Mit Technik Tabus überwinden

Feminismus und Genderfragen CrossCulture Programm

Der Tod einer pakistanischen Social-Media-Aktivistin veranlasste die Journalistin Saba Khalid, ihre Mission zur Stärkung von Mädchen und jungen Frauen in Pakistan zu beginnen. 2017 gründete sie ihr Start-up Aurat Raaj, eine digitale Plattform, die über reproduktive Gesundheit und Hygiene informiert. Im Interview spricht Saba Khalid mit Juliane Pfordte für das ifa über die App Raaji und die Schwierigkeit, ihre Zielgruppe in ländlichen Gebieten zu erreichen.

ifa: Saba, 2017 hast du Aurat Raaj gegründet, ein Startup mit digitaler Plattform, das sich für die Stärkung von Frauen in Pakistan einsetzt. Gab es ein bestimmtes Erlebnis, das dich hierzu bewegt hat?

Saba Khalid: Es war ein persönliches und auch gesellschaftliches Anliegen. Damals machte ich eine Bestandsaufnahme meines Lebens: Machte ich wirklich das, was ich wollte? Änderte ich wirklich etwas in meinem Land? Ich war Journalistin und arbeitete zudem für Werbeagenturen. Aber das fühlte sich irgendwie nicht mehr richtig an. Außerdem recherchierte ich für eine Geschichte über Qandeel Baloch, eine Social-Media-Aktivistin, die einem Ehrenmord durch ihren Bruder zum Opfer gefallen war. Ich bin selbst äußerst aktiv auf Facebook und war schockiert, dass so viele Frauen der Meinung waren, dass sie das für die Darstellung ihres Körpers im Internet verdient hatte. Also fing ich an, über selbstbestimmte pakistanische Frauen und Unternehmerinnen zu schreiben, um so jungen Mädchen zu zeigen, dass neben einer frühen Heirat und Kindern auch ein anderes Leben möglich ist.

ifa: Auf der Plattform wurde auch eine Animationsserie über Raaji gezeigt, eine Frau, die einen sogenannten „Ehrenmord“ überlebt hat. Warum hast du dich für Animationsvideos entschieden?

Khalid: Mir war klar, dass die Themen, die ich ansprechen wollte – wie zum Beispiel Belästigung, Kinderheirat und reproduktive Gesundheit – bei einer großen Mehrheit in Pakistan nicht gut ankommen würden. Mit der Animation konnte ich tabuisierte Themen angehen, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen. Schließlich waren viele Aktivistinnen und Aktivisten gestorben und meine Eltern hatten Angst um meine Sicherheit. Zudem konnte ich mit der Kombination von Bildung und Unterhaltung auch jüngere Mädchen erreichen, die in der Regel Animationsvideos mögen.

ifa: Raaji war auch die Grundlage für die gleichnamige Chatbot-App, die du entwickelt hast. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Khalid: Als wir die Serie in Schulen und Gemeindezentren zeigten, wurde mir bewusst, wie viel die Mädchen über Gesundheitsthemen sprechen und mehr darüber erfahren wollten. Kulturell bedingt sollen Frauen und Mädchen sich für die natürliche Entwicklung des Körpers schämen; so wissen viele Mädchen nur wenig über die Themen Menstruation und Verhütung. Viele Mädchen fragten nach Beratung und Unterstützung. Und eines Tages dachte ich, warum erschaffe ich nicht einfach eine Version von mir, die ihnen allen rund um die Uhr und an jedem Ort helfen kann? Ich besprach diese Idee mit meinem Mitgründer, der dann den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) vorschlug.

Über Saba Khalid

Saba Khalid, ehemalige Journalistin, gründete 2017 ihr Start-up Aurat Raaj, das sich für die Stärkung von Mädchen und jungen Frauen in Pakistan einsetzt. 2012 war sie Stipendiatin des CrossCulture Programms, 2019 nahm sie als erfahrene Alumna an dem CCP Workshop „Digitale Zivilgesellschaften“ in Berlin teil.

KI unterstützt durch menschliche Experten

ifa: Die App wurde Anfang 2019 im Google Play Store veröffentlicht. Könntest du Raaji kurz vorstellen? Wie funktioniert es?

