Vor Furcht aufhören, richtig zu leben

„Die Menschen wurden so sehr mit dem Tod und der Krankheit bedroht, dass viele von ihnen vor Furcht aufgehört haben, richtig zu leben.“

Ein Interview mit der DAAd-Alumna, Assoc. Prof. Maria Endreva, zur Corona-Situation in Bulgarien. Maria arbeitet an der Universität Sofia, Bulgarien, als Dozentin für deutschsprachige Literatur und Kulturgeschichte.

Liebe Maria, ist die Bevölkerung in Bulgarien immer noch diszipliniert seit unserem Interview April 2020? Und wie ist die Lage aktuell?

Nein, leider ist das hin. Es ist schon eine Müdigkeit in der ganzen Gesellschaft zu beobachten. Die Menschen wollen und können nicht mehr die Maßnahmen einhalten, weil sie fürchten, dass das Leben seinen gewohnten Gang für immer verlieren kann. Vor allem sind die Menschen unwillig, die Maßnahmen einzuhalten, die finanziell von dieser Krise betroffen sind. Andere sind mit der Situation so überfordert, dass sie sie auf irrationale Wege und Verschwörungstheorien verstehen und bewältigen wollen. Das erschwert natürlich die Kontrolle über die Epidemie.

Letzen Sommer wurden die Einschränkungen aufgelockert und wir hatten eine Art Pause von der Pandemie. Die Maßnahmen danach waren nie so streng wie in den anderen Ländern, wir hatten nie Ausgangsverbote oder Einschränkung in der Zahl der Kontaktpersonen. Die die Restaurants, Fitnessstudios, Geschäfte, Einkaufszentren, Theater, Kinos oder die Frisöre waren fast die ganze Zeit geöffnet. Die Schulen und die Unis aber waren fast konsequent auf Online-Unterricht, was sich schlecht auf die jungen Menschen auswirkte.

Ich bin mit dieser Auflockerung der Maßnahmen und mit der Normalisierung des Alltags gewissermaßen bei Maskenpflicht und Abstandpflicht einverstanden, denn in den Zeiten der strengen Begrenzungen und Isolation zeigte sich immer deutlicher eine Sinnkrise. Die Menschen wurden so sehr mit dem Tod und der Krankheit bedroht, dass viele von ihnen vor Furcht aufgehört haben, richtig zu leben. Ich kenne solche Menschen, die diese ständigen Hinweise auf die Gefahr psychisch sehr schwer angeschlagen hat. Der Tod muss nicht auf diese Weise dargestellt werden. Da kann man von der Literatur viel lernen.

Der Tod war in den früheren Epochen immer ein integraler Teil des Lebens und vor seinem Hintergrund spürte man den Sinn des Lebens viel stärker uns schätzte das Leben, indem man es vollwertig auskostete. Das sehe ich leider in dieser Situation nicht, denn es wird vor allem mit der Angst als Kontrollmechanismus operiert.

Sie sahen in der Krise die Chance neue, nachhaltigere Wirtschaftsmodelle zu erfinden, die auf weniger Konsum und mehr Verantwortung für die Umwelt ausgerichtet sind. Nach einem Jahr sehen Sie irgendwelche Anzeichen bzw. besteht es noch Hoffnung dafür?

Ich glaube, dass das Konsumverhalten zwangsweise eingeschränkt wurde, was die Tourismus- und Erlebnisindustrie, die Gastronomie und den Kulturbetrieb angeht. Auch Ausgaben für Kleidung und Schuhe sind weniger, habe ich gehört, da viele immer noch von zu Hause arbeiten und nur zum Sport ausgehen. Aber das bedeutet bei weitem nicht, dass die Menschen zur Vernunft gekommen sind, sondern nur, dass sie keine Möglichkeiten haben, so viel zu konsumieren, wie sie wollen. Für mich ist hier leider keinen Fortschritt zu beobachten. Die bulgarische Gesellschaft muss offenbar noch für diese Idee reifen.

Was planen Sie für diesen Sommer? Das Reisen aus Spaß in dieser Krise betrachten Sie als unverantwortlich.

Ich persönlich werde im Juli zu meinen Eltern fahren, die ein Haus im Gebirge haben und verbringe dort meine Ferien. Der Tourismus ist ein starkes Wirtschaftssektor und die Verluste sind enorm. In Bulgarien werden etwa die Hälfte der Hotels am der Schwarzmeerküste nie wieder öffnen, was die andere Seite des Einstellens der Spaßreisen darstellt.

Die Politiker sind besorgt und versuchen, die Saison zu retten. Mit dem Fortschreiten der Impfkampagne erwarte ich, dass man im Sommer schon Dienstreisen und Urlaubsreisen normal machen kann, denn der lebendige Kontakt mit den KollegInnen ist durch die Online-Plattformen nicht zu ersetzen. Ich will hoffen, dass wir wieder unser altes Leben zurückbekommen können, aber auch die Lehren aus dieser Krise nicht vergessen. So kann die Gesellschaft sich allmählich an neue Modelle anpassen und weiter für sie reifen. Es wäre auch gut, wenn wir es auch weiter mehr Zeit mit der Familie verbringen und nicht vergessen, wie wichtig die zwischenmenschlichen Beziehungen für uns sind.

Das Interview führte für das Alumniportal Deutschland: Admir Lleshi

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Juni 2021

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