Eine Innovation mit Waldschutzpotenzial

DAAD-Alumna Guadalupe Pistone möchte die Produktion von Holzwerkstoffen grundlegend verändern. Die Chemietechnikerin kritisiert, dass zur Herstellung solcher Werkstoffe immer mehr Holz verbraucht wird, was zur zunehmenden Abholzung von Wäldern beiträgt. Mit einigen Kollegen hat sie neue Prototypen für Bretter entwickelt, die dieselben Eigenschaften aufweisen wie solche aus Holz, tatsächlich aber aus recycelten Materialien bestehen. Unser Gastautor Mario Cornaló hat mit ihr gesprochen. 

Guadalupe Pistone, Sie und Ihre Kollegen arbeiten an einer neuen Art Brett, das Holzwerkstoffe ersetzen könnte. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Guadalupe Pistone: Jeder kennt die herkömmlichen Arten von Holzbrettern wie zum Beispiel Sperrholz, Schichtholz, Faserplatten oder Grobspanplatten. Schließlich sind wir davon fast überall umgeben, wir finden sie in Wänden, Decken, Fußböden, Türen, Treppen und Mobiliar.

Das Problem daran: Die Herstellung trägt zur zunehmenden Abholzung von Wäldern bei. Darüber hinaus kommen im Produktionsprozess chemische Bindemittel wie Polyurethanharze zum Einsatz, die auf Formaldehyd und Melamin basieren, was Holzwerkstoffe noch umweltschädlicher macht.

Wir suchen daher nach einer nachhaltigeren Alternative: Bretter, die dieselben vorteilhaften Eigenschaften aufweisen, aber aus Recyclingmaterialien wie Aluminium, Pappe, Polyethylen, Polyester und sogar Tetrapaks bestehen.

Wer ist Guadalupe Pistone?

Guadalupe Pistone ist 29 Jahre alt und lebt im argentinischen Mendoza. Sie studierte Chemietechnik an der Universidad Tecnológica Nacional und erhielt ein DAAD-Stipendium für einen Studienaufenthalt in Dresden. Danach ging sie nach Brasilien, wo sie als Projektkoordinatorin mit internationalen Freiwilligen zusammenarbeitete und eine Bildungseinrichtung zu Umweltthemen für Kinder und Jugendliche aufbaute. Seit 2019 ist sie feste Mitarbeiterin eines argentinischen Unternehmens, das in den Bereichen Wasserrückgewinnung und Trinkwasseraufbereitung tätig ist. Für das in diesem Artikel vorgestellte Projekt arbeitet Guadalupe Pistone mit den Chemietechnikern Luis E. Elizondo, Cristian A. García Varacca und Yago M. Boullaude zusammen.

Wie stellen Sie diese neuen Bretter her?

Die Herstellung solcher Bretter aus recycelten Materialien ist im Grunde sehr einfach. Es ist ein vierstufiges Verfahren: Erst werden die Ausgangsmaterialien von anderen Stoffen getrennt, dann zerkleinert, gewaschen und schließlich gepresst und thermisch miteinander verbunden. Bindemittel sind dazu nicht erforderlich.

Das gesamte Verfahren ist also sauberer. Dies ist jedoch nicht der einzige Vorteil. Das Wichtigste ist, dass auf diese Weise Feststoffabfälle wiederverwendet werden können, die normalerweise tonnenweise auf Mülldeponien landen. Hier in meiner Heimatstadt Mendoza in Argentinien zum Beispiel sind 90 Prozent der festen Haushaltsabfälle für die Halde bestimmt – das schließt jährlich 3.500 Tonnen Tetrapaks ein!

Was könnte in puncto Nachhaltigkeit erreicht werden?

