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Inklusion: Eine Hochschule für alle

Die Technische Universität Dortmund nimmt in Deutschland eine Vorreiterrolle beim Thema Inklusion ein. Hier finden Studierende mit Behinderungen Beratungsangebote, strukturelle Barrieren werden abgebaut. So entsteht eine Hochschule für alle.

Für Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten stellen sich viele Fragen, wenn sie ein Studium beginnen möchten. An der TU Dortmund werden diese Fragen beantwortet und ein Studium mit möglichst wenig Barrieren ermöglicht. Andrea Hellbusch spricht im Interview über die Wirksamkeit von Beratungsangeboten und über Lösungen für strukturelle Probleme.

Seit fast 40 Jahren hat das Thema Inklusion an der TU Dortmund einen festen Platz. Aus welcher Motivation hat sich der heutige Bereich Behinderung und Studium (DoBuS) gegründet?

Andrea Hellbusch: In den Anfängen trafen sich zwei Initiativen: Die eine ging von einer Professorin aus, die gute Beispiele von US-amerikanischen Hochschulen kannte, die andere von der Interessenvertretung behinderter und chronisch kranker Studierender, die sich Ende der 70er Jahre an der TU Dortmund organisierte. Für diese Gruppe gab es einfach keine spezifischen Beratungs- und Unterstützungsangebote an der Universität. Daraus entstand 1977 der erste Beratungsdienst behinderter und chronisch kranker Studierender an der TU Dortmund.

Im Laufe der Jahre wurde immer klarer, dass an der Universität neue Strukturen für diese Studierenden geschaffen werden mussten. Die TU Dortmund hat dafür mehr und mehr Ressourcen aus dem eigenen Haushalt bereitgestellt. Aus der Pilotstudie „Eine Hochschule für alle“ ist 2001 DoBuS in der heutigen Form mit dem Beratungsdienst, dem Umsetzungsdienst zur sehgeschädigtengerechten Adaption von Studienmaterialien und dem Arbeitsraum und Hilfsmittelpool für behinderte Studierende entstanden.

Inklusion – was ist das?

Inklusion ist ein Menschenrecht und in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben: Jeder Mensch hat das Recht auf uneingeschränkte Teilhabe an der Gesellschaft. Inklusion ist das Gegenteil von Exklusion, also dem Ausschluss von Menschen. In einer inklusiven Gesellschaft leben alle Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt. Jeder einzelne wird als Teil des Ganzen gesehen, ganz unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht, von Religionszugehörigkeit, eventuellen Behinderungen oder anderen individuellen Besonderheiten. Hierin liegt der Unterschied zum Konzept der Integration, bei der sich eine kleine Außengruppe einer großen Gruppe anschließen und daraus eine homogene Gesellschaft entstehen soll.

Aktion Mensch: Infografik „Exklusion – Integration – Inklusion“

Strukturelle Barrieren abbauen

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Andrea Hellbusch: Neben einigen Angeboten für kleine Gruppen sind wir vor allem in der Einzelberatung und -unterstützung tätig. Die Bedürfnisse von Studierenden mit Behinderungen und chronischen Krankheiten sind sehr individuell. Wir unterstützen beispielsweise die Studierenden bei der Beantragung von Eingliederungshilfen – das können technische Hilfsmittel oder Begleitpersonen sein. Außerdem beraten wir Studierende bei der Beantragung von Nachteilsausgleichen für Prüfungen: Welche Hilfsmittel sind erforderlich, muss es einen extra Raum geben oder braucht der Prüfling mehr Zeit? Darüber hinaus sind wir in der fachlichen Beratung von Lehrenden und Hochschulverwaltung tätig.

Durch unsere Beratungsangebote identifizieren wir aber auch gleichzeitig strukturelle Probleme und Barrieren, die wir dann angehen können. Wir setzen beispielsweise Studienmaterialien in verschiedene Medienformen um, so dass sehbehinderte und blinde Studierende damit in den Lehrveranstaltungen arbeiten können. Auch bei Fragen der baulichen Barrierefreiheit an der Universität sind wir beteiligt: Die ganze TU Dortmund wird beispielsweise nach und nach mit einem Leitsystem für Blinde ausgestattet. In der Arbeit von DoBuS findet eine ständige Rückkoppelung statt. In diesem Prozess werden Strukturen immer wieder überdacht und angepasst. Unsere Methodik hat sich inzwischen als „Dortmunder Arbeitsansatz“ etabliert.

