Gleichberechtigung: „Armes afrikanisches Mädchen“

Als Mädchen in Afrika muss man viele Herausforderungen bewältigen. In der traditionellen afrikanischen Kultur und Praxis gehören Mädchen in die Küche. Generell wird von ihnen erwartet, dass sie stets die zweite Geige spielen, während Männer in allen Belangen Vorrang haben. Um zu verdeutlichen was das im Alltag heißt, möchte ich euch davon erzählen, was es bedeutet als Mädchen in Afrika aufzuwachsen.

Ich bin in einem typischen afrikanischen Dorf aufgewachsen und habe immer genau beobachtet, was bei uns zu Hause passiert. Wenn ich zu Hause bin und frei habe (also keine Gartenarbeit oder sonstige anstrengende Arbeit im Freien erledigen muss), wache ich als Mann normalerweise um 8 Uhr auf. Meine Schwester ist schon vor zwei Stunden aufgewacht, um genug Zeit für ihr straffes Programm an Aufgaben zu haben. Als Erstes macht sie unsere Küche mit den ordentlich verputzten Lehmwänden sauber. Sie kümmert sich um das am Abend zuvor benutzte Geschirr, reinigt das Haupthaus und bereitet das Frühstück vor. Vorher ist sie schon mehrere Kilometer weit zum Fluss gelaufen, um das Wasser zu holen, das sie für diese Arbeiten braucht.

Wenn ich als Mann aufwache, erwarte ich, dass man mir mein Frühstück serviert (für die Vorbereitung interessiere ich mich nicht weiter). Sollte es dabei zu Verspätungen kommen, erwarte ich eine gute Erklärung bzw. eine detaillierte und überzeugende Entschuldigung, denn sonst werde ich wütend und stelle meine Männlichkeit unter Beweis. Ich wasche mir das Gesicht und gehe zu dem winzigen Tisch in der Ecke, wo ich mich auf das sorgfältig zubereitete Frühstück stürze, das meist aus Kartoffeln und Milch besteht. Hatte ich schon erwähnt, dass meine Schwester wohl irgendwann auch noch die Kühe gemolken haben muss, damit es Milch zum Frühstück gibt?

Ausruhen ist ein Wort ohne Bedeutung

Wenn ich satt bin, gehe ich weg und sie kann den Tisch abräumen und das gerade benutzte Geschirr sauber machen. Ich gehe raus, lege mich in die Sonne und höre mir mit unserem kleinen Radio politische Debatten an. Der Radioempfang ist meistens gut genug, um die Lokalsender zu hören, aber die Batterie reicht nicht für die ganze Debatte aus.

Meine Schwester hat nun vier Stunden lang ununterbrochen geschuftet. Ihr fällt ein, dass kein Feuerholz da ist, um das Mittagessen zu kochen. Außerdem muss sie für das Mittagessen auch noch Gemüse vom Feld holen. An einem guten Tag bekommt sie etwas Geld, um auf dem örtlichen Markt „irgendwas“ zu Essen zu kaufen. Meine Aufgabe an einem Tag wie heute ist, die Tiere zum Grasen auf die Weide zu treiben und im dahinplätschernden Fluss ein Bad zu nehmen. Gegen Mittag komme ich mit der Erwartung nach Hause, ein tolles Mittagessen vorgesetzt zu bekommen. Ich schlage mir wieder den Bauch voll und gehe dann in mein kleines Haus zurück, wo ich darauf warte, dass es kühler wird. Dann treffe ich meine Freunde in dem kleinen Einkaufscenter in der Nähe und wir sprechen über Themen von „nationalem Interesse“: Politik und politische Abläufe, die Regierung, Klimawandel, Landwirtschaft, Gesundheit und so weiter.

Der Äquator verläuft quer durch mein Heimatland und pünktlich um fünf beginnt der Himmel, sich dunkel zu verfärben und das ist mein Zeichen, dass ich heim gehen und die Kühe in den Stall treiben muss. Ich eile zur Kuhweide und dann geht es schnell nach Hause. Meine Schwester war zwischenzeitlich noch mehrmals am Fluss um Wasser zu holen, das wir am Abend benutzen können. Für sie bedeutet die so früh einsetzende Dunkelheit die Erlösung von der ständigen Arbeit. Das Wort „ausruhen“ ist für sie tagsüber bedeutungslos. Ich kann mir vorstellen, wie müde sie sein muss, doch was kann ich als Mann dagegen tun?

Ein arbeitsreicher Tag

Die Gesellschaft sieht die Küche als den Platz der Frau. Mich sollte man hier niemals sehen und erst recht nicht erwischen. Ich bin ein Mann und so muss ich mich auch verhalten. Ob sie „Frau genug“ ist, wird daran gemessen, ob sie multitaskingfähig ist und ihre vielen Aufgaben unter einen Hut bringen kann. Für die Gesellschaft ist ihre Zähheit, Ausdauer und Leidensfähigkeit Ausdruck ihrer Schönheit. Diese Eigenschaften steigern ihren Wert als Ehefrau und die Zahl der Interessenten. Es sind diese Eigenschaften, derentwegen man selbst in den Hügeln rund ums Dorf und darüber hinaus über sie spricht. Die Eltern freuen sich, denn sie wissen, dass sie ein begehrtes Gut haben, von dem sie schließlich profitieren werden. Viele Männer, die sie heiraten möchten, werden bereit sein, eine hohe Mitgift zu zahlen, und dann mit ihr fortziehen.

