„Ich sprechen kein Deutschland“ – die Kunst des Überlebens in einem fremden Land

Im Jahr 2019 hatten 21,2 Millionen Menschen und somit 26 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen kamen ohne Deutschkenntnisse. Das ist aber nicht die einzige Schwierigkeit, die man bewältigen muss. Auch deutsche Sitten und Mentalität können Ausländer in ihrer neuen Wahlheimat fordern. Obwohl ich aus dem benachbarten Polen nach Deutschland gekommen und das Land zuvor öfter besucht hatte, war mein Anfang hier nicht einfach.

Wenn das Leben in einem fremden Land beginnt, sind einige Besuche bei Behörden und Institutionen nötig. Einwohnermeldeamt, Ausländerbehörde etc. sind Orte, an denen die Deutschkenntnisse auf die Probe gestellt werden. Eins muss man wissen: Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Alltagssprache unterscheiden sich völlig. Und dann noch die Verwaltungssprache… Statt beispielsweise zu fragen, wo und wann ich „Abitur gemacht habe“, wird dann nach der „Erreichung der Hochschulreife“ gefragt. Und das war nur die Spitze des Eisbergs.

Bürokratie-Weltmeister Deutschland

Deutschland ist ein Land, in dem man für alles ein Formular benötigt, und sogar ein Lagerfeuer auf dem eigenen Grundstück erlaubt werden muss. Ignoriert man die Genehmigungspflicht, muss man mit einer hohen Geldstrafe rechnen. Abhängig vom Bundesland kann ein schöner Abend mit Bratwürsten über offenem Feuer sonst bis zu 5.000 Euro kosten.

Über die Gastautorin

Justyna Michniuk hat Internationale Beziehungen (Master) mit Schwerpunkt Deutschland und Balkanische Philologie (Bachelor; Serbisch und Bulgarisch) in Polen und Außenhandel in Deutschland studiert (Hamburg). Seit mehr als elf Jahren arbeitet sie als freie Autorin für polnische, sorbische (in der Niederlausitz/Brandenburg) und serbische Zeitungen und Zeitschriften. Neben ihrer journalistischen Arbeit, ist sie in einer Institution tätig, die Deutsche und Polen zusammenbringt. Zusätzlich engagiert sie sich für ein friedliches und tolerantes Miteinander durch Vorträge über jüdische Themen bei „Meet a Jew“, einem Begegnungsprojekt des Zentralrats der Juden in Deutschland. Deutschland ist vor achteinhalb Jahren ihr Zuhause geworden. 

„Nichts in dieser Welt ist sicher, außer dem Tod und den Steuern.“ (Benjamin Franklin)

Auch die Welt der Steuern birgt zahlreiche Geheimnisse. Wer hätte gedacht, dass es in Deutschland bis heute die Sektsteuer gibt? Sie wurde 1902 von Wilhelm II. zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsmarine eingeführt. Diese gibt es natürlich nicht mehr, die Steuer ist allerdings in Deutschland bis heute erhalten geblieben – wenn auch von den meisten Menschen unbemerkt. Glück haben Katzenliebhaber: Katzensteuer gibt es in Deutschland nicht, während Hundebesitzer oft mehr als 100 Euro jährlich für die Hundesteuer zahlen müssen.

Rätselhafte Jobsuche

Was mich in Deutschland ebenfalls sehr überrascht hat, sind die Angebote, die man von der Agentur für Arbeit oft bekommt. Als ich arbeitsuchend war, bekam ich den seltsamen Vorschlag, bei einer Firma zu arbeiten, die Türkisch Kenntnisse forderte. Ich konnte nach einem Urlaub in der Türkei gerade Hallo und Danke sagen. Beworben habe ich mich trotzdem. Man muss doch beweisen, dass man alles tut, um nicht mehr arbeitslos zu sein. Natürlich habe ich ihn nicht bekommen – und bis heute spreche ich kein Türkisch. 

Flip-Flops im Büro?

Die manchmal lässige Kleidung bei der Arbeit und beim Ausgehen wundert mich in Deutschland eigentlich bis heute. In meiner Heimat darf man keine Flip-Flops im Büro tragen und wenn man sich abends in der Kneipe trifft, sind Frauen immer wie für eine Hochzeit angezogen, und die meisten Männer tragen ein elegantes Hemd und unbedingt lange Hosen. Hier habe ich schon Männer mit lustigen T-Shirts und Bermuda Shorts in den Bars sitzen gesehen. In Polen würden sie wahrscheinlich in manche Clubs nicht reingelassen.

Ein bisschen Spaß muss sein

Deutsche sind von der eher zurückhaltenden Art, im Gegensatz zu Osteuropäern. Wir haben uns einmal mit einigen polnischen Freunden in unserer Lieblingskneipe getroffen, trugen komische Hüte und haben laut, wie gewöhnlich, gesprochen. Die Kellnerin hat uns sofort gefragt, ob wir Junggesellenabschied feiern. Als wir verneinten, war sie genauso überrascht wie ein paar Gäste, die mitgehört hatten.

Gastautorin: Justyna Michniuk

Beiträge externer Autoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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September 2020