Khalid: Bei Raaji handelt es sich um einen KI-gestützten Chatbot mit Sprach- und Stimmerkennung. Er beantwortet vor allem Fragen zu den Themen Belästigung und Menstruation und wird von menschlichen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Gynäkologie, Psychologie und Recht unterstützt. Bei dringenden Angelegenheiten leitet der Chatbot die Frage an die richtige Fachkraft weiter, die dann das Gespräch übernimmt.

ifa: Du hast erwähnt, dass bei Raaji hauptsächlich Tabuthemen angesprochen werden. Wie ermutigst du Mädchen zur Nutzung der App?

Khalid: Hier musste ich meine Herangehensweise mehrfach ändern. Nachdem ich die App erstellt hatte, bemerkte ich, dass jüngere Mädchen ihre Mobiltelefone häufig mit ihrer Schwester oder Mutter teilen. Wir sahen, dass jemand die App herunterlud und sie dann sofort wieder löschte, da die betreffende Person nicht wollte, dass jemand ihre Fragen sah. Wir sind dann durch Pakistan gereist und haben dabei Raaji in den Klassenzimmern vorgestellt und die App erklärt. Den Mädchen gefiel es sehr, denn Raaji ist ein spielerisches Lerntool, das sich deutlich von den traditionellen Lehrmethoden unterscheidet. Indem wir also die Informations- und Kommunikationstechnologie in die Schulen gebracht haben, haben wir auch etwas für die digitale Integration getan.

ifa: Thema Integration: Wenn man sich die Internetverbreitung in Pakistan anschaut, so besteht die Kluft zwischen Stadt und Land weiter fort, auch wenn Initiativen der Regierung zur Bereitstellung eines Internetanschlusses in entlegenen Gebieten in den letzten Jahren durchaus Erfolge verzeichnen konnten. Wie erreichst du Mädchen in ländlichen Regionen?

Khalid: Wir haben für Mädchen in entlegenen Gemeinden in ganz Pakistan eine spezielle Kampagne gestartet. Wir sind mit unseren Laptops dorthin gefahren und haben unser „eigenes Internet“ mitgebracht, damit die Mädchen sich mit Raaji unterhalten konnten. Glücklicherweise konnten wir hier auf die Unterstützung der UNESCO und von UNICEF zählen. Sie waren unsere Türöffner, denn man kann nicht einfach dorthin gehen und sagen „Hallo, ich werde in Ihrer Schule jetzt über das Thema Menstruation sprechen“. In diesen ländlichen Regionen wird sehr traditionell gedacht. Leider gab es noch weitere Herausforderungen, die es uns letztlich unmöglich gemacht haben, uns auf den ländlichen Raum zu konzentrieren.

ifa: Zum Beispiel?

Khalid: Da war nicht nur die Sprachbarriere – wir mussten die App ins Sindhi und in andere lokale Sprachen übersetzen –, sondern auch der logistische Teil. So waren wir etwa sieben oder acht Stunden unterwegs, was unsicher und anstrengend ist. Aber ich hoffe, dass wir in fünf Jahren auch die Mädchen in den ländlichen Regionen erreichen können. Im Moment konzentrieren wir uns auf Schulen in städtischen Gebieten, die bereit sind, für die App zu zahlen. Wir haben die App auch wieder aus dem Google Play Store genommen, da wir ein Geschäftsmodell für sie erarbeiten mussten. Wir wollten keine gemeinnützige Organisation werden, da diese in Pakistan einen sehr schlechten Ruf haben. Viele Spenden werden nämlich wirkungslos eingesetzt.

Die Leute fangen an, uns ernst zu nehmen

ifa: Aurat Raaj wurde mehrfach international ausgezeichnet. Wie wurde dein Start-up in Pakistan wahrgenommen und unterstützt?

Khalid: In Pakistan erhalten wir keine echte Unterstützung. Aurat Raaj ist ein frauengeführtes Start-up inmitten einer patriarchalischen Gesellschaft. Firmen haben für gewöhnlich Probleme mit unserem Namen und wollen, dass wir ihn ändern. Aurat Raaj bedeutet „Herrscherinnen“ und ist von einem feministischen satirischen Film aus den 1970ern abgeleitet, der von einer Welt handelt, in der Frauen und Männer die Rollen tauschen. Ich verzichte häufig auf gute Sponsoring-Verträge von Unternehmen, weil ich meine unternehmerische Unabhängigkeit nicht aufgeben will. Aber dank der internationalen Anerkennung nehmen die Leute uns allmählich ernst.

ifa: Wie sieht es mit Unterstützung durch die Regierung aus?

