
Demokratie – das Wort ist in aller Munde, hört man sich um in den arabischen Staaten, die durch Revolutionen verändert wurden. Aber was ist eigentlich Demokratie? Eine Erklärung braucht Zeit in einem Land wie Ägypten, in dem mehr als eine Generation schon als Kinder in der Schule keine Fragen stellen durfte, sondern nur zuhören und lernen musste, was der Lehrer ihnen sagte. „Nachdenken, kritisch analysieren und diskutieren – diese demokratische Kultur fehlt uns schon viel zu lange“, sagt Sherry Basta. Die Ägypterin ist Alumna des DAAD-Programms „Public Policy and Good Governance“ und erforscht den Zusammenhang zwischen defekten Demokratien und zunehmender Armut am Beispiel Ägyptens. Um das Land in eine echte Demokratie zu überführen, sagt sie, „muss das Umdenken in der Schule anfangen.“
Wie Gesellschaften demokratische Kultur etablieren – das ist ein klassisches Forschungsgebiet von Politik- und Sozialwissenschaft. So fühlen sich die Vertreter der Disziplin jetzt besonders aufgerufen, gezielt Antworten zu geben und ihre Arbeit voranzutreiben. „Der erste Schritt ist, die Lehrpläne in den Sozialwissenschaften nach 40 Jahren um Kurse in Demokratie zu erweitern und über alles zu diskutieren“, sagt Politologe Abdul-Monem Al-Mashat von der Cairo University.
Mut zur Demokratie
Praktische Aufklärung und Wissenstransfer sind entscheidend für Abdul-Monem Al-Mashat. Mit seinen Studierenden reist der Professor in ländliche Gebiete und gibt Schnellkurse in Demokratie. Was unterscheidet ein demokratisches System von einem autoritären? Was bedeutet Transparenz? Was sind allgemeine Menschenrechte? „Wir reden mit den Menschen über öffentliche Ordnung, Medien, Transformation, Zivilgesellschaft. Wir versuchen sie zu motivieren, Nichtregierungsorganisationen zu gründen, damit sie ihre Interessen vertreten können“, sagt Al-Mashat, der in Ägypten nach den Ereignissen im Januar 2011 das Cairo Center for the Culture of Democracy (CCCD) gründete. Es setzt sich für die Verbreitung von zivilgesellschaftlichen Werten und Menschenrechten ein. Doch wie weit ermöglicht der engagierte Wissenstransfer letztlich mehr demokratische Kultur?
Forschung für künftige Politik
Eine Verstärkung sozialwissenschaftlicher Lehre kann nicht alles sein. Soziologen wollen auch dringend überfällige empirische Daten über die Befindlichkeiten der Jugend erheben, über Zugehörigkeitsgefühle, über die Rechtmäßigkeit und das soziale Handeln politischer Institutionen oder über die Rolle von Religion in der politischen Ordnung – wissenschaftlich fundierte Informationen, die eine zukünftig demokratische Politik dringend benötigt.
Sich Gehör verschaffen
Die neue Aufgabe der sozialwissenschaftlichen Forschung am Beispiel Ägyptens besteht darin, die Gesellschaften im Wandel zu begleiten und konkret zu unterstützen. Das war Konsens auf einer Tagung zur Rolle von Wissenschaften im demokratischen Reformprozess, die der DAAD im Mai 2011 in Kairo organisierte. „Wir müssen endlich gehört werden, was wir über Gerechtigkeit, über Integrationsprobleme, Transparenz oder über Identität zu sagen haben“, sagte Ahmed Zayed, Professor für Soziologie an der Cairo University.
Doch wie weit darf sich die Freiheit der Forschung an den politisch motivierten Bedürfnissen ausrichten – egal um welche Politik es sich handelt? Auch die Wissenschaft über Gesellschaft muss sich selbst viele neue Fragen stellen.



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