Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Gendergap

In Krisenzeiten leiden Frauen am meisten unter den Folgen wirtschaftlicher und sozialer Beeinträchtigungen. So war es auch in der Finanzkrise, die Anfang der 1990er-Jahre Frankreich traf. Damals mussten sich viele Frauen, insbesondere solche mit niedrigem Bildungsstand, wieder auf die Hausarbeit beschränken. Ähnlich verhielt es sich während der Ebola-Epidemie in Westafrika und während der weltweiten Wirtschaftskrise 2008.

Medien in aller Welt haben über die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Gendergap berichtet. Die Einheit der Vereinten Nationen für Gleichstellung und Ermächtigung der Frauen, auch als UN Women bekannt, fasste diese Auswirkungen in unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen zusammen (1). In wirtschaftlicher Hinsicht sind der Organisation zufolge Arbeiterinnen im informellen Sektor, Migrantinnen, junge Frauen und die Ärmsten der Welt neben weiteren vulnerablen Gruppen am anfälligsten für Entlassungen und Stellenkürzungen. So zeigen etwa die Ergebnisse einer Datenerhebung von UN Women (2), dass Frauen in der Region Asien/Pazifik ihren Lebensunterhalt schneller verlieren als Männer und zudem weniger Einkommensalternativen haben. In den USA vermeldete das Bureau of Labor Statistics einen Anstieg der Arbeitslosenzahl unter Frauen – die vor der Krise niedriger war als die Erwerbslosenzahl der Männer – von 2,7 Millionen im Februar 2020 (Männer: 3,55 Millionen) auf 11,5 Millionen im April 2020 (Männer: 11 Millionen) (3). Damit erreichte die Arbeitslosenquote unter Frauen erstmals seit 1948 einen zweistelligen Wert (4). In Brasilien ermittelte die nationale Statistikbehörde in ihrer fortlaufenden Haushaltsbefragung (Pesquisa Nacional por Amostra de Domicílios Contínua, PNADC), dass allein in der zweiten Märzhälfte – zu Beginn der Quarantänephase – 7 Millionen Frauen aus dem Arbeitsmarkt ausschieden (5). Bei den Männern waren es 2 Millionen weniger.

Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zeigen für frühere Krisen, dass Frauen nach dem Verlust ihrer Arbeit häufiger unbezahlte Versorgungsarbeit leisten und dass ihnen in Zeiten des Arbeitsplatzmangels oft Stellen verwehrt werden, die Männern offenstehen (6).

Die Coronakrise hat die Arbeitslast der Frauen erhöht. War es zuvor schon schwer genug, Arbeit und Beruf miteinander zu vereinen, ist es nun noch schwieriger, denn es fehlen Möglichkeiten, Haushaltsarbeit und Kinderversorgung auszulagern (an Kindertagesstätten, Schulen, Tagesmütter oder sogar Großeltern). All jenen, die sich derartige Dienstleistungen nicht mehr leisten konnten (und dies betrifft die Mehrheit), ist diese Überlastung nicht fremd; die Schulschließungen haben die Situation aber verschärft (siehe das Projekt „Mães em Quarentena“ auf Instagram: @maes_emquarentena).Über 1,5 Milliarden Schülerinnen und Schüler mussten im März 2020 pandemiebedingt zu Hause bleiben (7).

Die zusätzliche Arbeitslast blieb angesichts bestehender Geschlechterrollen an den Frauen hängen. Dadurch haben sie weniger Kapazitäten, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, vor allem wenn Jobs nicht aus der Ferne erledigt werden können. Die unbezahlte Versorgungsarbeit der Frauen gilt seit Langem als eine Hauptursache der Geschlechterkluft und steht in direktem Zusammenhang mit Einkommensungleichheit, niedrigeren Einkommen und Belastungsfaktoren für die physische und psychische Gesundheit. UN Women zufolge leisteten Frauen vor der Pandemie im globalen Mittel 2,5-mal so viel unbezahlte Arbeit wie Männer (8).

Forscherinnen und Forscher untersuchten die Daten der laufenden Haushaltsbefragung der USA (Current Population Survey, CPS) auf Veränderungen in der vergüteten Arbeitszeit bei Müttern und Vätern zwischen Februar und April 2020. Das Resultat: Mütter mit kleinen Kindern reduzierten ihre Arbeitszeit vier- bis fünfmal stärker als Väter. Dadurch wuchs der Gendergap bei der Arbeitszeit von 20 auf 50 % (9).

Aus einer charakteristischen Studie mit 20.000 berufstätigen Müttern, die zwischen dem 16. und 18. Juli 2020 von der britischen NGO Pregnant Then Screwed durchgeführt wurde (10), geht hervor, dass die Erwerbstätigkeit bei 81 % der teilnehmenden Frauen davon abhängig ist, ob Kinderbetreuungsangebote zur Verfügung stehen. 51 % hatten jedoch keinen Zugang zu solchen Angeboten, die ihnen eine Teilnahme am Erwerbsleben ermöglichen. Die Organisation bemängelt, dass Frauen dadurch in ihrer Karriere ausgebremst werden: Das Fehlen einer Kinderbetreuung verdammt sie zur „Untätigkeit“, zwingt sie zur Reduktion ihrer Arbeitszeiten und führt zu schlechter Behandlung – alles, weil sie sich unentgeltlicher Arbeit zuwenden müssen.

