Essay über Gleichberechtigung

In der „modernen“ Gesellschaft setzt man sich häufig mit dem Thema Gleichberechtigung auseinander. Jeder von uns hat eigene Vorstellung, was unter diesem Begriff gemeint ist und jeder weiß mindestens für sich genau was er davon hält. Aber während in den westlichen Ländern es nicht angebracht ist sich gegen Gleichberechtigung zu äußern, werden immer noch in vielen osteuropäischen Ländern oder auch im Nahen Osten die Gegner der Gleichstellungspolitik unterstützt und sogar zelebriert. Das soziale Verhalten hängt eng mit den gesellschaftlichen Normen zusammen. Die gesellschaftliche Normen werden an sich selbst von mehreren Faktoren geprägt wie beispielsweise die Religion, das politische System, die gesellschaftlichen Vorbilden (Prominenten; sozial engagierten Menschen; „Influencer“-Werbeträger), die Sitten und Bräuche, die Verfassung und noch vieles mehr. 

Ich möchte mit diesem Essay über meine eigene Erfahrung berichten, die ich in meinem Heimatland Georgien gesammelt habe. Da meine Heimat eine sehr besondere geographische Lage hat, wurde sie von diesen unterschiedlichen Kulturen beeinflusst. Ich werde das mit einem kurzen Rückblick erläutern. Mehrere Jahrhunderte lang war das Osmanische Reich ein sehr unfreundliches Nachbar, das Georgien immer wieder angegriffen hat. Teilweise wurden manche Traditionen von denen assimiliert. Als Folge ist Georgien, ein christlich geprägtes Land, noch viel konservativer geworden. Andererseits war mein Heimatland dadurch toleranter und liberaler zu den Menschen, die andere Glaubensrichtungen haben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde durch das Dekret die Annexion Georgiens von dem Russischen Reich die georgische Lebensart weiterhin verändert. Später hat die Sowjetisierung die Menschenrechte noch mehr eingeschränkt. Nach dem Fall der Sowjet Union wurde Georgien als ein Staat gebildet. 

Nachdem ich alle wesentlichen kulturellen Einflüsse in Georgien erläutert habe, möchte ich ein paar Beispiele im Bereich der Gleichberechtigung im heutigen Georgien aufzeigen. In der Schule ist die Mehrheit der Lehrer immernoch davon überzeugt, dass das Leben in Sowjetunion viel besser war als jetzt. Sie sind meistens nach den sowjetischen Lebensvorstellungen und Vorbilder erzogen worden. Selbstverständlich sind solche Lehrer sehr konservativ und sie erwünschen keine Äußerungen eigener Meinung ihrer Schüler, besonders wenn sie mit eigener nicht übereinstimmen. Gespräche über homosexuelle Menschen und allgemein zu allen Mitgliedern der LGBTQ+ (englische Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer) im Klassenraum führen sofort zu einer scharfen und sehr unangenehmen Diskussion. Die Lehrer drücken sich sehr deutlich aus, dass sie Homophoben sind. Das Positive daran ist, dass das nur für die älteren Lehrer gilt, die bald das Rentenalter erreichen und ihre Arbeitsstelle verlassen. Solche Menschen sind meistens unveränderbar, aber dieses Problem löst sich mit der Zeit.

Außerhalb der Schule ist die Situation nicht viel besser. Ältere Generation reagiert sehr angespannt, auf beliebiges Kennzeichen von den homosexuellen Menschen. Eine Freundin von mir wurde von einem Mann fast körperlich angegriffen nur weil sie sich von ihrem langhaarigen Freund mit einem Kuss verabschiedet hat. Der man hat behauptet sie wären ein lesbisches Paar, das ihre Gefühle so frei in der Öffentlichkeit äußert. Er soll homosexuelle damit „bestrafen“ wollen. Die Regierung versucht soweit es möglich ist, die Situation zu verbessern und homosexuelle Menschen zu schützen. Leider passiert trotzdem viel unangenehmes, deswegen unterdrücken sehr viele LGBTQ+ Mitglieder ihre Identität und verstellen sich als jemand anders. Solche Leute aus religiösen Familien haben es auch nicht leicht. Sie können über ihre sexuelle Orientation nicht mal mit ihren Eltern besprechen, weil es höchstwahrscheinlich sehr viel Aufregung und Stress verursachen wird.

Außerdem stößt man immer wieder auf rassistische Sprüche und chauvinistische Kommentare in der Gesellschaft. Heiratet jemand einen/e Afroamerikaner/in gibt es das Laster hinter dem Rücken. Besonders schwierig fällt es Mulatten. Sie sind in einer Minderheit und haben als ein Kind besonders schwer im Kindergarten und in der Schule. Jüngere Kinder werden oft von der Familienmeinung stark beeinflusst. Falls dort darüber gelästert wird ist es sehr wahrscheinlich, dass diese negative Betrachtungsweise zum bewussten oder unbewussten Mobbing führt.

Wenn es um die Frauenrechte geht, ist es sehr wichtig zu betonen, dass die Georgier immer sehr respektvoll zu den Frauen waren. Am Ende des 12 Jahrhunderts im goldenen Zeitalter hat eine Frau das Königreich regiert. Sie ist als „König Tamar“ in der Geschichte Georgiens bezeichnet, weil sie ein vollrechtlicher Monarch war.  

Frauenemanzipation ist ein sehr wichtiger Aspekt, wenn man sich mit den Frauenrechten auseinandersetzt. Der Gehaltsunterschied zwischen einem Mann und einer Frau auf der gleichen Arbeitsstelle gibt es immernoch. Die Situation verbessert sich aber auch in Georgien kontinuierlich. Die Frauen bekommen immer mehr die Führungspositionen. Im Dezember 2018 gewann Salome Surabischwili als erste Frau Präsidentschaftswahl in Georgien. Meiner Meinung nach, müssen die Frauen in Georgien für eine erfolgreiche Karriere sich deutlich mehr anstrengen als die Männer. Was ich ziemlich schade finde ist die Frauenrolle in der Familie. Aufgrund Sitten und Bräuchen sind viele georgische Männer daran gewöhnt, dass die Frau sich alleine um die Haushalt und Kinder kümmert. Daran wollen Männer auch nichts ändern. Deswegen ist es für Frauen in Georgien sehr anstrengend Karriere und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Trotzdem schaffen viele georgische Frauen diese Herausforderung erfolgreich.


Zusammenfassend möchte ich uns allen daran erinnern, dass wir nie vergessen sollen, dass es viel Ungerechtigkeit in der Welt gibt, dass es in manchen Ländern immernoch Todesstrafe für Homosexualität gibt und viele Frauen auch im 21. Jahrhundert gegen ihren Willen wie Sklaven gehalten werden. Ich würde mir mit dem vollen Herzen wünschen, dass Gleichberechtigung von allen Menschen überall auf der Welt zur Selbstverständlichkeit wird.

April 2020