An Schultagen ist meine Schwester gleich doppelt benachteiligt. Sie muss noch früher aufstehen, um ihre üblichen Aufgaben am Morgen zu erledigen und sich für die Schule umzuziehen. Wenn sie es dann geschafft hat und sich auf den weiten Weg in die Schule macht, ist sie schon spät dran und deshalb landet sie in der Schule auf der falschen Seite. Manchmal wird sie bestraft, weil sie zu spät kommt und manchmal verpasst sie den Unterricht am Vormittag. Wenn sie Glück hat, wird sie nur geschlagen und darf dann in den Unterricht gehen. Ihre Stimmung leidet und ihr Tag fängt schon beim Aufwachen schlecht an. Deshalb kann sie sich nicht gut konzentrieren und ihre Leistungen in der Schule sind nicht optimal. Wenn wir in die Schule müssen aber nicht genug Geld da ist, um beide (das Mädchen und den Jungen) auszubilden, dann wird sie verheiratet. Die Eltern bekommen das Brautgeld und der Junge kann weiter zur Schule gehen.

„Heirate und vergiss deine Träume“

Als afrikanisches Mädchen hat man vom Aufstehen bis zum Schlafengehen zu tun. Die Gesellschaft misst deinen Wert und deine Schönheit anhand deiner Fähigkeit, die vielen gegensätzlichen Anforderungen unter einen Hut zu bringen. Dazu gehört auch sicherzustellen, dass die Männer in deinem Umfeld zufrieden sind. Du musst dich damit abfinden, zu spät zur Schule zu kommen, deine Träume vergessen um zu heiraten, damit deine Eltern die Mitgift bekommen, und du musst deine Lebensziele aufgeben, um deine Eltern glücklich zu machen. Vielleicht musst du schmerzlich hinnehmen, dass du den Mann heiraten musst, der für dich nur deshalb ausgesucht wurde, weil er eine hohe Mitgift zahlt. Die Gesellschaft liebt gefügige, duldsame Mädchen und deshalb wird nie jemand nach deiner seelischen Gesundheit oder deinem Wohlbefinden fragen.

Für mich werden diese Probleme immer deutlicher. Meine Cousine musste einen sehr alten Mann heiraten, weil er eine hohe Mitgift zahlen konnte. Da war meine Cousine gerade erst 16. Ich war sehr traurig darüber und ihr Leben hat sich sehr verschlechtert. Heute ist sie 23 und hat schon vier Kinder. Ihre Lebensumstände sind erbärmlich und sie ist weit weg von ihren Freundinnen, die die Gelegenheit hatten, zur Schule zu gehen.

Setzt euch für die Rechte der Mädchen ein

Das ist furchtbar, inakzeptabel und ein großer Gegensatz zu dem, was Mädchen in Industrieländern wie Deutschland erleben. Ich lebe und studiere seit 2018 in Deutschland. Hier habe ich gesehen und bewundert, dass Mädchen im Teenageralter die gleichen Bildungschancen wie Jungs haben. Wie sie sich entfalten können und selbst entscheiden, was sie mit ihrem Leben machen möchten. Ich setze mich dafür ein, dass alle afrikanischen Mädchen auch diese Chancen bekommen.

Zu dieser Veränderung kann jeder etwas beitragen: durch die Beteiligung an politischen Gesprächen und Debatten, als Mentor für Mädchen, indem man positiven Einfluss auf die Eltern und diejenigen nimmt, die diese schädliche Behandlung von Mädchen propagieren, und indem man die an diesen Vergehen Beteiligten zur Rechenschaft zieht und anzeigt. Wir alle sollten uns für die Rechte der Mädchen einsetzen und für eine faire Welt für alle kämpfen.

Wer ist Erick Agure?

Erick Agure ist derzeit Carlo-Schmid-Stipendiat am UNAIDS in Johannesburg in Südafrika. In der Vergangenheit hat er am Austauschprogramm ASA zwischen der ZSL Berlin und Rieko Kenya teilgenommen. Das Programm wird durch die Engagement Global GmbH organisiert und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert. Seinen Master in International Health hat er als DAAD-Stipendiat an der Universität Heidelberg in Deutschland gemacht. Seinen Bachelor in Public Health (Health Administration) hat er an der Kenyatta University in Kenia erworben.

Wie können wir mehr Gleichberechtigung erreichen?

Was kann man gegen geschlechtsbedingte Ungleichheit tun? In der Alumniportal Community können Sie mit anderen Mitgliedern über Ihre Ideen sprechen.

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Mai 2021

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