Ein RISE Weltweit Stipendium – auch für die Liebe

Am 24. Oktober 2020 präsentierte sich der Herbst in Leipzig von seiner besten Seite. Die Blätter an den Bäumen waren golden gefärbt und die Sonne tauchte die Stadt in stimmungsvolles weiches Licht, als Maria Blöchl und Yunus Sevinchan nachmittags zu ihrem ersten gemeinsamen Spaziergang als frischgebackenes Ehepaar aufbrachen. „Unsere kleine Hochzeitsfeier mit sieben Gästen war sehr relaxt. Wir wollten von vornherein nichts Großes“, erzählt Yunus. „Nur die Freunde, die hätten wir natürlich gerne dabeigehabt, aber das ging durch die aktuelle Situation mit Covid-19 ja leider nicht.“

Die beiden hatten die gemeinsame Wohnung hübsch dekoriert, die Tische zusammengerückt und ein türkisches Frühstück bestellt – Yunus hat türkische Wurzeln. „Und es gab unseren Lieblingskuchen aus unserem Lieblingscafé, Carrot Cake, mit ganz viel Sahne.“ Yunus lacht und Maria bekräftigt: „Genauso hatten wir uns diesen Tag gewünscht.“

Kennengelernt haben sich die beiden Stipendiaten des RISE Weltweit Programms 2013, also vor sieben Jahren. Das Förderprogramm des DAAD vermittelt weltweite Forschungspraktika an deutsche Studierende der Natur-, Lebens- und Ingenieurswissenschaften.

Maria Blöchl studierte zu dieser Zeit in Jena Psychologie und war während ihres letzten Bachelorjahres auf der Suche nach einem Forschungspraktikum in Richtung Neurowissenschaften. Sie bewarb sich auf ein Stipendium des RISE Weltweit Programms und war glücklich, als es tatsächlich klappte und sie ein Praktikum am Monell Chemical Senses Center in Philadelphia, Pennsylvania, absolvieren durfte. „Meine Forschungsgruppe hat sich mit Wahrnehmung beschäftigt. Das Geruchs- und Geschmacksystem ist ein rudimentärer Sinn, der noch wenig erforscht ist. Das war total interessant und spannend“, erzählt sie und betont: „Das RISE Weltweit Programm bedeutete für mich eine einzigartige Gelegenheit im Ausland Forschungserfahrung zu sammeln. Das ist sonst gar nicht so einfach möglich. Und bei späteren Bewerbungen brachten mir meine Forschungserfahrung und die Empfehlungsschreiben Pluspunkte.“

„Davon konnte ich in meiner Bachelorarbeit profitieren“

Yunus Sevinchan studierte zeitgleich in Heidelberg Physik, als er auf das Programm aufmerksam wurde und sich für ein Praktikum in Kanada bewarb. „Ich hatte gerade das 4. Semester abgeschlossen. An der University of Toronto, Department of Physics, habe ich viele wertvolle Erkenntnisse gesammelt und erlebt, was es heißt, in der Wissenschaft und in einem Labor zu arbeiten. Davon konnte ich in meiner Bachelorarbeit sehr profitieren.“

Nach den Praktika fand im November 2013 die Abschlussveranstaltung für die Stipendiaten in Karlsruhe statt. An diesem verlängerten Wochenende standen viele Vorträge auf dem Programm: Vorträge der Stipendiaten, Vorträge über Förderprogramme und wissenschaftliche Karrierelaufbahnen. „Aber es wurden auch einige soziale Programmpunkte angeboten“, erinnert sich Maria. „Mich interessierte der Ausflug in das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM Karlsruhe), Yunus ebenfalls. Wir waren eine kleinere Gruppe und Yunus und ich sind uns gegenseitig sofort aufgefallen.“ Yunus ergänzt: „Wir haben ununterbrochen miteinander geredet, auch abends, als wir noch alle zusammen durch die Stadt gezogen sind.“

Startschuss für die Beziehung

Sie tauschten ihre Handynummer aus und blieben in Kontakt. „An diesem Abend in Karlsruhe sind wir irgendwie darauf gekommen, dass wir beide bis dahin noch nie in Prag waren“, verrät Yunus. „Und so buchten wir im Januar 2014 ganz spontan einen gemeinsamen Trip dorthin.“ Der Startschuss für ihre Beziehung – auch wenn der Zeitpunkt für Maria eigentlich gar nicht so gut passte: „Nachdem wir aus Prag zurückkamen, ging ich tags darauf für eineinhalb Jahre nach England. Ich hatte erst ein Leonardo da Vinci-Stipendium (heute: Erasmus+ Berufsbildung) der EU für ein sechsmonatiges Forschungspraktikum und habe anschließend mit einem DAAD-Stipendium den Master in Neurowissenschaften in Oxford gemacht.“