Zur Person

Andrea Hellbusch hat derzeit die kommissarische Leitung des Bereiches Behinderung und Studium (DoBuS) im Zentrum für HochschulBildung an der Technischen Universität (TU) Dortmund inne. Die Leiterin, Dr. Birgit Rothenberg, vertritt in diesem Semester den Lehrstuhl an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund, von dem Ende der 70er Jahre die Initiative zur Gründung des Beratungsdienstes behinderter und chronisch kranker Studierender ausging. 

Inklusion von Anfang an mitdenken

Sie sprechen von Prozess. Wohin soll der führen?

Andrea Hellbusch: Der Prozess ist stetig und noch längst nicht abgeschlossen. Wir möchten erreichen, dass Inklusion an der Universität zum Mainstreaming und damit selbstverständlich wird. „Inklusion an der Hochschule von vornherein mitzudenken“, so lautet unser Ziel.

Und können Sie dieses Ziel erfolgreich verfolgen?

Andrea Hellbusch: DoBuS ist seit 2013 eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung innerhalb des Zentrums für HochschulBildung an der TU Dortmund. Das spricht für sich. Bis dahin waren wir immer an einer Fakultät angesiedelt. Unsere inhaltliche Arbeit hat sich dadurch nicht verändert, aber die Wahrnehmung als zentrale universitäre Einrichtung ist nun natürlich eine ganz andere.

Werben Sie um neue Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten?

Andrea Hellbusch: Wir gehen an verschiedene Schulen, informieren dort und berichten von unserer Einrichtung. Außerdem bieten wir jedes Jahr ein Schnupperstudium für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung oder chronischer Krankheit an. Dort können sie drei Tage lang einen Eindruck vom Studienalltag bekommen, Fragen klären und in Veranstaltungen „hineinschnuppern“. Denn viele wissen nicht, komme ich mit der Akustik in einem großen Hörsaal klar, verliere ich hier die Übersicht, kann ich den Uni-Alltag motorisch meistern, wie organisiere ich meinen behinderungsbedingten Studienmehrbedarf?

Mit welchen Problemen haben Sie zu kämpfen?

Andrea Hellbusch: Ein großes und grundsätzliches Problem sind die Ressourcen. Gibt es genügend Personal, um alle Angebote abzudecken? Obwohl die Unterstützungsbereitschaft in den Fakultäten sehr hoch ist, kommt es auch zu Klärungsbedarf bezüglich der Ausgestaltung eines angemessenen Nachteilsausgleiches. Und hin und wieder fehlt auch einfach das Verständnis.

Außerdem machen uns die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen. Aktuell gibt es eine Vorlage zum neuen Bundesteilhabegesetz. In unseren Augen kann das neue Gesetz in dieser Form die Situation für Studierende mit Behinderungen verschlechtern. Zum Beispiel verschärft der Entwurf die Zugangsvoraussetzungen für Studierende mit Behinderungen zu den Leistungen der Eingliederungshilfe. 

Deutschland-Alumni im Porträt: N'Golo Konare

„Ich bin blind und arbeite als Sprachlehrer am nationalen Sprachzentrum des Bildungsministeriums. (...) Ich möchte meine in Deutschland erworbenen Kenntnisse hier in Mali einsetzen und versuche seit mehreren Jahren, ein Studiensekretariat für behinderte Studenten an der Universität einzurichten.“


Zum Interview mit N'Golo Konare

Inklusion entsteht nicht von heute auf morgen

Was würden Sie jemandem raten, der sich an seiner Hochschule für Inklusion engagieren möchten?

Andrea Hellbusch: Initiativen zur Inklusion lassen sich nicht von heute auf morgen etablieren. Dahinter stehen ein langer Entwicklungsprozess, viele Ressourcen und die Beteiligung von Studierenden mit Behinderung oder chronischer Krankheit. Vielleicht kann man zunächst mit einem einzelnen Projekt starten? Wir haben zum Beispiel eine Gruppe, in der regelmäßig Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen zusammenkommen, die kurz vor ihrem Studienabschluss stehen. Hier können sie durch Erfahrungsaustausch voneinander profitieren. Die Gruppe wird von unserer Seite aus lediglich moderiert. Die Ressourcen halten sich in Grenzen, die Teilnehmenden erzielen aber einen großen Nutzen und stärken sich gegenseitig. Aber auch die Vernetzung und der Austausch mit anderen Universitäten zu Fragen der Inklusion können Motor sein, um die Entwicklung zu einer Hochschule für alle voranzubringen.

In meinem Heimatland ...

August 2016

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