Mein Stück Deutschland, bevor ich dort ankam

Meine erste Begegnung mit Deutschland hatte ich mit etwa neun Jahren in Jessore, einer verschlafenen Stadt im Südwesten von Bangladesch, nahe der indischen Grenze, wo ich aufgewachsen bin. Als ich einmal mehrere Tage nicht in der Schule gewesen war, weil ich verschlafen hatte, erzählte mir mein Vater die Geschichte eines Mannes namens Immanuel Kant.

Es ging nicht um seine Philosophie, sondern um seine legendäre Pünktlichkeit – die Leute stellten damals ihre Uhren nach ihm, wenn sie ihn bei seinem Nachmittagsspaziergang sahen.  Trotz des klugen Schachzugs meines Vaters konnte ich an Pünktlichkeit damals keinen besonderen Gefallen finden, aber diesen Mann vergaß ich nicht, und dieser Ort namens Deutschland machte mich neugierig.

Einige Zeit später, gegen Ende der 80er-Jahre, erfuhr ich von der Deutschen Welle und ihrem Programm in Bengali. Ich hörte mir die Sendungen an und kommunizierte mit dem Team in Köln. Als mein Interesse an der deutschen Sprache wuchs, schrieb ich nach Köln und bat um einige Ausgaben des Sprachlehrbuchs, das zum Programm gehörte. Eines Morgens wurde ich zur Post gerufen, um eine fast 20 Kilo schwere Sendung abzuholen. Da ich sie nicht auf meinem klapprigen Raleigh Fahrrad transportieren konnte, mietete ich eine Rikscha. Es waren mehrere 4er-Sets einer auf dickem Hochglanzpapier gedruckten Reihe, die „Auf Deutsch gesagt“ hieß. Ich behielt zwei Sets für mich und verteilte den Rest an Freunde, Familienmitglieder und die örtliche Bibliothek. Meine Quelle für Wissen über Deutschland im Allgemeinen war jedoch eine hübsch bebilderte Zeitschrift namens „Scala“. Dieser Zeitschrift aus der Prä-Internet-Ära verdanke ich, dass ich einer der wenigen Menschen in Jessore war, der die lebhaft-bunten Bilder der zerstörten Berliner Mauer und der feiernden Berliner sehen konnte – Bilder, an die ich mich bis heute erinnere.

Als ich zum Studium an die University of Dhaka ging, hinterließ ich zahlreiche deutsche Erinnerungsstücke bei meinen Eltern, doch in Dhaka traf ich auf ein anderes Deutschland. Kant war zurück, nicht um Pünktlichkeit zu lehren, sondern um mir die universelle Macht der Vernunft und ihre Grenzen näherzubringen, als ich vorübergehend Philosophie belegte. Obwohl mein Hauptfach Geschichte mich eher zu Karl Marx hinzog, wurde mir eine stärker soziologische Perspektive von ihm und Weber durch die Lehrenden meines Nebenfachs Soziologie vermittelt. Mein grundständiges Studium und mein Masterstudium in Dhaka brachten mich zu der Annahme, dass sich der Geist jedes Intellektuellen aus etwas Marx, etwas Weber und etwas Kant zusammensetzt. Doch dann gab es so viele andere deutsche Namen, die zur Liste hinzukamen. Zum Beispiel lasen wir die bengalische Übersetzung von Goethes Faust von Ahmed Sofa, Romane von Günter Grass und so weiter.

Erst in Cambridge, wo ich promovierte, wurde mir bewusst, dass die deutsche Wissenschaftstradition nicht nur in den Bereichen Politik, Kultur und Philosophie viel zu bieten hatte. Wichtig fand ich vor allem auch den deutschen Beitrag zu den Natur- und Umweltwissenschaften. Schon während meiner Forschung zur Umweltgeschichte des Gangesdelta wusste ich, dass es ein deutscher Förster war, Dietrich Brandis, der eine zentrale Rolle für den Forstschutz in Britisch-Indien und Burma gespielt hatte. Als ich nach meinem Promotionsstudium auf etwas umweltgeschichtlich Größeres als das Gangesdelta aus war, kam mir natürlich Alexander von Humboldt in den Sinn.

Kein Wunder also, dass sich die Idee eines Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung anbot. Es war weniger ein glücklicher Zufall als ein kontinuierlicher Austausch, der mich mit meinem Betreuer, Professor Michael Mann, zusammenbrachte – mein Doktorvater Professor Christopher Bayly hatte mir bereits von ihm erzählt. Gemäß der deutschen Tradition, sich für die Natur in ihrer ganzen Vielfalt zu interessieren, ist Professor Mann mit seinen Forschungsarbeiten aus den späten 80ern einer der Pioniere, die das Feld der Umweltgeschichte Südasiens geprägt haben.

Als ich dann an einem Sommertag im Juli 2012 zum ersten Mal nach Berlin kam, war ich über alle Maßen begeistert. Nicht nur, weil ich an die Erfahrungen mit Deutschland in meiner Kindheit und Jugend zurückdachte, sondern auch, weil ich mich in dem Glanz sonnen durfte, gleich mit zwei Institutionen verflochten zu sein, die den respekteinflößenden Namen Alexander von Humboldts tragen: der Alexander von Humboldt-Stiftung und der Humboldt-Universität. Was mir in diesem Jahr und später noch passierte, ist Stoff für einen weiteren Beitrag!

Gastautor: Iftekhar Iqbal

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Über den Gastautor

Iftekhar Iqbal ist Associate Professor für Geschichte an der Universität Brunei Darussalam und arbeitet im Bereich Umwelt- und Geistesgeschichte. Iqbal wurde an den Universitäten Dhaka und Cambridge in historischen Studien ausgebildet und verbrachte Lehr- und Forschungsaufenthalte an der Universität Dhaka, dem King's College London, der Aga Khan Universittät London und der Humboldt Universität Berlin. Er hat ein British Academy Visiting Fellowship, 2008; und ein Georg Forster Forschungsstipendium erhalten, 2012-13, unmittelbar gefolgt von einem einjährigen Rückkehrstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. Im Sommer 2019 besuchte er Deutschland erneut mit einer Alumni-Förderung der Alexander von Humboldt-Stiftung im Zusammenhang mit dem 250-jährigen Jubiläum Alexander von Humboldts. Zu seinen Veröffentlichungen gehören The Bengal Delta. Ecology, State and Social Change 1840-1945 (Palgrave 2010) and der gemeinsam herausgegebene Titel University of Dhaka: Making Unmaking Remaking (Prothoma, 2016). Seine Forschungsartikel wurden in Zeitschriften von Routledge, Sage und Oxford, Cambridge und Stanford University Presses veröffentlicht. Iqbal arbeitet derzeit an einem Buchprojekt, "The Range of the River", das die überregionalen Dimensionen der tibetanischen Himalaya-Flüsse in China, Südostasien und Südasien untersucht.

Juli 2020