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Beate Schindler-Kovats: „Die Hochschulbildung in Tunesien sollte praxisorientierter sein“

In Tunesien sind doppelt so viele Akademiker arbeitslos wie junge Menschen ohne Studienabschluss. Die Hochschulbildung sei zu theoretisch und zu viele Studenten seien eingeschrieben, sagt Beate Schindler-Kovats, Leiterin des DAAD-Informationszentrums  in Tunis. Sie glaubt, dass nur eine Reform des Ausbildungswesens und ein Mentalitätswandel langfristig etwas ändern können.

Etwa 30 Prozent der Akademiker in Tunesien sind arbeitslos. Beate Schindler-Kovats nennt dafür gleich mehrere Gründe. Sie hat aber auch Verbesserungsvorschläge, die sie im Interview erläutert.

„Die Chance arbeitslos zu sein steigt mit der Höhe des Abschlusses“

Etwa 30 Prozent der tunesischen Akademiker sind arbeitslos. Woran liegt das?

Beate Schindler-Kovats: Dafür gibt es mehrere Ursachen: Zum einen gibt es in Tunesien sehr viele Akademiker und zu wenige qualifizierte Fachkräfte mit Berufsausbildung. Der tunesische Staat bietet eine Studienplatzgarantie – das führt dazu, dass fast alle Abiturienten studieren. Eine Berufsausbildung ist dagegen wenig attraktiv und wird nicht als Alternative gesehen. Insbesondere die verarbeitende Industrie in Tunesien braucht aber Fachkräfte und Arbeiter. Der Bedarf an Akademikern und Promovierten ist hingegen begrenzt. Die Chance arbeitslos zu sein steigt mit der Höhe des Abschlusses. Viele junge Leute sind an den Hochschulen „geparkt“ und viele sind als Doktoranden „pro forma“ eingeschrieben, um nicht arbeitslos zu sein.

Zum anderen fehlt eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis. Die Ausbildung an tunesischen Hochschulen ist wenig praxisorientiert und geht an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei. Daher gibt es viele „Generalisten“ und wenig Spezialisten. Zudem ist die Lernkultur (Auswendiglernen, Reproduzieren) nicht hilfreich. Unternehmen beklagen, dass es an innovativ denkenden und handelnden Arbeitskräften und an Soft Skills mangelt. Tunesische Studenten und Absolventen haben oft nicht gelernt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und zeigen wenig Initiative.

Wie schätzen Sie die Qualität der tunesischen Hochschulbildung ein?

Beate Schindler-Kovats: Die Qualität der Hochschulbildung ist in den letzten Jahren unter dem Druck der Arbeitsmarktsituation gesunken. Es werden viele neue Hochschulprogramme geschaffen, um die jungen Leute in Master- und Promotionsprogrammen unterzubringen, damit sie erst einmal von der  Straße weg sind. Es gibt kein Akkreditierungssystem oder Qualitätsmanagement. Hinzu kommen massive Streiks im Bildungssektor – sowohl bei den Lehrenden als auch Studierenden. Die Streiks blockieren den normalen Semesterbetrieb, das hat negative Auswirkungen auf das Bildungsniveau.

Mein Studium in meinem Heimatland ...

Hochschulbildung sollte praxisorientierter sein

Welche Verbesserungsvorschläge hätten Sie?

Beate Schindler-Kovats: Ich bin für eine praxisorientiertere Ausbildung an den tunesischen Hochschulen wie beispielsweise an Fachhochschulen in Deutschland. Außerdem wäre eine Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und der Industrie sinnvoll. Hier fördert der DAAD bereits erfolgreiche Pilotprojekte in Kooperation mit deutschen Industriepartnern und Hochschulen. Die Lernkultur sowie die Arbeitshaltung und Arbeitsweisen müssten sich ändern. Es müsste mehr für die Integration von mehr Praktika in die Hochschulbildung geworben werden.

Wie kann ein Auslandsaufenthalt die Chancen auf dem tunesischen Arbeitsmarkt verändern?

Beate Schindler-Kovats: Rückkehrende Alumni sind ein Mehrwert für die tunesischen Hochschulen und den tunesischen Arbeitsmarkt. Es gibt bereits einige positive Beispiele gelungener Reintegration. Rückkehrer sind aktiv im Bereich Existenzgründung. Aber nach wie vor existieren in Tunesien Hürden und bürokratische Hindernisse bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse und Leistungen.

