Impfungen zur Sicherstellung der „staatlichen Funktionsfähigkeit“

Lettland impfte die Mitglieder des Kabinetts und den Präsidenten vor allen anderen, um die „staatliche Funktionsfähigkeit“ sicherzustellen. Dies löste eine scharfe Debatte um soziale Gerechtigkeit aus.

In unserem letzten Interview vor einem Jahr haben Sie die lettische Regierung für ihr richtiges Handeln gelobt. Sind Sie von diesen Maßnahmen immer noch überzeugt?

Das ist eine gute Frage. In der lang anhaltenden Pandemie war die Lage nicht so rosig. Wir haben einen neuen Gesundheitsminister bekommen, und es gab Probleme bei der Impfstoffbeschaffung: Anfangs wurden zu wenige Dosen bestellt, weshalb die vorherige Gesundheitsministerin zurücktreten musste und einige der an diesem Fehlschlag beteiligten Bürokraten ausgetauscht wurden. Lettland impfte außerdem die Mitglieder des Kabinetts und den Präsidenten vor allen anderen, um die „staatliche Funktionsfähigkeit“ sicherzustellen. Dies löste eine scharfe Debatte um soziale Gerechtigkeit aus.


Hinzu kam, dass die ganze Impfkampagne eher holprig verlief: Das IT-System funktionierte nicht richtig, und trotz einer eigens geschaffenen Impfbehörde mangelte es an Koordination. In der Gesellschaft gab es auch Ressentiments in Form einer Anti-Impfkampagne, außerdem fehlten Informationen auf Russisch für die russischsprachige Bevölkerung Lettlands. Letztlich konnten die Impfungen aber beginnen, und nun will sich jeder seine Spritze abholen. Die COVID-19-Zahlen steigen derweil, weshalb unsere Epidemiologen davor warnen, dass Lockerungen immer noch riskant sein könnten.

Eine App, die Sie und Ihr Team entwickelt haben, verbindet Jung und Alt miteinander und macht das tägliche Leben in der Coronakrise leichter. Glauben Sie, dass ältere Menschen und Angehörige von Risikogruppen heute aktiver in der digitalen Welt sind?

Noch eine gute Frage. Ich war zwar die Ideengeberin hinter der Initiative #StayHome (lettisch: #paliecmajas), habe aber später nicht mehr sehr aktiv daran teilgenommen. Schließlich arbeitete das Team der Initiative erfolgreich, erhielt Gelder aus der Wirtschaft und wurde mit mehreren Preisen geehrt. Trotzdem ist es immer noch schwierig für viele Menschen, Hilfe anzufordern. Es gab relativ wenige Hilfsanfragen, die Initiative nahm nicht richtig an Fahrt auf. Das änderte sich allerdings grundlegend, als die Proteste in Belarus losgingen. Damals wurde die Initiative zur Spendenplattform für zivilgesellschaftliche Akteure, die die belarussische Demokratiebewegung unterstützen wollten.
Daten zufolge genießt das Radio von allen Medien das größte Vertrauen in der Bevölkerung. Für ältere Menschen ist es noch ein langer Weg bis zur aktiven Nutzung digitaler Technologien. Die Nutzung solcher Technologien hängt außerdem mit der Kaufkraft zusammen, die Menschen müssen sich Smartgeräte und einen Internetzugang erst einmal leisten können. Hier steht die soziale Ungleichheit einer stärkeren digitalen Beteiligung im Weg.

Sind Sie aktuell an Projekten im Zusammenhang mit der Pandemie beteiligt?

Ich bin in einer Gruppe aktiv, die wissenschaftlich fundierte Informationen zu Impfstoffen verbreitet, um Menschen dazu zu motivieren, sich impfen zu lassen. Es grassieren viele Falschinformationen, und moderne Medientechnologien verhelfen Populismus und Anti-Impfkampagnen zu einem ungeahnten Aufschwung.

Außerdem habe ich eine neue App für Kinder gegründet: www.sugarcat.eu, die ihnen helfen soll, die Menge ihres täglichen Zuckerzusatzes zu verstehen. Die WHO hat berichtet, dass sich unsere Essgewohnheiten während der Pandemie verschlechtert haben. Und die Messung der Zuckeraufnahme könnte ein guter Anfang sein, den Zuckerkonsum in Bezug auf die öffentliche Gesundheit zu reduzieren !

Sie sind sehr technikaffin. Aber Hand aufs Herz, sind Sie auch manchmal Zoom-müde? Und falls ja, was tun Sie dagegen?

Ich habe von Anfang an sehr darauf geachtet, nicht an zu vielen Online-Konferenzen teilzunehmen. So konnte ich die Anzahl der Meetings begrenzen und habe noch nichts von der berüchtigten Zoom-Müdigkeit gemerkt. Alle Konferenzen, an denen ich teilgenommen habe, waren sehr inspirierend und boten mehrere Plattformoptionen. Bei Zoom zum Beispiel kann man Discord, Miro und andere Plattformen hinzufügen. Dadurch kommt man der Dynamik des echten Lebens etwas näher. Kürzlich habe ich festgestellt, dass ich einige Webinare auch während meines täglichen, 10 bis 15 Kilometer langen Spaziergangs absolvieren kann. Das funktioniert wunderbar, da Lettland glücklicherweise ein gut ausgebautes mobiles Netz hat.

Das Interview führte für das Alumniportal Deutschland: Admir Lleshi

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Juni 2021

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