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Thema des Monats September

Menschen in Bewegung: Migration im 21. Jahrhundert

Menschen in Bewegung: Migration im 21. Jahrhundert

Migration – ein harmlos klingendes Wort, das nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als die völlige Umstellung der Lebenssituation eines Menschen und/oder einer ganzen Familie.

Vielleicht haben auch Sie für einige Jahre in einem anderen Land gelebt, um dort eine Arbeitsstelle anzunehmen, eine Ausbildung zu absolvieren, professionellere Forschungsbedingungen vorzufinden oder einfach in der Hoffnung auf ein „besseres Leben“. Vielleicht hat die schwache Wirtschaftslage oder die politische Instabilität in Ihrem Heimatland Sie dazu bewogen, sich ein neues Leben in einem anderen Land aufzubauen. Vielleicht stammen Sie auch aus einem Krisen- oder Kriegsgebiet, in dem sogar Ihre Existenz bedroht war.

Die Gründe, die Menschen dazu bewegen, ihr Land zu verlassen, sind zahlreich. Neben Arbeits-, Ausbildungs- und Forschungsbedingungen oder der wirtschaftlichen sowie politischen Situation können viele weitere Faktoren zu der Entscheidung beitragen, in ein anderes Land zu gehen: Globale Entwicklungen wie Klimaveränderungen, fortschreitende Urbanisierung, ein zunehmend globales Wirtschaftssystem sowie die stetig wachsende Weltbevölkerung und der daraus resultierende Druck auf die Arbeitsmärkte haben heute weitreichende Auswirkungen auf die Lebensläufe der Menschen überall auf der Welt.

„Migration“ bedeutet die Verlagerung des Lebensmittelpunktes, d.h. das Verlassen des Herkunftslandes für einen längeren, oft unbestimmten Zeitraum. Noch vor 40 Jahren betrug die Zahl der Migranten weltweit 75 Millionen. Bis heute ist sie auf über 200 Millionen, etwa 2,5% der Weltbevölkerung, angestiegen. Gleichzeitig hat sich die Form der Migrationsbewegungen verändert: Migration beschreibt heutzutage nicht mehr nur die langfristige Ein- und Auswanderung von einem Land in ein anderes. Vielmehr steigt die Mobilität der Menschen. Sogenannte zirkuläre Wanderungen, Pendelwanderungen und temporärer Wanderungen nehmen stetig zu: Menschen leben und arbeiten für längere Zeit außerhalb ihres Heimatlandes, möglicherweise in verschiedenen Länder, pendeln oder kehren zeitweise oder auch dauerhaft in ihre Heimatländer zurück.

Brain drain oder brain gain?

Im Durchschnitt leben 6 von 10 internationalen Migranten in so genannten "high income" Ländern. Der temporären Abwanderung aus einem wirtschaftlich schwachen Land in ein Industrieland liegt oft eine individuelle Entscheidung zu Grunde – etwa das Streben nach einer besseren Ausbildung oder der besseren wirtschaftlichen Lage und den daraus resultierenden erhöhten Arbeitschancen.

Wenn Menschen aus Entwicklungsländern in Industrieländer migrieren, ist häufig von brain drain die Rede, also dem Verlust von Wissen für die Entwicklungsländer durch die Abwanderung von gut ausgebildeten Fachkräften. Im Jahr 2000 lebten etwa 20 Millionen migrierte Hochschulabsolventen in Industrieländern. Ihre Zahl ist innerhalb von zehn Jahren um 10 Millionen auf heute gut 30 Millionen angestiegen.

Kehren Hochschulabsolventen oder Fachkräfte in ihr Heimatland zurück, tragen sie mit ihren erworbenen Fähigkeiten und Erfahrungen häufig zu wichtigen Veränderungen bei. Sie können einen positiven Einfluss auf ihr Heimatland ausüben - im wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen und ökologischen Sinne. Hier spricht man von brain gain: Entwicklungsländer profitieren von im Ausland aus- oder fortgebildeten Fachkräften.

So wie im Fall von Suzana Vrazitorovic aus Serbien. Die junge Frau war lange Zeit der Meinung, auf keinen Fall zurückkehren zu wollen: „Ich dachte, ich bin jung, ich habe mein Leben in Deutschland, was soll ich da?“ Heute jedoch, nach einem dreimonatigen Praktikum in ihrem Herkunftsland, sieht sie neue Perspektiven, wie sie durch ihre Arbeit im Tourismusbereich das Land bei seinem beschwerlichen Weg in die Europäische Union unterstützen kann: „Ich glaube, ich könnte in Serbien richtig was bewegen, jedenfalls mehr als in Deutschland.“

Auch wenn sich Fachkräfte nicht für eine Rückkehr entscheiden, unterstützen sie oft ihre Herkunftsländer: Sei es durch einen der zahlreichen Diaspora-Vereine, durch Hilfsprojekte oder durch länderübergreifende Wissenschaftskooperation. Mit den finanziellen Unterstützungen, die Migranten ihren Familien in der Heimat zukommen lassen, sind Millionen von Menschen weniger von Armut betroffen. Diese Hilfen werden immer wichtiger. So stieg die weltweite finanzielle Hilfe, die Migranten in ihren Heimatländern leisten, von 102 Milliarden $ (1995) auf 338 Milliarden $ (2008) an.

Wer gewinnt mehr?

