Vom Gestalten lebenswerter Räume

Die Architektin, Wissenschaftlerin und Autorin Jana Revedin setzt sich für Nachhaltigkeit in Architektur und Städtebau ein. Ihre Arbeit ist ein Plädoyer gegen Hast und für bleibende Gestaltungsqualität.

Herzlich schüttelt Jana Revedin den Preisträgern die Hand: Aus verschiedenen Kontinenten sind sie angereist, um im Mai 2015 den Global Award for Sustainable Architecture in der Pariser Cité de l’Architecture et du Patrimoine entgegen zu nehmen. Fünf sind es auch in diesem Jahr – Architekten aus Chile, Spanien, Dänemark, Belgien und Finnland. „Mit dem Preis zeichnen wir große Pioniere und Vordenker aus – genauso wie junge subversive Talente“, sagt Revedin, Leiterin der LOCUS Stiftung.

Einer der Preisträger ist Santiago Cirugeda aus dem spanischen Sevilla. Gemeinsam mit seinem jungen Team gestaltet er in seiner Heimat aus Abfallmaterialien Bauten für den öffentlichen Raum – gerade in Gegenden, in denen die Menschen besonders von der Wirtschaftskrise betroffen sind. So baute er unter anderem öffentliche Spielplätze, bekannt ist besonders eine aus recycelten Materialien gestaltete Wippe.

Bauen mit den und durch die Menschen

Den Global Award for Sustainable Architecture hat Jana Revedin im Jahr 2007 gemeinsam mit internationalen Wissenschaftsinstituten ins Leben gerufen. Um den Preis auf eine wissenschaftlich unabhängige Basis zu stellen, gründete sie nur zwei Jahre später die LOCUS Stiftung. Diese trägt aber nicht nur den Award, sondern vernetzt auch verschiedene Akteure der Branche – Städtebauer, Studenten und Bewohner. Unter der Federführung der Stiftung werden zahlreiche Bürgerbeteiligungsprojekte realisiert, bei denen das gemeinsame Gestalten im Zentrum steht. Revedins Credo: „Ich glaube an Entwicklung durch Selbstentwicklung, durch Bildung und Bürgersinn, an das Bauen mit den und durch die Menschen, nicht für sie.“

Hoffnungsträger für ausgegrenzte Menschen

Eines der Leuchtturmprojekte der LOCUS Stiftung ist die Herstellung von Photovoltaik-Straßenlaternen in Moqattam, im Armenviertel – dem sogenannten Lumpensammlerviertel – von Kairo. Das Projekt wurde im Jahr 2009 initiiert und ist bis heute aktiv. „Über zwei Jahre erarbeiteten wir mit meinen Studierenden und ihren ägyptischen Kommilitonen eine Stadt- und Bedarfsanalyse“, erzählt Revedin. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass eines am meisten fehlte: Licht! Gemeinsam mit örtlichen Handwerkern, den Lumpensammlerfrauen und dem Fachwissen des indischen Architekten Bijoy Jain, Preisträger des Global Award im Jahr 2009, wurden Straßenlaternen selbst gebaut und von Photovoltaik erhellt.

Heute ist die Beleuchtung des Hauptplatzes von Moqattam unabhängig vom Kairoer Stromnetz. So hatten die Ärmsten der Armen Licht, während mehrere Stromausfälle etwa in den Monaten des Arabischen Frühlings die Straßen der Innenstadt verdunkelten. Zudem hat das Projekt den Alltag der Frauen verändert: Sie sind es, die die Laternen produzieren und inzwischen über das Internet weltweit verkaufen. Die nachhaltigen Lampen erhellen somit nicht nur Kairos Lumpensammlerviertel. Das Projekt strahlt über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. „Licht für die Slums wurde zum Hoffnungsträger für viele ebenso ausgegrenzte Menschen – ob religiöse, soziale oder politische Minderheiten“, so Revedin. Denn es sind meist diese Menschen, denen es in ihren Lebensräumen am Nötigsten mangelt.

