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Mani Dhingra: „Nachhaltigkeit ist für mich Einstellung und Lebensart“

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Mani Dhingra über Nachhaltigkeit in Deutschland und Indien

Name: Mani Dhingra
Lebt in: Kharagpur, Westbengalen
Herkunftsland: Indien
Deutschlandaufenthalt: September 2013 bis März 2014
Bildungseinrichtung: Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Beruf: Wissenschaftliche Forschung (Doktorandin am Indian Institute of Technology, Kharagpur, Indien)

Nachdem sie als DAAD-Stipendiatin das Fachgebiet „Stadtquartiersplanung“ am Institut „Entwerfen von Stadt und Landschaft (ISEL)“ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) studiert hatte, schloss Mani Dhingra 2014 ihr Studium am Indian Institute of Technology in Kharagpur mit einem Master in Stadtplanung ab. Für ein Jahr arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut Integrated Research and Action for Development (IRADe) in Neu Delhi im Bereich Klimawandel und nachhaltige Entwicklung in Indien und weltweit. Derzeit arbeitet sie an einer Promotion am Department of Architecture and Regional Planning, IIT Kharagpur. Dabei gilt ihr Interesse traditionellen Städten in Indien und der Frage, wie nachhaltig die alten indischen Niederlassungen gestaltet sind.

Frau Dhingra, die Vereinten Nationen haben kürzlich eine Reihe von „Nachhaltigen Entwicklungszielen“ festgelegt, die in den nächsten 15 Jahren den Weg in eine nachhaltige Zukunft ermöglichen sollen. Glauben Sie, dass uns das gelingen wird?

Mani Dhingra: Diese Nachhaltigen Entwicklungsziele sind die Fortsetzung der Millenniumentwicklungsziele der Vereinten Nationen. Deren durchwachsene Ergebnisse konnten die bis 2015 angestrebten Ziele nicht erreichen. Die Sustainable Development Goals (SDG) erscheinen zunächst als das Altbekannte in einer neuen Verpackung, wobei die Ziele, Geschlechterungleichbehandlung, Hunger und Armut bis 2030 zu beseitigen, noch ehrgeiziger erscheinen. Die Frage, ob die SDG tatsächlich zu universeller Nachhaltigkeit führen werden, ist angesichts ihrer großen und ehrgeizigen Formulierung sehr wichtig. Die ausdrückliche Inklusion der Verpflichtung und Fortschrittsbemühungen von Entwicklungsländern sehe ich allerdings als einen Pluspunkt.

Sie kennen die Lage sowohl in Deutschland als auch in Indien. Wenn Sie die anstehenden Herausforderungen betrachten: Welche Hauptunterschiede sehen Sie zwischen den Situationen in Indien und Deutschland?

Mani Dhingra: Die Nachhaltigkeit stellt Deutschland und Indien jeweils vor ganz unterschiedliche Herausforderungen. In Indien fehlt es immer noch an einem gemeinsamen öffentlichen Bewusstsein für weltweite Probleme von Umwelt und Gesellschaft. In Deutschland ist man da schon weiter. Dort gibt es bereits einen riesigen Fortschritt in Richtung nachhaltiger Entwicklung – die Initiative für kohlendioxidfreie Städte. In deutschen Städten wird in kleinsten Einheiten geplant, nämlich in einzelnen Quartieren; dadurch können die Pläne besser umgesetzt werden. In Indien ist dieser „Von-unten-nach-oben“-Ansatz noch nicht besonders weit verbreitet.

Die Armutsbekämpfung muss im Mittelpunkt stehen

Welchen Herausforderungen sollte man sich – vor allem in Indien – zuallererst stellen?

Mani Dhingra: Das vordringlichste Problem Indiens ist der steigende Bedarf an Energie und Zugang zu sauberer Energie- und Wasserversorgung. Zunehmende Entwicklung und Veränderungen der Lebensweise haben den Pro-Kopf-Bedarf an Energie rapide steigen lassen. Außerdem gibt es ländliche Gegenden in Indien, die noch nicht an die Stromnetze angeschlossen sind und ihren Energiebedarf mit Kerosin und Feuerholz decken. Weiterbildung und Armutsbekämpfung sind soziale Aufgaben, die wir dringend in Angriff nehmen müssen.

In den großen Städten, vor allem in Neu Delhi und Mumbai, ist die Luftverschmutzung durch den Verkehr eines der größten Umweltprobleme. Sehen Sie eine realistische Möglichkeit, dieses Problem zu lösen?