Aus Deutschland wird berichtet, dass die Coronakrise alte Geschlechterrollen verstärkt, die in den Kulturen der Welt immer noch vorhanden sind (11). In den meisten Familien obliegen die Versorgung der Kinder und andere Haushaltspflichten der Frau, während Männer immer einen Weg finden, ihrer bezahlten Arbeit nachzugehen. Dieser beklagenswerte Rückstand trifft viele Frauen hart, und es steht zu erwarten, dass wir in unseren Fortschritten in der Geschlechtergerechtigkeit um drei Jahrzehnte zurückgeworfen werden (12).

Die Beschränkungen und die neue Normalität belasten auch Frauen in Spanien stark: Erschöpfung, Stress und mehr unbezahlte Versorgungsarbeit im Vergleich zu Männern sind die Folge. Einige Frauen müssen bereits bei Sonnenaufgang arbeiten, um alle Aufgaben zu schaffen. Die neue Normalität gibt den Frauen sprichwörtlich den Rest (13).

Noch extremer ist der Druck für alleinerziehende Mütter. In Brasilien gibt es davon über 11 Millionen, die meisten davon sind Schwarze (14). Sozial und ökonomisch vulnerable Mütter trifft die Krise am härtesten. In einigen Fällen ist der Stresspegel so hoch, dass Selbstmordgedanken aufkommen (15).

Trotz dieser Arbeitsbelastung spielen Frauen eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Pandemie, da viele an vorderster Front im Einsatz sind. Weltweit stellen Frauen 70 % der Beschäftigten im Gesundheitswesen, vor allem als Krankenschwestern, Hebammen und Gesundheitsarbeiterinnen. Ebenso machen sie den Löwenanteil der Servicemitarbeiter in Gesundheitseinrichtungen aus: Das Reinigungs-, Wäscherei- und Küchenpersonal ist dort überwiegend weiblich. Dennoch werden Frauen im Gesundheitssektor deutlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen und haben nur 30 % der Führungspositionen inne (16).

Allen Widrigkeiten zum Trotz hat uns die Pandemie einige Denkanstöße geliefert. Unsere Werte und Prioritäten stehen auf dem Prüfstand. Das Video von Tomos Roberts (Tomfoolery) (17), das in den sozialen Medien die Runde machte, zeigt einige Kritikpunkte auf: übersteigertes Konsumverhalten, Naturzerstörung, zerrüttete Gesellschaften und Familien sowie virtuelle Realitäten statt des echten Lebens. In Zeiten, in denen wir gezwungenermaßen im Homeoffice arbeiten müssen, wurde ein Fenster aufgestoßen, durch das wir sehen können, dass Arbeit zwar wichtig, aber nicht der einzige Lebensinhalt ist. Wir sind Väter und Mütter, wir haben Pflichten, die wir nicht mehr auf andere abwälzen können, selbst wenn wir das möchten (18).

Aus Sicht von Andrea Cruz, CEO von SERH1 Consulting, werden die Kämpfe um eine bessere Work-Life-Balance schon jetzt ausgefochten, und zwar hauptsächlich von den jüngeren Generationen. Unabhängig von Geschlecht und Branche trieben uns Wert- und Sinnfragen schon um, als wir unsere Karriereentscheidungen trafen (19).

Nun ist es an der Zeit für Veränderungen. Weitere Gedanken und Diskussionen zu Work-Life-Balance und Geschlechtergerechtigkeit, die eine fairere, gesündere Gesellschaft anregen, finden Sie in meinem Buch „30 Hours: A game-changing proposal for work-life balance and gender equity“.

Gastautorin: Dr. Nadiane Smaha Kruk

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Wer ist Nadiane Smaha Kruk?

Nadiane Smaha Kruk kommt aus Curitiba in Brasilien. Sie ist studierte Bauingenieurin und schloss ihr Masterstudium und ihre Promotion auf dem Gebiet Wasserressourcen ab. Bis 2015 hatte sie eine Professur am Instituto Tecnológico de Aeronáutica (ITA) in São José dos Campos inne. Danach verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland, wo sie die Chance erhielt, als Forscherin an der Technischen Universität Hamburg (TUHH) zu arbeiten. Mit Unterstützung durch den DAAD studierte sie ein Jahr lang an der Technischen Universität Berlin und forschte 2005 während ihrer Promotion an der Universität Leipzig. Sie ist Autorin des Buches „30 Hours: A game-changing proposal for work-life balance and gender equity“.

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März 2021

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