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Biogemüse aus dem alten Township

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Biogemüse aus dem alten Township (c) Foto: Ines Bresler
Foto: Ines Bresler

In einem wohlhabenden Viertel von Windhoek bieten zwei junge Männer aus einem ehemaligen Township Bioprodukte an. John und Immanuel Negongo sind dabei, die namibische Landwirtschaft zu revolutionieren.

Jeden Samstag sitzen zwei junge Männer auf einem Biomarkt in Klein-Windhoek vor einem kleinen Plakat, auf dem der Firmenname Iyimati steht, übersetzt „die Früchte unserer Arbeit“. Vor ihnen liegen frischer Salat, Spinat und Bohnen. „Die Leute, die herkommen, legen Wert auf biologischen Anbau“, weiß einer der beiden, John Negongo. „Sie machen sich Sorgen um all die Chemikalien, mit denen das Gemüse aus dem Supermarkt behandelt ist.“

Klein-Windhoek war zur Kolonialzeit einer der ersten Orte im heutigen Namibia, an denen sich die Deutsche Schutztruppe niederließ. Heute wohnen viele Nachfahren der deutschen Siedler hier. Die Mauern sind hoch und mit Nato-Draht versehen. Um die Stephanus-Kirche herum stehen am Samstagmorgen Stände von Farmen wie der von Iyimati und Auslagen mit Schmuck und Stoffen. Auch ein kleines Café ist aufgebaut, in dem sich vor allem Deutschnamibier gerne zum Frühstück treffen. „Die Atmosphäre hier ist sehr angenehm. Und wir können frische Sachen kaufen, bei denen wir wissen, wo sie herkommen“, sagt Lise Woensdregt. Die junge Frau aus den Niederlanden kauft fast jeden Samstag hier ein.

Der Farmer und sein Online-Kurs

Johannes „John“ Negongo und sein Bruder Immanuel stammen aus dem Dorf Omege im Norden Namibias, nahe Oshakati. „Also sind wir mit der Farmarbeit groß geworden“, erklärt John. Als John dann zum Studieren in die Stadt kam, konnte er sich nicht genug zu Essen leisten. „Deshalb beschloss ich, zu Hause einen Garten anzulegen. Ich fing an, mir Online-Kurse zum Thema Gärtnern anzuschauen.“ 2007 begann er, bei der Hilfsorganisation Family of Hope Services (FOHS) Freiwilligenarbeit zu leisten. Vier Jahre später war er verantwortlich für den Garten von FOHS, in dem die Initiative ihr eigenes Gemüse anbaut. Sie verteilt Mahlzeiten an Kinder, deren Eltern sie nicht versorgen können.

„Als ich bei FOHS anfing, wusste ich schon einiges. Dann ging es nur noch darum, mit Leidenschaft und Geduld weiterzumachen.“ Als die Initiative 2014 umzog, legte John am neuen Standort zusammen mit seinem Bruder Immanuel einen weiteren Garten an. Die alte Anlage wollte er indes erhalten. So bestellen die beiden Brüder weiterhin auch den ersten Garten, um die FOHS-Suppenküche mit Gemüse zu versorgen. Als Ende letzten Jahres deutlich wurde, dass die Menge des angebauten Gemüses den Bedarf der Suppenküche übersteigt, verhandelten sie mit der Organisation, dass sie 40 Prozent der Ernte beider Flächen selbst verkaufen dürfen. So kamen sie zu ihrer eigenen Firma: Iyimati.

