Berlin in den Neunzigern: Ein Retter mit Punkfrisur

Im Herbst 1996 kam ich aus dem indischen Chennai nach Berlin, wo ich an einem zweimonatigen Gastwissenschaftlerprogramm des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Berlin-Adlershof teilnahm. An einem Abend im Spätherbst, als ich vom Bahnhof in meine Gästeunterkunft in der Kantstraße lief, bemerkte ich, dass ich die Haus- und Wohnungsschlüssel im Büro vergessen hatte.

Ich näherte mich der Straße und sah dort die übliche Punk-Jugendclique sitzen. Die Jugendlichen tranken Bier und hörten Hardrock-Musik aus ihren Ghettoblastern. In den Wochen davor hatte ich sie jeden Abend gesehen und im Vorübergehen immer so getan, als würde ich sie gar nicht wahrnehmen. Sie schienen mit sich selbst beschäftigt zu sein. Allerdings hatte ich von Laborkollegen einige Geschichten gehört, etwa dass die deutsche Wiedervereinigung ihre Probleme mit sich bringe und dass sich viele Ostdeutsche immer noch an Ausländern stießen, besonders an Asiaten. Auch hatte ich gehört, dass Punks oft ausländische Besucher belästigten und drangsalierten. In der U-Bahn und S-Bahn hingen Hinweisschilder der Polizei, die Ausländer ermahnten, Orte zu meiden, an denen Punks herumlungern.

Etwas nervös kam ich am Tor des Instituts an. Ich hoffte, den Hausmeister anzutreffen, damit ich ihn bitten könnte, mich mit seinem Ersatzschlüssel hereinzulassen. Es war sieben Grad kalt, und mich fröstelte es in meinem dünnen Sweater und meiner Windjacke vor einem beinahe leeren Wohnheim in einem fremden Land. Ich fühlte mich alleingelassen und sehr einsam. Um mich warmzuhalten – und vielleicht auch, um meine Nervosität zu verbergen –, schlurfte ich mit den Füßen umher.

Über die Gastautorin

Aruna Dhathathreyan ist Professorin und emeritierte Wissenschaftlerin am CSIR – Central Leather Research Institute in Chennai (Indien). Ihre Arbeits- und Forschungsfelder liegen in den Disziplinen Biophysik, biophysikalische Chemie und Oberflächenwissenschaft. 2010 erhielt sie ein INSA-DFG Visiting Fellowship am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Sie war eine der 98 Frauen, deren Biographien in „Lilavathi‘s Daughters“ präsentiert wurden, einem von der Indischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Kompendium indischer Forscherinnen. Deutschland besuchte sie erstmals 1996 im Rahmen eines Aufenthalts am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Außerdem ist sie Mentorin im Alumniportal Deutschland und veröffentlicht regelmäßig Artikel über ihre Zeit in Deutschland.

Der Retter mit dem Irokesenschnitt

In diesem Moment kam einer der Jugendlichen, der beobachtet hatte, wie ich nach dem Hausmeisterzimmer spähte, in meine Richtung spaziert. Ich machte mich auf ein unschönes Erlebnis gefasst, die Gedanken schossen mir nur so durch den Kopf. Er trat an mich heran und fragte, ob ich Deutsch könne. Ich bejahte, und er wollte wissen, was mein Problem sei und warum ich nicht ins Wohnheim gehe. Als ich ihm erzählte, dass ich meine Schlüssel im Büro liegen lassen hatte, bot er mir an, mich auf seinem Fahrrad zum Hausmeister zu bringen. So kam es, dass ich an jenem kalten Herbstabend mit einem Teenager mit regenbogenfarbenem Irokesenschnitt und großen Ohrringen hinten auf einem klapprigen Fahrrad aufsitzend zur Hausmeisterwohnung fuhr, um den Ersatzschlüssel zu holen.

Zurück am Campustor riet mir mein Punk-Retter, das Haupteingangstor hinter mir zuzuschließen, und wünschte mir eine gute Nacht. Den Namen meines Retters habe ich bis heute nicht herausgefunden. Ich war erleichtert und fühlte mich geborgen in der wohligen Wärme und Gewissheit, dass mit der Welt alles in Ordnung sei.