Während dieser Zeit besuchten sie sich regelmäßig. Yunus erinnert sich noch gut an die vielen Busreisen. „Achtzehn Stunden mit dem Fernbus bis London. Aber das haben wir gerne auf uns genommen.“ Zurück in Deutschland schloss Maria den zweijährigen Psychologie-Master in Leipzig an. Yunus machte seinen Bachelor und seinen Master in Physik in Heidelberg. „2017 bin ich dann endlich zu Maria nach Leipzig gezogen. Glücklicherweise hat mein Doktorvater das unterstützt und so kann ich seit Beginn der Promotion einen großen Teil aus dem Homeoffice für die Uni Heidelberg arbeiten. Ich bin inzwischen lieber theoretischer und konzeptioneller tätig“, erzählt er.

RISE Weltweit

Arbeitserfahrung sammeln und in ein Forschungsthema hineinschnuppern: Immer mehr Studierende möchten diese Chance nutzen. Das RISE Weltweit Programm des DAAD (Research Internships in Science and Engineering) vermittelt daher seit 2009 Bachelorstudierende deutscher Hochschulen für ein Forschungspraktikum an akkreditierte Hochschulinstitute und Forschungseinrichtungen weltweit und unterstützt das Vorhaben mit einem Stipendium. Die Praktika dauern sechs bis zwölf Wochen und finden meist im Sommer in der vorlesungsfreien Zeit statt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt das Programm mit etwa einer Million Euro im Jahr. Alumni schätzen an RISE Weltweit vor allem die Digitalität und das einfache Verfahren – das gesamte Bewerbungsverfahren und die Verknüpfung von Studierenden und Praktikumsanbietern finden auf einer Online-Plattform statt.

Das Schwesterprogramm RISE Germany vermittelt Forschungspraktika für Bachelor-Studierenden US-amerikanischer, kanadischer britischer und irischer Hochschulen an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland. Das RISE Professional Programm führt dieses Programm weiter und ermöglicht Masterstudierenden und Doktoranden aus diesen Ländern ein Praktikum in deutschen Unternehmen oder in außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit starkem Industriebezug.

Aktueller Hinweis: Vom 1. November bis einschließlich 15. Dezember 2020 könen sich interessierte Bachelorstudierende deutscher Hochschulen für ein Praktikum im Sommer 2021 bewerben.

Promotion und gemeinsames Kochen

Nun leben sie als offizielles Ehepaar mit ihren Katzen Monti und Rosi in einer Altbauwohnung im Leipziger Osten und arbeiten beide an ihren Promotionen. „Ich habe gerade wieder angefangen in der Entwicklungspsychologie in Leipzig zu arbeiten. Yunus und ich machen natürlich beide zusätzlich noch ein bisschen Lehre, was uns großen Spaß macht“, berichtet Maria. Ein Gegengewicht zum Stress finden sie, indem sie kleinere Ausflüge unternehmen, Freunde treffen oder zusammen kochen. „Mercimek Köftesi, zum Beispiel, das ist ein türkisches Gericht mit roten Linsenbällchen und Bulgur“, erklärt Yunus. Und sie hoffen, irgendwann ihre Hochzeitsreise nachholen zu können.

Maria fasst die Geschichte der beiden treffend zusammen: „Das RISE Weltweit Programm hatte für uns beide nicht nur beruflich, sondern auch privat einen signifikanten positiven Einfluss auf unser Leben.“

Autorin: Angelika Hesse

Studium und Liebe - passt das?

Waren Sie auch Stipendiat*in und haben in dieser Zeit jemanden kennengelernt, der auch heute noch eine Rolle in Ihrem Leben spielt? Wen haben Sie während Ihres Studiums getroffen, mit dem Sie immer noch verbunden bzw. in Kontakt sind? Erzählen Sie uns davon in den Kommentaren.

Dezember 2020

Kommentare

Hedda Vaassen
9. Dezember 2020

finde ich sehr sehr spannend und ein super Beispiel, wie es gelingt, es kulturübergreifend mit der gehörigen Portion Mut, Durchhaltevermögen, Interesse, Initiative (und klarem Kopf) weit zu bringen und viele Hürden zu überwinden!

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