Das Iyimati-Team: Maria Negongo (Verkauf), Johannes Negongo (Direktor), David Nekongo (Produktionsmanager) und Immanuel Negongo (Verkaufsmanager). Foto: Mesias Philipus
Das Iyimati-Team: Maria Negongo (Verkauf), Johannes Negongo (Direktor), David Nekongo (Produktionsmanager) und Immanuel Negongo (Verkaufsmanager). Foto: Mesias Philipus

Pioniere zwischen Wellblechhütten

Etwa zehn Kilometer nordwestlich des Green Market liegt Hakahana, ein Gebiet des ehemaligen Townships Katuturas, übersetzt „der Ort, an dem wir nicht bleiben möchten“. Zur Zeit der Apartheid hatte die Stadtverwaltung Windhoeks schwarze Familien in die Außenbezirke verbannt, um eine „weiße“ Stadt zu erschaffen. Zwar hat sich die Lebenssituation im ehemaligen Township heute verbessert, doch gehört Hakahana noch immer zu den ärmsten Vierteln der Stadt und besteht zum Großteil aus unordentlich angeordneten Wellblechhütten. Reiseführer raten Touristen, es nur in geführten Touren zu besichtigen.

John sitzt hier in Hemd und Jackett auf einem kleinen Eimer und blättert in seinen Geschäftsunterlagen. Der Ort, an dem die Partner hier ihr Gemüse anpflanzen, ist ganz friedlich. Hinter einer kleinen, rosafarbenen Krankenstation steht ihr Gewächshaus aus Stöcken und Netzen. In den Beeten ragen Knoblauch, Koriander und viele andere Pflanzen aus dem Boden. „Es kann nicht sein, dass ökologische Landwirtschaft überall auf der Welt praktiziert wird, nur in Namibia nicht“, sagt Immanuel. Denn die beiden Brüder sind Biobauern. Sie verzichten auf chemische Düngemittel und Pestizide und arbeiten stattdessen mit den Mitteln, die die Natur zur Verfügung stellt. Die Idee ist aus der Not geboren: Als sie nach Windhoek kamen, mussten sie auf möglichst preiswerte Art Gemüse anbauen – ohne Hilfsmittel. Im Verlauf ihrer Recherchen dazu lernten sie dann, wie wichtig der Erhalt des Ökosystems ist.

In ihrer Heimat hingegen steige das Bewusstsein für gesunde Ernährung und Biolebensmittel nur sehr langsam. „Deshalb werden wir die Pioniere in Namibia sein“, fügt John lachend hinzu. Angefangen mit einem Reingewinn von 500 Namibia-Dollar pro Woche – etwa 35 Euro – sind sie im Laufe dieses Jahres schon bei wöchentlich 5.500 Namibia-Dollar angelangt. „Wir haben kürzlich noch ein Stück Land gekauft und planen, ab März 2016 einen wöchentlichen Gewinn von 30.000 Dollar zu erzielen“, erklärt John stolz.

Das kleine Gewächshaus von Iyimati in Hakahana. Foto: Ines Bresler
Das kleine Gewächshaus von Iyimati in Hakahana. Foto: Ines Bresler

Zukunft pflanzen

Mittlerweile verkaufen John und Immanuel aber nicht mehr nur Gemüse. Auch weitere Geschäftsfelder entwickeln sich langsam, aber sicher: die Pflege von Ziergärten für private Kunden in Windhoek zum Beispiel. Schon sechs Gärten haben die Brüder mit ihren Mitarbeitern angelegt, um drei weitere kümmern sie sich regelmäßig. „Die Nachfrage wächst stetig, sodass wir bald schon mehr Aufträge haben, als wir überhaupt bewältigen können.“

Doch den Biobauern geht es nicht nur um ein erfolgreiches Geschäft. Sie wollen die Landwirtschaft ihrer Nation nachhaltig verändern. Nachdem ein Zeitungsartikel über die Brüder erschienen war, kam die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) auf Iyimati zu. „Sie haben uns eine Kooperation vorgeschlagen, um den Windhoekern biologischen Anbau beizubringen. Bislang fehlen uns dazu allerdings noch die Mittel.“ Der Lehrplan würde neben dem Gebiet der Biodiversität auch Aufklärung zu den Themen Ökosystem, Umweltmanagement, Gartenbau und Permakultur enthalten. „Damit auch unsere Kinder und Enkel noch die Natur genießen können“, strahlt John.

Der FUTUREPERFECT-Beitrag „Biogemüse aus dem alten Township“ von Ines Bresler ist lizensiert unter CC BY-NC-ND 3.0 DE.

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