In den darauffolgenden Wochen kam ich abends mitunter erst spät von der Arbeit im Institut nach Hause. Auf der Straße hörte ich oft Lachsalven, und wenn ich in die Kantstraße abbog, winkte ich und begrüßte meine Freunde. Manchmal hielt ich an, um einen kurzen Plausch über die Arbeit und den Alltag zu halten. Sie waren Schüler und kannten Indien nur aus Fernsehdokumentationen. Neugierig fragten sie mich über die indische Kultur, die indischen Sprachen und natürlich unsere berühmten Currys aus – schließlich hat Berlin ja seine eigene berühmte Currywurst.

Verlaufen am Bahnhof Zoo

Einige Wochen später wollte ich übers Wochenende Freunde besuchen und fuhr daher zum Bahnhof Zoo, um dort in den ICE zu steigen. Am Bahnhof angekommen, las ich auf einem Schild am Eingang, dass der Zug von einem anderen Gleis abfahren sollte. Wer den Bahnhof Zoo noch aus den 90er Jahren kennt, erinnert sich bestimmt, dass es dort damals mehrere sich kreuzende Tunnel und mehrere Eingänge gab – selbst alteingesessene Berliner hatten mitunter ihre liebe Not, die richtige U-Bahn zu finden. Mein Zug sollte in zehn Minuten abfahren, aber ich suchte immer noch nach der richtigen U-Bahn. Da sah ich, wie eine Gruppe gut gekleideter Menschen den Bahnhof betrat. Aus ihrem Gespräch entnahm ich, dass sie auf dem Heimweg von einer Klimawandelkonferenz waren, es musste sich um Wissenschaftler von irgendeiner Universität handeln.

Ich lief auf das vorderste Mitglied der Gruppe zu und fragte höflich, ob er wisse, mit welcher U-Bahn ich zum richtigen Gleis käme. Zu meinem Entsetzen bedeutete er seinen Kollegen mit verächtlichem Tonfall, dass ihm Berlin zu ungemütlich werde, weil es zu viele Ausländer gebe, die nach Jobs oder Hilfe suchten.

Er hielt mich wohl für einen der Migranten, die oft in Gruppen nach Berlin kamen, um Almosen zu erbetteln oder Arbeit zu finden. An diesem Tag begriff ich, dass Fremdsprachenkenntnisse und ein selbstbewusstes, aber höfliches Auftreten gegenüber einem gut bekleideten Akademiker nicht unbedingt zu einer freundlichen Begegnung führen müssen, sondern im Gegenteil in eine schlechte Erfahrung münden können. Mir wurde eine Tatsache bewusst: Unsere Wahrnehmung vom Leben in der Welt wird sich immer von unseren Erwartungen unterscheiden. Die Ursache dafür liegt in unseren unrealistischen Erwartungen in einer Welt, die wir nicht immer so sehen, wie es der tatsächlichen Situation entspricht. So lernte ich, dass Vorurteile und vorgefasste Meinungen über andere Menschen uns manchmal daran hindern, Menschen als das zu sehen, was sie sind.

Ein Plädoyer gegen Vorurteile

Seitdem rief ich mir wieder und wieder in Erinnerung, dass ich in Berlin bin – einer der hipsten Städte der Welt voller Kultur und Geschichte und zugleich mit Bewohnern aller Couleur. Ich darf Menschen auf keinen Fall nach vorgefassten Annahmen bewerten! Also entschloss ich, die Stadt zu erkunden. Ich besuchte Museen und Parks, aß in schicken italienischen Restaurants und fuhr mit der Buslinie 100 fast alle berühmten Wahrzeichen ab. Ich unterhielt mich mit völlig Fremden im Zug oder am berühmten Berliner Zoo. Ich genoss den allabendlichen Small Talk mit dem Zeitungskioskbesitzer oder der Gemüseverkäuferin auf dem Heimweg nach der Arbeit.

Einige Tage vor meiner Rückkehr nach Indien kaufte ich in einer örtlichen Bäckerei einen großen Kuchen für meine Freunde aus der Kantstraße. Überrascht von dieser Geste, meinten sie, ich solle das Geld besser für die Heimreise sparen. Ich erwiderte, dass es mir eine Freude gewesen sei, sie kennenzulernen, und wünschte ihnen viel Glück für die Schulprüfungen. Ein paar Minuten lauschte ich noch ihrer Heavy-Metal-Musik, dann sagte ich „tschüss“ und kehrte ins Wohnheim zurück.

Gastautorin: Aruna Dhathathreyan

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September 2020