Wie beeinflusst die Abwanderung gut ausgebildeter junger Leute Tunesien?

Beate Schindler-Kovats: „Brain Drain“ ist ein akutes Problem. Rund 3.000 Hochschullehrer sollen in den letzten Jahren in die Golfregion abgewandert sein, weil sie dort bessere Bedingungen vorfinden und eine sehr viel bessere Bezahlung bekommen.

Junge Leute wandern aus, suchen Studien- und Arbeitsmöglichkeiten vor allem in Europa und Kanada. Mediziner, Pflegekräfte und Ingenieure werden als Fachkräfte abgeworben. Wer es nicht legal schafft, nimmt die Flüchtlingsrouten über das Mittelmeer. In Deutschland aus- oder weitergebildete Akademiker kommen leider nur zu einem sehr geringen Prozentsatz nach Tunesien zurück. Hier müsste die tunesische Regierung Anreize schaffen zurückzukehren.

Eine Deutschland-Alumna aus Tunesien erzählt

Ich heiße Chayma Berrhouma, bin 24 Jahre alt und ich komme aus Tunesien. Ich bin Telekommunikationsingenieurin und habe meinen Abschluss an der Hochschule für Kommunikation in Tunis (SUP’COM) gemacht. Meine Masterarbeit habe ich am renommierten Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fraunhofer FOKUS) in Berlin geschrieben.

Während meines Aufenthalts in Deutschland musste ich eine Reihe von Herausforderungen meistern, darunter die Bewertung meiner Masterarbeit. Dadurch, dass ich in einem Land lebte, dessen Sprache ich nicht sprach und in dem ich keine Verwandten hatte, habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen und selbstständig zu arbeiten.

Außerdem hatte ich Gelegenheit, bei der Karrieremesse „Trained in GermanY“ in Tunis am Stand des Alumniportals zu arbeiten. Es war eine sehr erfolgreiche Veranstaltung. Junge Tunesier konnten sich dort über Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland und Tunesien informieren und ihre Berufsvorstellungen mit gut ausgebildeten Ingenieuren des Alumniportals besprechen.

Für mich persönlich war diese Veranstaltung sehr hilfreich. Ich konnte verschiedene Themen aus dem Bereich „Studieren und arbeiten in Deutschland“ mit sehr interessanten Leuten diskutieren, die in Deutschland eine tolle Karriere aufgebaut haben und dann in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, um hier ihr Wissen und ihre Erfahrung einzubringen.

Interviews: Verena Striebinger

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Mai 2016

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Kommentare

Herr ounsa ammar
23. August 2016

Liebe Frau ;Es hat mich viel gefreut dass Sie mal ein Antwort fuer mein Kommentar gemacht haben.Was Sie hier eingebracht ist voellig war,es steht keine beziehung zwischen Hochschulen und Arbeitswelt oder Arbeitsmarkt .Normaleweise muss die Ausbildung an Hochschulen nach genauer Angaben von der Indusrtie und der Wirtshaft vorgehen; und am Ende es gebt keine Verantwortung von der Regierung solche Aenderungen beizubringen.Ich biete Sie um Entschuldigung vieleicht ist mein Ausdrucken nicht richtig gemacht weil ich bin Augenoptiker vom Beruf.

Beate Schindler-Kovats
22. August 2016

Vielen Dank für den Kommentar, lieber Herr Ammar: Zu Ihrer Frage: Die Ausbidung an Hochschulen in Tunesien, Algerien und Marokko ist sehr theorielastig. Die Curricula sollten stärker praxis- und arbeitsmarktorientiert sein. Die Hochschulen sollten sich modernisieren und reformieren, in dem sie stärker mit der Wirtschaft und Industrie zusammenarbeiten. Und auch ein Mentalitätswandel müsste stattfinden: die Lernkultur und Arbeitshaltung sowie die Arbeitsweisen an Hochschulen ist sehr lehrerzentriert und wenig interaktiv. Mehr Eigenständigkeit und Präsentationstechniken, kreatives und kritisches Denken statt Auswendiglernen hilft den Studenten, sich auf die Arbeitswelt vorzubereiten.

Herr Ounsa Ammar
11. August 2016

Ich bin nicht aus Tunisien sonderen aus Algerien und ich gebe Frau Kovats Recht aber die Frage ist; wie kann man das aanderen?

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