Corona in Brasilien – „Das Land ist gespalten“

Alexandre Pereira Santos ist ein durch den DAAD geförderter Wissenschaftler an der Universität Hamburg und unterstützt Forschungs- und Hilfsinitiativen im Zusammenhang mit der SARS-CoV-2-Pandemie in seinem Heimatland Brasilien. Dazu gehört unter anderem der Aufbau eines landesweiten Netzwerks für professionelle Stadtplaner, die partizipatorische Geoinformationssysteme (GIS) nutzen. Mit seiner Arbeit beweist er, dass die akademische Gemeinschaft in Zeiten großer sozialer Not in der Lage ist, Hilfsprojekte zu entwickeln und umzusetzen.

Herr Pereira Santos, wie geht es Ihnen angesichts der Corona-Krise?

Eigentlich ganz gut. Meine Frau und ich leben in Deutschland und meine Verwandten sind kreuz und quer über den Globus verteilt, aber sie sind alle gesund. Mit der sozialen Isolation bin ich gut klargekommen, auch wenn ich dadurch nicht so viel Deutsch üben konnte, wie ich vorhatte. Ich bin bei meiner Forschung nicht von Labors abhängig oder auf spezielle Ausrüstung angewiesen und konnte meiner Arbeit daher problemlos nachgehen. Dafür bin ich sehr dankbar und möchte der Gesellschaft während und nach der Krise gern etwas zurückgeben.

Inwiefern wirkt sich die dramatische Lage in Ihrem Heimatland Brasilien auf Ihren Alltag aus?

Die Regierung in Brasilien ist nicht nur schlecht organisiert, sie ist auch in zwei Lager gespalten: Die einen glauben an die Pandemie, die anderen leugnen sie – als ob ein Virus eine strittige Angelegenheit sein könnte. Das Land ist denkbar schlecht vorbereitet. Viele Brasilianer halten nichts von Social Distancing, denn die inkonsequent umgesetzten Maßnahmen konnten das Virus bisher nicht eindämmen. Sozial schwächere Gruppen werden einfach sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Den Entwicklungen in den nächsten Monaten sehe ich mit großer Sorge entgegen. Um der Zivilgesellschaft eine Stimme zu verleihen, unterstütze ich den Aufbau eines landesweiten Reaktionsnetzwerks professioneller Stadtplaner. Das Netzwerk Urbanismo Contra o Corona (portugiesisch für „Urbanistik gegen Corona“) ist in den meisten der 27 brasilianischen Bundesstaaten organisiert. Hier kämpfen Stadtplaner, Geografen, Architekten, Sozialarbeiter, Gesundheitskräfte und Bürgergruppen gemeinsam gegen die Pandemie und unterstützen insbesondere die Bewohner der Favelas, also der Slums, die indigene Bevölkerung sowie Menschen afrikanischer Herkunft und Obdachlose. Ich habe den Verband für den Bundesstaat Rio Grande do Sul gegründet. Weitere Informationen in portugiesischer Sprache sind hier abrufbar.

Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft?

Ich bin davon überzeugt, dass diese Krise uns aus unserer Trägheit aufrütteln wird, in die wir in den vergangenen Jahren verfallen sind. Seit der letzten Weltwirtschaftskrise hat sich im Kampf gegen Ungleichheit und Klimawandel nur wenig geändert. Ich hoffe, dass Wissenschaftler nun mehr Gehör bekommen und wir uns von Fakten leiten lassen. Ich werde meine Forschungen zum Klimawandel mit den gesellschaftlichen Problemen zusammenführen, die während der Pandemie aufgetreten sind. Mit anderen Worten: Ich werde meine theoretische Arbeit der letzten 15 Jahre in die Praxis umsetzen und freue mich schon auf die neuen Herausforderungen.

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Juni 2020

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