DAAD-Alumniverein Tschechien: Zeichen für Toleranz

Euro oder Krone? Die Frage nach der besseren Währung für ihr Land treibt viele Menschen in der Tschechischen Republik um, wie eine Veranstaltung des DAAD-Alumnivereins Tschechische Republik kürzlich zeigte. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union hat sich das Land 2004 zur Einführung der Gemeinschaftswährung verpflichtet – allerdings ohne ein konkretes Datum. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Tschechien, Polen und Deutschland diskutierten bei dem Treffen an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag Ende September 2019 fachlich, teilweise aber auch sehr emotional und hochpolitisch über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Entscheidung.

Starke Emotionen und heftige Debatten

Bereits der Titel des Vortrags der Ökonomin Hana Lipovska von der Masaryk-Universität in Brünn, „Die Tugenden der Krone und die Laster des Euro“, provozierte starke Emotionen bei den Teilnehmern und löste dementsprechend heftige Debatten aus. Aber gerade diese Kontroverse wurde von einigen der tschechischen und polnischen Teilnehmer des Alumnitreffens begrüßt und als Zeichen für Meinungsfreiheit aufgefasst. „Im Jubiläumsjahr des Mauerfalls erinnern wir uns in der Tschechischen Republik an das Ende der kommunistischen Diktatur“, sagt Terezie Erhartová, die als DAAD-Alumna und stellvertretende Vorsitzende des Vereins das Treffen mitorganisiert hatte. „In einer demokratischen, offenen Gesellschaft sind Diskurse über kontroverse Themen unabdingbar – und das Recht auf freie Meinungsäußerung sollte für alle Europäer von großer Bedeutung sein.“

Wichtiges Thema: Euro-Einführung

Ganz bewusst waren zu dem Treffen Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Wirtschaft eingeladen. „Sie gaben den Alumni in ihren Vorträgen vielfältige Einblicke in das Thema Euro-Einführung, das hier in Tschechien von großer Wichtigkeit ist“, sagt Erhartová. „Damit haben wir die Teilnehmenden dazu angeregt, ihre Ansichten zu hinterfragen und sich anderen Aspekten des Problems bewusst zu werden.“

Die Idee zu dem Thementreffen in Prag war bei einem großen Alumnitreffen 2018 gereift. Dieses habe „wie ein Katalysator“ auf den Alumniverein gewirkt, erzählt Vereinspräsident Stanislav Fligl, und habe ihn ermutigt, nach längerer Zeit wieder eine Veranstaltung durchzuführen.

Die Frage nach mehr oder weniger Europa

In seinem Eröffnungsvortrag ordnete Dr. Michal Pullmann, Dekan der Philosophischen Fakultät, DAAD-Alumnus und großer Unterstützer des DAAD, das Thema Euro-Einführung in die großen Diskurse seit den prägenden 1970er Jahren ein. Der Kollaps des Bretton-Woods-Systems mit seinen festen Wechselkursen und die Erdölkrise führten in der Tschechischen Republik zu einer hohen Staatsverschuldung, zu einem Sinken des Wirtschaftswachstums, Inflation, wachsender sozialer Ungleichheit und Massenarbeitslosigkeit. „Fragen, die uns seitdem beschäftigen“, wie Pullmann sagte.

Professor Jürgen Jerger von der Universität Regensburg legte dar, dass letztlich eher politische als ökonomische Aspekte entscheidend für die Euro-Einführung seien: Die Tschechische Republik hat überwiegend Länder als Nachbarn, die den Euro als Währung haben. Mehr als 65 Prozent seines Außenhandels wickelt es mit Euroländern ab. Dementsprechend sei das Land schon lange wirtschaftlich für den Euro bereit und würde sich mit der Einführung des Euro stärker in die Europäische Union integrieren – das sei aber derzeit in Tschechien politisch nicht gewollt.

Vorteile für die Industrie

Ähnlich beantwortete DAAD-Alumnus Professor Roman Grill, der sich seit 2017 als Vorstandsmitglied für den DAAD-Alumni-Klub Tschechien engagiert, die Frage nach dem Zeitpunkt einer Währungsreform: „Die Einführung des Euro würde den Alltag der Menschen deutlich beeinflussen – und wäre von Vorteil“, so Grill. Dennoch hält er es für unwahrscheinlich, dass es bald soweit sein könnte: „Die Bürgerinnen und Bürger lehnen eine Euro-Einführung hauptsächlich aufgrund der wirtschaftlichen Probleme der südlichen Euro-Länder ab. Außerdem ist der Wechselkurs von Euro und tschechischer Krone sehr stabil.“

Grill sieht ein großes Problem in der Informationslage über Vor- und Nachteile einer Euro-Einführung. „Oftmals wird das Thema ohne die nötigen Hintergrundinformationen diskutiert, zudem existieren Quellen mit nur unzuverlässigen Daten.“ Für die Industrie könnte der Euro große Vorteile haben, analysierte Markus Kalepky von Skoda-Auto in einem Vortrag. Mit zwei Währungen gleichzeitig zu agieren – mit dem Euro und der Krone – steigere für den Automobilhersteller die Komplexität und die Kosten bei Risikomanagement, Einkauf, Accounting und Controlling. Während das für kleine Firmen eine ziemliche Belastung darstelle, könne die größte Firma Tschechiens aber mit der Krone leben – auch wenn der Euro vieles erleichtern würde. Durch eine Euroeinführung würde Skoda viel gewinnen, durch einen Austritt Tschechiens aus der EU hingegen viel verlieren, sagte Kalepky.

Grenzüberschreitender Dialog

Die Leiterin des DAAD-Alumnireferats Dr. Heidi Wedel, die das Programm in Prag begleitete, freute sich über das große ehrenamtliche Engagement der DAAD-Alumni, die das Diskussionsforum organisiert hatten. Die Veranstaltung zeige, wie bereichernd Alumnitreffen sein könnten, wenn Wissen und Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis zusammengebracht würden. „So kann der DAAD einen Beitrag zu einer differenzierten Diskussion wichtiger gesellschaftlicher Anliegen leisten“, sagt Wedel. Der kontroverse Austausch sei ein Zeichen von Toleranz und Offenheit und fördere im Sinne des DAAD den grenzüberschreitenden Dialog.

Dank des Erfolgs plant der DAAD-Alumniverein Tschechien im Jahr 2020 mit einer weiteren Veranstaltung den Austausch zu gesellschaftlich relevanten Fragen fortzusetzen. „Neben der fachlichen Ebene sind auch die sozialen Komponenten für uns von großer Bedeutung“, erläutert Terezie Erhartová.

Während der zweitägigen Veranstaltung hatten die DAAD-Alumni immer wieder genügend Zeit, sich untereinander auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. „Ich bin sicher, dass einige auch nach der Veranstaltung in Kontakt bleiben werden.“ In Bezug auf Austausch und Zusammenarbeit komme dem DAAD eine große Rolle zu, erklärte Roman Grill: „Der DAAD ist eine wichtige, weltweit einmalige Institution. Auslandserfahrungen helfen dabei, Vorurteile zu durchbrechen, die in Tschechien immer noch existieren.“

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Gibt es auch in Ihrem Land kontroverse Themen, die Sie beschäftigen? Wollen Sie den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis fördern? Dann könnte eine Alumniveranstaltung das Richtige für Sie sein. Posten Sie Ihre Ideen in die Kommentare und finden Sie engagierte Mitstreiter! 

Dezember 2019

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