Mani Dhingra: In Metropolen wie Neu Delhi und Mumbai – mit ihren enormen Einwohnerzahlen und der stetig steigenden Anzahl an Fahrzeugen auf den Straßen – ist die Luftverschmutzung tatsächlich ein großes Problem. Die Regierung und zahlreiche NROs arbeiten mit Nachdruck daran, die Verstopfung durch effiziente öffentliche Transportmittel und saubere Treibstoffe zu reduzieren. Beispiele dafür sind die Metro in Delhi und die Verwendung von komprimiertem Erdgas. Ein Weg, die Gesamtzahl aller Stadtfahrten zu reduzieren und das Zufußgehen in Indien zu fördern, wäre es, städtische Funktionen und Transit miteinander zu integrieren.

Ein weiteres, vielleicht sogar noch dringenderes, Problem ist der Zugang zu sauberem Wasser. Welche Lösungen sehen Sie in diesem Bereich – vor allem für Ihr Heimatland?

Mani Dhingra: Ein wesentlicher Lösungsansatz für das Problem des Zugangs zu sauberem Wasser in Indien wäre es, die Menschen über Verschwendung und Aufbewahrung von Trinkwasser aufzuklären. Auf örtlicher Ebene sollten innovative Vorgehen weiter verfolgt werden, wie zum Beispiel die Wiederverwendung von Wasser durch Grauwasseraufbereitung und Regenwasserspeicherung.

Anpassungsstrategien werden äußerst wichtig

Auch wenn die weltweiten Bemühungen mehr oder weniger erfolgreich sein sollten: Der Klimawandel findet bereits statt. Wie sieht es mit gesellschaftlichen Anpassungsstrategien aus? Beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit mit diesen Fragen?
 
Mani Dhingra: Mit dem globalen Problem des Klimawandels auf jeden Fall. Indien ist eines der Länder, das am meisten unter den Folgen zu leiden hat, darunter Naturkatastrophen und Ernährungsunsicherheit. Der Großteil seiner  Bevölkerung ist arm und deshalb durch die Auswirkungen des Klimawandels stark gefährdet. In dieser Situation werden Anpassungsstrategien immer wichtiger. Wir beschäftigen uns bei unserer Arbeit intensiv mit diesen Fragen. Ein Beispiel hierfür ist eine Studie, die wir zur Verschiebung des Apfelgürtels im Himalaya als Folge des Klimawandels durchgeführt haben. Lokale Anpassungsstrategien, wie zum Beispiel die Umstellung auf andere Nutzpflanzen oder auf andere Apfelsorten, wurden unter aktiver Beteiligung der Obstbauern in der Region erforscht.

Reden wir über „Grüne Gebäude” und „Grüne Städte“. Was sind die Anforderungen an nachhaltige Architektur und Stadtplanung heute und in der Zukunft?

Mani Dhingra: „Grün“ ist heutzutage ein Schlagwort, das mit unseren Gebäuden und Städten in Indien in Verbindung gebracht wird, vor allem von Initiativen wie GRIHA (Green Rating for Integrated Habitat Assessment) und LEED (Leadership in Energy and Environmental Design). Es ist sehr wichtig, nachhaltiges Vorgehen in Architektur und Stadtplanung zu verstehen und umzusetzen. Nur so kann ein gesundes Lebensumfeld gewährleistet werden, das langfristig energieeffizient und selbstversorgend funktioniert. Ebenso wichtig ist es aber, die Nachhaltigkeit unserer einheimischen Verfahren zu verstehen und sie als das Fundament einer starken Zukunft zu verwenden.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie persönlich und wie wirkt sie sich auf Ihren Alltag aus?

Mani Dhingra: Für mich ist Nachhaltigkeit eine Einstellung und eine Lebensart. So möchte ich die Welt an die nächste Generation übergeben. Sie spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Das fängt damit an, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre und meine täglichen Aktivitäten an gut beleuchtete Orte verlege. Dabei geht es nicht darum, an einem einzelnen Tag große Dinge zu tun, sondern eher eine ganze Reihe von einfachen Regeln zu befolgen, so wie zum Beispiel Geräte auszuschalten, wenn sie nicht benutzt werden, den Abfall zu trennen und sorgsam mit Wasser und Energie umzugehen.

>> Zum Profil von Mani Dhingra in der Community

Interview: Andreas Vierecke

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