte Arbeit, Engagement, Lernen und viele Produktionen, um endlich das zu erreichen, was ich mir so sehr erträumt hatte.

Jeder Schritt war geplant. Als ich noch in Brasilien lebte, wusste ich, dass ich mich spezialisieren muss, um in ein großes Studio zu kommen. Deshalb habe ich mich entschieden, an der Filmakademie zu studieren.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich bei Disney zu bewerben?

Natalia Freitas: Im September 2015 habe ich für ein Studio in Berlin gearbeitet und sah auf der Webseite von Disney, dass es einen Platz für das „Talent Development"-Programm gab. Ich habe mich beworben, ganz ohne Erwartungen.

Haben Sie sich vorher Chancen ausgerechnet?

Natalia Freitas: Nein, es war das erste Mal, dass ich mich für einen Job bei Disney beworben hatte.

Was für ein Gefühl war es, die Zusage von Disney zu erhalten?

Natalia Freitas: Es gab mehr als 200 Kandidaten und nur drei von ihnen wurden ausgewählt. Als ich den Anruf bekam, dass ich eine dieser Drei war, konnte ich es nicht glauben. Ich war gerade im Kino in Ludwigsburg zusammen mit zwei Kollegen der Filmakademie. Ich war so glücklich über die Nachricht, dass ich nicht aufhören konnte zu lachen.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Natalia Freitas: Meine Verwandten und Freunde haben sich sehr für mich gefreut, weil sie wussten, wie hart ich für meine Karriere gearbeitet hatte. Mein damaliger Freund war allerdings nicht begeistert von meinem Erfolg. Das hat mich sehr traurig gemacht, aber das Leben hat mir das beste Geschenk gemacht: eine Chance bei Disney!

Würden Sie sagen, Ihre Karriere ist etwas ganz Außergewöhnliches? Könnte Ihrer Meinung nach jeder etwas Ähnliches schaffen?

Natalia Freitas: Durch meine Erfahrungen an der Filmakademie und bei Disney habe ich es sehr weit gebracht! Es gibt keine Formel. Jeder Künstler, der heute in einem der großen Studios arbeitet, kam auf einem anderen Weg dorthin. Das Talent und die eigene Willenskraft jedes Menschen sind ja auch sehr unterschiedlich.

Sie waren die einzige brasilianische Frau im Team, das den Film „Moana“ produziert hat. Welche Rolle spielt für Sie Ihre Herkunft und die Rolle als Frau in Ihrem Beruf?

Natalia Freitas: Ich war nicht nur die einzige brasilianische Frau, sondern auch die einzige Frau im Team, die an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert hatte. Insgesamt haben fünf Alumni der Filmakademie an „Moana“ mitgearbeitet – vier Männer und ich. Ich war außerdem die erste Alumna der Filmakademie Baden-Württemberg, die zu Walt Disney Animation Studios gegangen ist. Eine weitere Alumna arbeitet seit 2009 bei Pixar, einer Tochtergesellschaft von Disney.

Mein Land und auch mein Geschlecht zu repräsentieren war sehr wichtig für mich! Frauen sind immer noch eine Minderheit in diesem Arbeitsfeld, aber das ändert sich. Immer mehr Frauen zeigen Interesse an Animation und Video-Spielen.

„Mühe und Engagement sind entscheidend für den Erfolg“

Was würden Sie anderen jungen Menschen raten, die sich für ein künstlerisches Studienfach entscheiden?

Natalia Freitas: Ich rate ihnen, ihre Träume nicht aufzugeben – sie führen zu dem, was glücklich macht! Man sollte sich mit sich selbst auseinandersetzen, um ein guter Künstler zu werden. Man muss in seinem Bereich außergewöhnlich sein, um zu erreichen, was man will! Dabei gibt es keine Formel, aber Mühe und Engagement sind entscheidend für den Erfolg.

Welche Hilfen sollte man annehmen?

Natalia Freitas: Erwartet nicht die Hilfe von anderen. Glaubt an eure Träume! Wenn ihr kein Geld habt, sucht finanzielle Hilfe. Wenn ihr etwas nicht selbst tun könnt, bittet eure Freunde und Familie um Hilfe. Der Erfolg kann aber letztendlich nur allein erreicht werden.

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April 2017

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