EU-Ideen-Lab: Gemeinsam gegen Rechts

In mehreren Ländern der Europäischen Union sind heute rechtspopulistische Parteien an der Regierung beteiligt. Diese Entwicklung bleibe nicht ohne Folgen für die demokratische Zivilgesellschaft, sagt der Politikwissenschaftler Dr. Floris Biskamp von der Universität Tübingen: „Wenn Rechtspopulisten mächtig werden, geraten nicht nur die unmittelbaren politischen Gegner unter Druck, sondern auch Vertreter der freien Presse, der demokratische und bunte Teil der Zivilgesellschaft, Minderheiten, unabhängige Wissenschaft sowie Kunst und Kultur.“ Gemeinsam mit dem DAAD Freundeskreis e.V. und Professor Dierk Borstel von der Fachhochschule Dortmund hat Biskamp ein EU-Ideen-Lab mit dem Titel „Demokratische Zivilgesellschaft unter Druck“ konzipiert. Auf der Veranstaltung vom 17. bis 19. Juni werden DAAD-Alumni gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über die Entwicklungen in Deutschland, Österreich und Ungarn sowie über Strategien der Gegenwehr diskutieren.

Werden Sie Teil des EU-Ideen-Labs!

Haben Sie Ideen, Wünsche, Meinungen und Ziele für die demokratische Zivilgesellschaft? Machen Sie mit und teilen Sie Ihre Gedanken mit internationalen Teilnehmer*innen aus Wissenschaft und Praxis.

Zur Programmübersicht und Anmeldung

Anmeldefrist verlängert: 6. Juni 2021

DAAD-Alumni auf der Suche nach den besten Ideen

„Der Schwerpunkt liegt auf Themen, die für die Praxis relevant sind“, erklärt Biskamp. Nach dem Eröffnungsvortrag und einer Podiumsdiskussion werden vier Workshops zu verschiedenen Bereichen der Zivilgesellschaft angeboten: Schulen, Hochschulen, Kirchen und Gewerkschaften sowie Kultur und Medien. Die Teilnehmenden sollen Erfahrungen austauschen und über erfolgversprechende Handlungsmöglichkeiten diskutieren. Über die besten Ideen entscheiden alle gemeinsam bei der Abschlussdiskussion. Ausgewählte DAAD-Alumni werden sie dann bei einem EU-weiten DAAD-Alumnitreffen in Berlin vorstellen, das voraussichtlich im Frühjahr nächsten Jahres stattfindet.

2020 hatte der DAAD anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft seine Alumnivereine, Außenstellen und Informationszentren in Europa dazu aufgerufen, EU-Ideen-Labs für Alumni zu organisieren. Ziel ist, gemeinsam Ideen zu Themen zu entwickeln, die für die Zukunft der Europäischen Union von besonderer Bedeutung sind. Wegen der Corona-Pandemie konnten bislang vier Veranstaltungen stattfinden: ein EU-Ideen-Lab in Polen zu Klimaschutz, eins für Alumni aus Italien, Kroatien und Slowenien zu Migration, das EU-Lab „Aspekte der Zukunft Europas“ in Tschechien und der Slowakei sowie der Kreativwettbewerb „Europa in Bildern“ der DAAD-Außenstelle Paris.

Das Lab zum Thema Rechtspopulismus wurde pandemiebedingt mehrmals verschoben und schließlich zur komplett virtuellen Veranstaltung umgeplant. „In dieser langen Zeit konnten wir viel Erfahrung mit digitalen Veranstaltungen sammeln, was uns jetzt zugutekommt“, meint die Organisatorin Dr. Anneka Esch-van Kan, die das Lab mit der Regionalgruppe Ruhr des DAAD-Freundeskreises initiiert hat. Um thematisch einzustimmen, dreht ihr Team mehrere Filme, zum Beispiel eine Führung durch die Dortmunder Nordstadt am Eröffnungsabend – ein Ausgleich für die ausgefallene physische Erfahrung. Das Online-Whiteboard Miró und das Umfrage-Tool Mentimeter sollen lebhafte Diskussionen fördern und zum Netzwerken werden sich die Teilnehmenden in virtuelle „Coffee Corners“ zurückziehen können.