Khalid: Die Regierung hat kein Interesse daran, uns zu unterstützen. Zudem widerstrebt es mir selbst häufig, mit ihr zusammenzuarbeiten. In einem aktuellen Fall von Belästigung zum Beispiel, hat die lokale Regierung von Khyber Pakhtunkhwa Burkas verteilt, um Frauen und Mädchen zu „schützen“. Der Grund für die Belästigung wird also weiterhin bei den Frauen gesehen. Solche Rückschläge bringen mich aus der Fassung, aber wahrscheinlich wird eine Zusammenarbeit mit der Regierung irgendwann unumgänglich sein, um zu erreichen, dass sie die App in den Schulen und Gemeindezentren unterstützt.

ifa: Der digitale Wandel stellt nach der industriellen Revolution wahrscheinlich eine der größten Änderungen in unserem Leben dar. Würdest du generell sagen, dass der zunehmende Einsatz digitaler Technik für die gesellschaftliche Integration förderlich oder hinderlich ist?

Khalid: Ich als Optimistin würde sagen, dass die digitale Technik eine Chance ist, insbesondere für die Stärkung von Frauen. So wurde zum Beispiel mit der Mitfahrgelegenheits-App „Careem“ für viele pakistanische Frauen die Fortbewegung im urbanen Raum praktischer. Sie können sich jetzt in der Stadt bewegen, ohne auf Verwandte angewiesen zu sein, die sie abholen. Dennoch hat der digitale Wandel noch nicht alle erreicht. Auch Aurat Raaj ist noch weit davon entfernt, alle einzubinden, zum Beispiel Menschen mit Behinderungen.

Über das CrossCulture Programm

Mit den den CCP Fellowships gibt das CrossCulture Programm (CCP) jährlich rund 80 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus über 35 Ländern die Möglichkeit, Erfahrungen in interkulturellen Netzwerken zu sammeln. Das Ziel des Programms ist die globale Stärkung zivilgesellschaftlicher Netzwerke. CCP wurde 2005 gegründet und zählt über 750 Alumni.

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Andere Frauen zur Gründung eigener Unternehmen inspirieren

ifa: Wie sieht deine persönliche Zukunftsvision aus?

Khalid: Ich denke, Erweiterung ist hier das richtige Wort – Erweiterung des Denkens und Erweiterung meiner Arbeit. Ich möchte mich wirklich auf die Einbindung von Frauen in ländlichen Regionen und Slums konzentrieren und langfristig vielleicht auch von Menschen mit Behinderung. Und ich muss nicht alles selbst machen. Ich kann andere Frauen dazu inspirieren, ihre eigenen Unternehmen zu gründen und an diesen wichtigen Problemen zu arbeiten.

ifa: Willst du auch in anderen Ländern aktiv werden?

Khalid: Im Moment lote ich aus, inwieweit Raaji auf andere Länder und Kulturen übertragbar ist. Als ich in Nairobi an der Internationalen Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung teilnahm, hörte ich von einem Mädchen, das aus Menstruationsscham Selbstmord begangen hatte. Das erinnerte mich so an die Situation in Pakistan, dass ich über eine Erweiterung in die afrikanischen Länder nachdachte. Auch beim ifa-Workshop über die digitale Zivilgesellschaft kamen mir neue Ideen. So erzählte mir ein Teilnehmer aus Ägypten, dass es in seinem Land keine Gesundheitsinnovationen für Frauen gibt. Da er mit Start-ups arbeitet, werde ich wahrscheinlich auch mit ihm zusammenarbeiten.

ifa: Welche weiteren Ideen und Kontakte nimmst du aus dem ifa-Workshop mit, die für deine Arbeit hilfreich sein könnten

Khalid: Es wäre toll, mit einigen der Datenanalystinnen und Datenanalysten von CorrelAid arbeiten zu können. Ich denke da an eine interaktive Karte, auf der die Gesundheits- und Sanitäreinrichtungen für Frauen in den Gemeinden und Slums von Pakistan eingetragen sind. Ich möchte erfahren, wie sich Innovationen an anderen Orten vollziehen und wie wir diesen Innovationsgeist verbreiten können. Wenn es eine Sache gibt, die ich in den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es die, dass es auf die Einstellung ankommt und Scheitern bei der Umsetzung innovativer Sachen dazugehört.

Interview von Juliane Pfordte

Dieses Interview wurde ursprünglichauf der Internetseite des ifa Institut für Auslandsbeziehungen veröffentlicht (21.03.2020).

 

Mai 2020

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