Der Nachhaltigkeitseffekt, der entsteht, wenn ein Holzbrett durch eines unserer Bretter ersetzt wird, kann sich sehen lassen: Bei jeder Tonne Tetrapaks, aus denen wir unsere Bretter herstellen, werden 100.000 Liter Wasser und eine halbe Tonne Holz eingespart. Unser Herstellungsverfahren senkt somit den Wasserbedarf, bremst die Entwaldung und verringert den Einsatz umweltschädigender Chemikalien. Summa summarum haben wir die Chance, die Industrie zu nachhaltigeren Prozessen zu bewegen, indem sie Materialien wiederverwendet und veredelt sowie die Menge an Festabfällen vermindert, die als Deponiemüll entsorgt werden.

Kunden legen beim Kauf von Holzprodukten wie Sperrholz, Faserplatten, Schichtholz oder Grobspanplatten Wert auf bestimmte Eigenschaften. Könnten Ihre Bretter diese Produkte tatsächlich ersetzen?

Ja, auf jeden Fall! Wir legen unsere selbstgefertigten Bretter auf dieselben Eigenschaften aus wie bei herkömmlichen Brettern. Zudem sind unsere Produkte gute Wärme- und Schallisolatoren. Daher können sie dünner sein und dennoch dasselbe Maß an Dämmung bieten, wenn sie als Wand- oder Deckenverkleidung eingesetzt werden. Dank der Art unserer Ausgangsstoffe und der Tatsache, dass wir ohne teure Bindemittel auskommen, können wir unsere Bretter außerdem zu einem wettbewerbsfähigen Preis anbieten: Sie sind etwa 14 Prozent günstiger als Bretter aus traditionellen Materialien wie Sperrholz, Faserplatten, Schichtholz und Grobspanplatten.

Welche zukünftigen Herausforderungen sehen Sie für Ihre Alternative?

Die größte Herausforderung ist, dass diese Art Brett völlig neu ist. Kunden und Industrie sind nicht daran gewöhnt. Unsere vornehmlichste Aufgabe ist daher, diesen neuartigen Werkstoff am Markt zu etablieren. Es wird Zeit und viel Mühe kosten, bis er am Markt eine wahrnehmbare Rolle spielt. Außerdem wissen wir noch nicht genau, welcher prozentuale Anteil des potenziellen Marktes überhaupt bereit wäre, diesem Material eine Chance zu geben. Wir nehmen die Herausforderung aber bereitwillig an!

Hinzu kommt, dass die Verfügbarkeit der Ausgangsmaterialien für eine Anwendung im industriellen Maßstab unmittelbar von den Recyclingkapazitäten unserer Gesellschaft abhängt. Da die Menschen in Lateinamerika wenig Erfahrung mit dem Recyceln haben, ist diese Herausforderung sogar noch größer. Wenn wir das Recyceln jedoch als normales Verhalten in unserem Alltag verankern können, ist der Weg frei für eine umweltfreundlichere Industrie, die nachhaltigere Lösungen für uns alle und zugunsten der Umwelt produzieren kann.

Wer ist Mario Cornaló

Mario Cornaló ist 28 Jahre alt und kommt aus Argentinien. Geboren und aufgewachsen ist er in Concordia in der Provinz Entre Ríos, wo er an der Universidad Tecnológica Nacional Bauingenieurwesen studierte. Über ein DAAD-Stipendium kam er 2015/2016 für einen sechsmonatigen Aufenthalt nach Esslingen am Neckar, um sich an der Hochschule Esslingen – University of Applied Sciences auf Gebäude-, Energie- und Umwelttechnik zu spezialisieren. Anschließend arbeitete Mario Cornaló ein Jahr lang als Bauingenieur für ein Bauunternehmen in Argentinien, bevor er sich zum Umzug nach Australien entschloss. Dort war er im Großraum Sydney für eine lokale Firma in der Abbruchbranche tätig. Als Gastautor schreibt er über kulturelle, gesellschaftliche und politische Themen mit Bezug zu Bauwesen, Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

Zum Profil von Mario Cornaló

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November 2020