Über Rassismus sprechen, Vielfalt fördern

„Die EU-Ideen-Labs sind außerdem eine tolle Möglichkeit, Alumni und Vereine aus ganz Europa zusammenzubringen“, sagt Esch-van Kan, die auch im Vorstand des DAAD-Freundeskreises sitzt. „Leider erhalten wir von Stipendiatinnen und Stipendiaten immer wieder Rückmeldungen über schreckliche Erfahrungen mit Rassismus – deshalb hat das Thema für den Freundeskreis eine hohe Dringlichkeit“, sagt sie. Ihrer Überzeugung nach verdankt die EU ihre Stärke gerade der kulturellen Vielfalt: „Das macht es umso wichtiger, den politischen Strömungen etwas entgegenzusetzen, die diese Vielfalt zerstören wollen.“

„Rechtspopulismus an der Macht strebt danach, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern“, warnt der Politikwissenschaftler Dierk Borstel. In Ungarn, wo die Fidesz-Partei unter Ministerpräsident Orbán seit 2010 an der Macht ist, sei dieser Prozess weit fortgeschritten. Nachdem im vergangenen Jahr massive Änderungen der Schulcurricula durchgesetzt wurden, überführte die Regierung kürzlich fast alle staatlichen Hochschulen in Vermögensverwaltungsstiftungen. Darin lägen zwei große Gefahren, erläutert die ungarische Doktorandin und DAAD-Alumna Eszter Kováts, die den Workshop zum Bereich Hochschulen leiten wird: Zum einen würden laufende Prozesse beschleunigt, mit denen die Universitäten Marktinteressen untergeordnet werden sollten, zum anderen besetze die Regierung die Führungspositionen der Stiftungen mit loyalen Anhängern. „Beides droht die Autonomie der Hochschulen einzuschränken“, sagt Kováts. 

EU-Ideen-Lab will Solidarität organisieren

Die Entwicklungen in Ungarn seien mit der deutschen und europäischen Politik wie auch mit der deutschen Wirtschaft eng verwoben. „Und die rechtspopulistischen, illiberalen Kräfte in ganz Europa schauen mit Begeisterung und für Inspiration auf Orbán.“ Für Alumni aus anderen Ländern könne es daher im eigenen Interesse liegen, sich mit der Situation in Ungarn auseinanderzusetzen. 

Das EU-Ideen-Lab will auch Antworten darauf finden, wie sich angesichts der Gefahren für die Demokratie europäische Solidarität organisieren lässt. Teilnehmen können bis zu 200 Personen. Bislang haben sich rund fünfzig Alumni aus vielen verschiedenen Berufen angemeldet – Lehrer, Ärztinnen, Chemikerinnen und Theologen. Dierk Borstel hofft gerade deshalb auf interessante Ergebnisse: „Wenn Alumni aus mehreren Ländern und ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft diskutieren, können tolle neue Ideen entstehen.“ 

Autorin: Miriam Hoffmeyer

  • Anneka Esch-van Kan Anneka Esch-van Kan
  • Dierk Borstel Dierk Borstel
  • Eszter Kováts Eszter Kováts
  • Floris Biskamp Floris Biskamp

Die Theaterwissenschaftlerin Dr. Anneka Esch-van Kan koordiniert seit 2018 das Promotionskolleg der Fachhochschule Dortmund, an der sie zuvor für Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. Als DAAD-Stipendiatin erhielt sie 2006 ihren Masterabschluss an der Stony Brook University, New York. Esch-van Kan ist Vorstandsmitglied des DAAD-Freundeskreises e.V..

Bild: FH Dortmund

Prof. Dr. Dierk Borstel hat an der Fachhochschule Dortmund den Lehrstuhl für praxisorientierte Politikwissenschaften inne. Er promovierte mit einer Feldforschung zum Rechtsextremismus im ländlichen Raum an der Universität Greifswald und war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld. Seit 1997 berät Borstel Kommunen und zivilgesellschaftliche Akteure zum Thema Rechtsextremismus.

Bild: FH Dortmund

Eszter Kováts ist Doktorandin der Politikwissenschaft an der Universität ELTE, Budapest. Von 2012 bis 2019 war sie zuständig für das ostmitteleuropäische Genderprogramm der Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest. 2020 erhielt die Nachwuchswissenschaftlerin ein DAAD-Stipendium für einen Forschungsaufenthalt an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Bild: privat

Dr. Floris Biskamp ist seit 2018 Koordinator des Promotionskollegs „Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität“ an der Universität Tübingen. Der Politikwissenschaftler und Soziologe promovierte an der Universität Gießen, verbrachte ein Forschungssemester an der Yale University und lehrte vier Jahre an der Universität Kassel.

Bild: Uni Kassel

Ihre Idee für ein buntes Europa

Welche Idee haben Sie, um kulturelle Vielfalt in der EU zu fördern und sich gegen Rechtspopulismus zu wehren? Wir freuen uns darauf, Ihre Gedanken zum Thema zu hören.

Zur Community

Mai 2021