Ideen für die Stadt der Zukunft

Agenda 2030
SDG Ziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden
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SDG Ziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden

Die Teilnehmenden des DAAD-Alumnitreffens für Architektur und Stadtplanung Anfang Oktober in Leipzig. © DAAD/Jasmin Zwick

Als Christoph Kollert sich 2015 entschied, am University College London (UCL) zu studieren, war gar nicht so sehr die Stadt selbst oder die renommierte Universität ausschlaggebend, sondern das Studium. „Ich wollte mich mit der Schnittstelle von Stadtplanung und Verhaltenspsychologie beschäftigen“, berichtet er. „Diese Möglichkeit bot mir ein sehr interdisziplinär ausgerichteter Urban Design Master-Studiengang an der Bartlett School of Planning.“ Ermöglicht wurde der Auslandsaufenthalt jedoch erst durch ein Jahresstipendium des DAAD. Für Kollert ein Glücksfall: „Davon profitiere ich noch immer. Das fachliche Niveau war unheimlich hoch, die Leselisten und Referenten waren hervorragend zusammengestellt. Einige namhafte Forscher saßen entweder den Gang runter oder kamen zu uns ins Seminar. Das motiviert enorm.“

Kollert ist einer von vielen DAAD-Alumnae und -Alumni aus den Bereichen Architektur und Stadtplanung, die sich intensiv mit der Frage beschäftigen, wie urbane Räume angesichts aktueller Herausforderungen zukunftsfest gestaltet werden können. Und deshalb war es für ihn auch keine Frage, einer Einladung des DAAD nach Leipzig zu folgen. Dort fand Anfang Oktober 2022 das bislang vierte Treffen von Architektur-Alumnae und Alumni statt. Ein ursprünglich für 2020 geplanter Termin hatte coronabedingt ausfallen müssen.

Für das aktuelle Event wurden rund 3.000 ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten aus dem DAAD angeschrieben – mit sehr positiven Rückmeldungen. „Wir sind wieder einmal überrascht von der großen Resonanz und den Angeboten zur Mitwirkung“, erzählt Kirsten Habbich, Leiterin des Referats Veranstaltungen des DAAD. Wie bei den Treffen üblich, wurde auch in diesem Jahr das umfangreiche und anspruchsvolle Programm vollständig von Alumnae und Alumni konzipiert. Rund 80 ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten nahmen teil.

Klimawandel und digitale Vernetzung: Herausforderungen in der Stadtplanung

Ziel war es, sich möglichen urbanen Entwicklungsprozessen aus drei Perspektiven anzunähern. Über die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung, die aus einer zukunftsgewandten Stadtplanung erwächst, den Anforderungen des Klimaschutzes an Architektur und Raumgestaltung und den Chancen und Herausforderungen eines zunehmend digital vernetzten urbanen Raumes.

Wie sehr die Zeit drängt, sich grundsätzlich mit diesen Aspekten zu beschäftigen, verdeutlichte die Keynote von Professor Peter Dröge, Direktor des Liechtenstein Institute for Sustainable Development: Große Städte weltweit sind immer noch zu 80 Prozent abhängig von fossilen Energieträgern. Ein Wert, der in den vergangenen 30 Jahren annähernd konstant geblieben ist, sich aber dramatisch zugunsten erneuerbarer Energien entwickeln müsste, um die negativen Folgen des Klimawandels bestmöglich abzufedern.

„Die Gesellschaft und das Land, in dem wir leben, zukunftsfähig machen.“

Es müssen Lösungen her, dringend: Dieses Bewusstsein war bei vielen Teilnehmenden deutlich zu spüren. Ebenso das Potenzial des DAAD-Netzwerks. „Ich würde mir wünschen, dass wir als Alumni-Kreis dem damals in uns gesetzten Vertrauen gerecht werden“, sagt Kollert. „Dass wir unser erworbenes Wissen und unsere Einflussmöglichkeiten nutzen, um die Gesellschaft und das Land, in dem wir leben, zukunftsfähig zu machen.“ Viele der Vortragenden, größtenteils DAAD-Alumni, schienen sich genau das zu Herzen zu nehmen.

Im Themenblock „Sozial“ berichtete die Architektin Kathrin Sauerwein (Lorenzateliers Innsbruck) von Konzepten gegen den dramatischen Bodenverbrauch der Urbanisierung. Mit dem richtigen gesetzlichen Rahmen wäre es denkbar, Gewerbegebiete in Zukunft viel stärker auch als Wohnflächen zu nutzen. Auch partizipative Prozesse sollten neu gedacht werden, so Sauerwein. „Die gesetzliche Ermächtigung des Individuums über das Gemeinwohl ist ein Aspekt, den wir in Zukunft noch viel intensiver diskutieren müssten.“

Im Themenblock „Nachhaltig“ ging es vor allem darum, die Vorstellung von urbanen Räumen vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen zu reflektieren. Aus der Perspektive des Westens sei die Stadt weitgehend positiv konnotiert, während Metropolen des Globalen Südens viel zu oft als Zonen von Chaos und wirtschaftlicher Stagnation angesehen werden, so Professor Alexander Jachnow von der IHS Erasmus University Rotterdam. „Von dieser Dichotomie müssen wir uns dringend verabschieden.“ Auch in Entwicklungsländern könne die Urbanisierung eine Chance sein.

Aber was, wenn die Verwaltung schlicht überfordert ist mit der gewaltigen Dimension der Herausforderung? Dann könnte es helfen, eine Projektmanagerin oder einen Projektmanager direkt vor Ort zu schicken und bei technischen Studien und Finanzierungsfragen zu unterstützen. So nämlich agiert die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), wie Lisa Junghans berichtete, selbst Projektmanagerin bei der GIZ. „Die Realität ist: Viele Städte des Globalen Südens stehen unter einem enormen Anpassungsdruck und sind dankbar für externe Hilfe.“

Wovon afrikanische und lateinamerikanische Metropolen noch weit entfernt sind, ist der Einsatz von Digitaltechnik, wie sie für westliche Städte unter dem Begriff „Smart City“ diskutiert wird. Dabei geht es nicht nur um die Aufrüstung städtischer Infrastruktur mit Sensoren (Mülleimer melden automatisch ihren Füllstand) und die Digitalisierung der Verwaltung, sondern um die soziale Integration durch Technik, worauf Professorin Iris Belle von der Hochschule für Technik Stuttgart in ihrem Beitrag für den Themenblock „Smart“ hinwies. Ein Beispiel? Die Analyse der Nutzungsdaten vom Räumen in einem Gebäude. „Erstmals wüssten wir, wie Menschen sich tatsächlich bewegen, welche Bedürfnisse sie haben und hätten damit eine viel präzisere Planungsgrundlage.“ Vorausgesetzt, solche Informationen wären verfügbar. Dafür plädierte die Stadtplanerin Ekaterina Liechtenstein. „Es gibt potenziell so viele Daten, wie Menschen die Stadt nutzen. Diese sollten wir nutzen.“

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