  • Beleuchtungsstudien für das Projekt „Licht in die Slums“ in Kairo. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Beleuchtungsstudien für das Projekt „Licht in die Slums“ in Kairo. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Die „LOCUS N° 1“-Leuchten aus recycelten Metallscheiben, handgemacht. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Die „LOCUS N° 1“-Leuchten aus recycelten Metallscheiben, handgemacht. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Die „LOCUS N° 1“-Leuchten aus recycelten Metallscheiben, handgemacht. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Die „LOCUS N° 1“-Leuchten aus recycelten Metallscheiben, handgemacht. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Gemeinsames Entwerfen durch die Lumpensammlerfrauen und Revedins Studierende – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Gemeinsames Entwerfen durch die Lumpensammlerfrauen und Revedins Studierende – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Das „Baumaterial“ der Laternen: recycelte Metallblätter von Getränkedosen – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Das „Baumaterial“ der Laternen: recycelte Metallblätter von Getränkedosen – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Prof. Dr. Jana Revedin bei der Montage der Laternen mit ihren Studierenden. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Prof. Dr. Jana Revedin bei der Montage der Laternen mit ihren Studierenden. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Stillhalten in der sonst geschäftigen Müllstadt: Die Laternen werden montiert... – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Stillhalten in der sonst geschäftigen Müllstadt: Die Laternen werden montiert... – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • ...und dann über der Straße installiert. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    ...und dann über der Straße installiert. – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Branding der Laternen: LOCUS N°1, designed by Bijoy Jain – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Branding der Laternen: LOCUS N°1, designed by Bijoy Jain – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • „Licht in die Slums“ durch Selbstbaulaternen und Solartechnologie – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    „Licht in die Slums“ durch Selbstbaulaternen und Solartechnologie – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

  • Die stolzen Lumpensammlerfrauen beim Eröffnungsabend im November 2012 – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

    Die stolzen Lumpensammlerfrauen beim Eröffnungsabend im November 2012 – Foto (CC): Jana Revedin/Gernot Gleiss für LOCUS Foundation

Lebensraum organisch und adaptiv für alle gestalten

Das Projekt in Kairo ist aber nur eines von vielen Engagements der Stiftungsgründerin. Denn sie ist nicht nur Architektin, Wissenschaftlerin und Stiftungsleiterin – sie hat auch eine Professur für Architektur und Gestaltung am Blekinge Institute of Technology in Schweden und erforscht ihre eigene Gestaltungstheorie. Im Herbst 2015 erschien bei Gallimard Paris ihr neues Buch „La ville rebelle: democratiser le projet urbain“ („Rebellenstädte: Wie demokratisieren wir die Stadtplanung?“). Darin fragt sie: Wie können wir den ungleich verteilten Lebensraum Erde organisch und adaptiv für alle gestalten?

Was macht also einen Lebensraum nachhaltig? Für die Autorin ist die Stadt der Zukunft sozial durchmischt, entwickelt sich organisch aus dem Bestand weiter, ist dicht, integrativ und grün. Nachhaltigkeit bedeutet für Revedin Verantwortung – in ökologischer und ökonomischer Hinsicht –, aber auch soziale Empathie und kulturelle Authentizität. „Die Rolle des Architekten ist genau die: die Bedürfnisse der Menschen zu erfassen und dann angemessen, mit einfachsten Mitteln doch höchstem Qualitätsanspruch umzusetzen.“ Dieses Ideal setzt sie auch wieder bei ihrem aktuellen Projekt um: einem Gemeinschaftszentrum in Rio de Janeiro, das gemeinsam mit den Favela-Bewohnern realisiert wird.

Für ihre Arbeit hat Revedin bereits viel Unterstützung und Anerkennung erfahren. 2011 stellte die UNESCO den Global Award for Sustainable Architecture unter ihren Ehrenschutz und machte Revedin zur Delegierten für den UNESCO-UIA Forschungs- und Lehrausschuss. 2014 wurde sie für ihre Pionierleistungen für eine Ethik der Nachhaltigkeit in Architektur und Städtebau zur Ritterin der französischen Ehrenlegion für Kunst und Kultur geschlagen. Und auch 2016 wird der Global Award wieder innovative Kollegen ehren – dann mit dem Themenschwerpunkt „Zeit ist geschenkt. Hast ist teuer.“ Denn Geduld ist, so Revedin, der unverzichtbare Begleiter für ein nachhaltiges Entwerfen: „Nur im Teilen, im Austausch und mit genügend Zeit können urbane Lebensräume im sozialen und ökologischen Gleichgewicht gestaltet werden.“

Der FUTUREPERFECT-Beitrag „Vom Gestalten lebenswerter Räume“ von Nathalie Schnabel ist lizensiert unter CC BY-SA 3.0 DE.