Und was ist mit der neuen „Heimat“? In Industrieländern galten Migranten lange vor allem als Problem. Die Furcht vor dem Verlust der kulturellen Identität und die Angst um die Arbeitsplätze bestimmten in vielen Industrienationen lange die Diskussion um Migration und Integration. Heute werden die von Migranten erlangten sozialen, kulturellen und intellektuellen Fähigkeiten immer öfter als Stärke diskutiert. Keine Entwicklung ohne Austausch, kein Profit ohne offene Märkte und arbeitsteilige Produktion.

Voneinander lernen – miteinander lernen. Deutschland-Alumni beispielsweise sind „temporäre Migranten“, die in Deutschland ihre Ausbildung gemacht haben. Sie bringen nicht nur ihr Heimatland wirtschaftlich, sozial und ökologisch voran. Sie sind auch wichtige Kontakte für deutsche und internationale Unternehmen. Ihre Erfahrungen sind die „Visitenkarte“ mit der sich Industrienationen als offene und moderne Gesellschaften vorstellen.

Die Zahl der ausländischen Studienabsolventen in Deutschland, die sich mobil an die Arbeitsmarktsituation anpassen, wächst. Frau Fan aus China hat nach erfolgreichem Abschluss ihres Studiums der Sozialwissenschaften den Schwerpunkt Personalmanagement gewählt. Jetzt steht als nächste Karrierestufe der Eintritt als Personalmanagementassistentin in ein großes international tätiges Unternehmen der optischen Industrie in Deutschland bevor. Von dort aus steht auch der Schritt in den chinesischen Arbeitsmarkt als Option zur Diskussion. „Die Welt ist offen und ich suche für mich nach den besten Entwicklungschancen“, stellt sie fest.

Der Globalisierungsprozess fördert und verursacht Migrationsprozesse. Wanderungsprozesse zwischen armen und reichen Ländern werden verstärkt im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung. Die höhere Nachfrage an Arbeitskräften in den entwickelten Ländern und deren Verfügbarkeit in Entwicklungsländern hat dazu geführt, dass 3 % der Weltbevölkerung immer in Bewegung sind. Hierzu gehören Fachkräfte, Arbeiter und Akademiker. Diese zirkuläre Migration der Arbeitskräfte kann einen „Triple-Win-Effekt“, d. h. einen Gewinn für das Gastland, das Heimatland und den Migranten selbst bewirken.

Dennoch bleiben die Grenzen Europas für Menschen vieler Herkunftsländer geschlossen: Das Potenzial internationaler Arbeitskräfte ist weitaus größer, als es bisher erkannt und genutzt wird.

Beispiel Deutschland

Braucht Deutschland Migranten?

Die deutsche Bevölkerung wird kleiner, aber die Wirtschaft braucht gut ausgebildete Arbeitskräfte. Dennoch wanderten im Jahr 2009 offiziell nur 112 hochqualifizierte Ausländer nach Deutschland ein - das spricht für sich. Gleichzeitig hält die Abwanderung deutscher Fachkräfte (seit 2003 rund 180.000) an und die Anstrengungen zur beruflichen Integration der in Deutschland bereits langjährig ansässigen Migranten haben nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Deutschland ist faktisch also eher ein Auswanderungsland, als ein Einwanderungsland.  Die Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeitsmigration wird daher auch für die deutschen Unternehmen immer wichtiger.

Der Bedarf an Fachkräften kann nur gedeckt werden, wenn die Zuwanderung einfacher und attraktiver gemacht wird. Was viele nicht wissen: es hat in Deutschland seit 2005 eine Reihe von vereinfachten Regelungen gegeben. Der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt wurde für internationale Absolventen gelockert, insbesondere haben sie ein Jahr nach ihrem Abschluss in Deutschland Zeit, sich einen Job zu suchen. Auch die Auswahlbeschränkungen wurden aufgehoben: Während vor 2007 ein Arbeitgeber zunächst nachweisen musste, warum er keinen Deutschen oder keinen Europäer für eine Stelle in Betracht zieht, kann er jetzt ohne Begründung Ausländer aus Drittstaaten einstellen. Auch für Maschinenbauingenieure und Elektroingenieure aus den neuen EU-Ländern gibt es große Lockerungen, um dem Bedarf des Handwerks und der Industrie besser gerecht zu werden.

Im „Kampf der besten Köpfe“ hat sich Deutschland aber nach Ansicht vieler Experten trotzdem noch nicht optimal positioniert. Auch die Anstrengungen zur beruflichen Integration der in Deutschland bereits langjährig ansässigen Migranten - jeder fünfte in Deutschland hat ausländische Wurzeln - haben noch wenig sichtbare Wirkungen.

Prof. Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DWI), hat auf die Gefahren dieser Entwicklung erst kürzlich in einem Interview hingewiesen und auf die Frage, warum Top-Fachleute nicht nach Deutschland kommen, auch festgestellt, dass „wir international den Ruf haben, dass Zuwanderung nicht gewollt ist.“ (Berliner Zeitung, August 2010).

Noch hat nicht jeder erkannt, was Kofi Annan schon 2006 formuliert hat: "International migration should be viewed not as a threat, but as an opportunity." (Kofi Annan, UN High Level Dialogue on International Migration and Development, September 2006)

Genug Stoff für ausführliche Diskussionen!

Haben Sie selbst Erfahrungen als Arbeitnehmer im Ausland gemacht? Profitiert ihr Land von Migranten oder verliert es durch Migration wichtiges Know How? Welche Gefahren und welche Chancen sehen Sie für  den Einzelnen und für die Ein- und Auswanderungsländer? Welche Gründe gibt es für Migration und wiekann Migration zur Entwicklung von ärmeren Ländern beitragen?  

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