Corona in Ecuador: „Die Pandemie hat mich hoffnungsvoll gemacht”

Ángela León Cáceres lebt in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, die auf einer Höhe von 2.850 Metern über dem Meeresspiegel liegt. Derzeit arbeitet sie als Expertin am Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM)/GIZ. Ángela León Cáceres hat den Studiengang International Health an der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg mit einem Master of Science abgeschlossen. Sie ist Alumna des Carlo-Schmid-Programms und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Programm für Gesundheitsnotfälle der WHO in Genf.

Frau León Cáceres, wie erleben Sie die aktuelle Situation in Ecuador?

Unser Land befindet sich in einer politischen und gesellschaftlichen Krise. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir unser Sozialsystem reformieren und mehr in den Gesundheits- und Bildungssektor investieren müssen. Von einer wirklichen Weiterentwicklung können wir erst sprechen, wenn wir Ungleichheiten abbauen und Menschenrechte über wirtschaftliche und private Interessen stellen. 

Wie geht es Ihnen zurzeit?

Obwohl Ecuador eines der am stärksten betroffenen Länder in der Region ist, geht es mir gesundheitlich gut. Ich genieße die Zeit mit meiner Familie und auch meine Arbeit macht mir Spaß: Als wissenschaftliche Mitarbeiterin bin ich an Forschungen zu COVID-19 beteiligt. Außerdem bin ich als Projektmanagerin für Tropical Herping tätig, eine Initiative, die sich für den Schutz tropischer Reptilien und Amphibien einsetzt. Alle arbeiten momentan von zu Hause aus; dabei ist persönliche Interaktion deutlich effektiver. Gerade in der qualitativen Forschung im öffentlichen Gesundheitswesen ist der direkte Austausch mit Menschen ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

Es ist interessant, wie wichtig Online-Netzwerke während dieser Pandemie geworden sind. Es gibt unzählige Online-Seminare, -Veranstaltungen und -Kurse. Derzeit engagiere ich mich als ehrenamtliche Mitarbeiterin für TECHO Ecuador, die Bio-Obstgärten in Städten fördern, und bin im Carlo-Schmid-Alumni-Netzwerk aktiv, wo ich verschiedene Online-Veranstaltungen organisiere und gestalte. Durch Online-Netzwerke sind wir alle trotz der Pandemie noch näher zusammengerückt. Unser Wille ist eben stärker als jede Krise und überbrückt jede Entfernung.

Wie denken Sie über die Krise?

Die Krise bedeutet für alle Menschen weltweit eine schwere Zeit, aber sie bietet auch die Chance, unsere Lebensweise zu überdenken. Was brauchen wir wirklich? Was wollen wir in der Welt bewegen? Ich habe die Zeit während des Lockdowns genutzt, um über die unmittelbaren Änderungen nachzudenken, die wir angesichts der Krise umsetzen müssen. Wir müssen eine Zukunft anstreben, in der wir mehr auf unsere Mitmenschen achten und im Einklang mit der Natur leben. Durch die Social-Distancing-Maßnahmen ist uns wieder bewusst geworden, wie wertvoll eine Umarmung oder Verabredungen mit Freunden sind. 

Wie denken Sie über die Zukunft?

Ich habe einen eigenen Bio-Obstgarten angelegt und werde hoffentlich mein eigenes Obst und Gemüse anbauen und mit anderen tauschen und handeln. Wenn man sich selbst versorgt, weiß man den Wert der Lebensmittel viel mehr zu schätzen, weil man selbst hart dafür gearbeitet hat. Dadurch bin ich auf noch mehr Ideen für unsere Zukunft gekommen: Wir könnten eine Art Kreislaufwirtschaft aufbauen. Es sollte ein System sein, in dem wir die Natur und unsere Mitmenschen achten und Dinge gemeinsam nutzen, tauschen, wiederverwerten und reparieren. Die Pandemie lässt mich hoffen – auf eine neue Zukunft, die durch zwischenmenschliche Interaktionen, größeren Respekt und ein intaktes Verhältnis zur Natur geprägt ist. Ich bin noch zuversichtlicher als je zuvor, dass es möglich ist, auf Konsum zu verzichten. Ich habe das Gefühl, die Menschen wünschen sich Veränderungen. Und jede Veränderung fängt natürlich immer bei einem selbst an.

Interview: Marlene Thiele

Wie geht es Ihnen momentan?

Erzählen Sie anderen davon und werden Sie Teil der Alumniportal-Deutschland-Community. Schicken Sie einen kurzen Beitrag mit Foto an redaktion@alumniportal-deutschland.de, wir werden den Beitrag zeitnah veröffentlichen.

Juni 2020

Jetzt kommentieren