Gemeinsam soziale Nachhaltigkeit vorantreiben

  • 2022-12-07
  • Thomas Kölsch

© Getty Images/jacoblund

Das Leben ein bisschen besser machen: Dieser Gedanke ist eine, wenn nicht gar die zentrale Triebfeder des sozialen Unterehmertums. Hierbei handelt es sich um Jungunternehmerinnen und -unternehmer, die nach innovativen Lösungen für soziale oder ökologische Probleme suchen. Mit ihren Produkten oder Dienstleistungen möchten sie ein Umdenken bewirken – immer mit dem Ziel, zumindest lokal oder regional einen positiven Effekt zu haben. Das Alumniportal Deutschland hat eine Online-Konferenz organisiert, bei der sich Expertinnen und Experten aus aller Welt austauschen konnten. Unter dem Motto „Who is driving the change?“ haben die Deutschland-Alumni und -Alumnae am 17. und 18. November 2022 in der virtuellen Jahreskonferenz des Alumniportals vor allem darüber diskutiert, ob und wenn ja wie Social Entrepreneurship auf die UN-Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung einwirkt und wie deren Ziele vorangetrieben werden können.

„Conscious Capitalism“: Normen und Werte als zentrales Gut

Zunächst galt es aber, das als kapitalistisch angesehene Unternehmertum mit dem Sozialgedanken zusammenzubringen. Keynote-Speaker Raju Gurung sprach sich dabei weniger für eine Überwindung als vielmehr für eine neue Definition von Kapitalismus aus, in der Normen und Werte das zentrale Gut sein könnten. „Unsere gesamte Ökonomie wurde auf physisch existierenden Gütern errichtet“, erklärte Gurung, der zwei Start-ups gegründet hat, die in kleinem Rahmen soziale Veränderungen auslösen; parallel dazu leitet er eine Beratungsrfirma für Entrepreneur:innen und Unternehmen, die sich ebenfalls in diesen Bereich ausdehnen möchten.

„Heutzutage konsumieren wir mehr denn je, – doch der Erfolg eines Unternehmens bemisst sich inzwischen weniger am Warenwert als vielmehr an der Summe der Kund:innendaten. Früher oder später werden Kund:innenwerte sie ersetzen.“ In gewisser Weise geschehe dies schon, da die Wirtschaft nicht mehr nur auf die Maximierung der Interessen der Shareholder:innen setzt, sondern auch auf die der Stakeholder:innen, zu denen unter anderem die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie die allgemeine Gesellschaft zählen würden. „Conscious Capitalism“ nennt Gurung das.

Was passiert, wenn der Mensch die Erde beherrscht?

Was passiert, wenn der Mensch die Erde beherrscht?
Was passiert, wenn der Mensch die Erde beherrscht? ©

Keynote von Raju Gurung, Social Entrepreneur und Deutschland-Alumnus während der Konferenz "Who is driving the change?" am 17. November 2022 (Aufzeichnung)

„Ökonomische Nachhaltigkeit ist auch Nachhaltigkeit“

Obwohl die Welt derzeit einen Wandel durchläuft und die Gesellschaft neue Prioritäten setzt, sind sowohl Position als auch Funktionsweise von Social Entrepreneurship im Spannungsfeld zwischen Idealismus und Kapitalismus nicht so einfach zu definieren. In einer Podiumsdiskussion über die tatsächliche Wirkung solcher Unternehmer:innen insbesondere auf die UN-Agenda 2030 machten einige Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis klar, dass der kommerzielle Aspekt nicht vergessen werden sollte. Zwar betonte Moderatorin Ines Amri gleich zu Beginn, die Maximierung des Profits dürfe nicht im Mittelpunkt des unternehmerischen Schaffens stehen, doch ohne Umsatz kann ein soziales Unternehmen auf Dauer nicht überleben. „Ökonomische Nachhaltigkeit ist auch Nachhaltigkeit“, betonte Kalie-Martin Cheng. Er vermarktet „mehr als fair“ gehandelten Kaffee aus Äthiopien, um mit den Erträgen Recycling-Anlagen vor Ort aufzubauen. „Wir können von unserer Arbeit leben, was wiederum bedeutet, dass wir all unsere Energie dafür einsetzen können, die Welt zu verändern, und wir helfen Menschen, dasselbe tun zu können.“ Daniel Alfonso Garavito Jiménez, Geschäftsführer des kolumbianischen Tele-Sprachkursanbieters EducALL, ging sogar so weit, die Wirtschaftlichkeit doch wieder in den Mittelpunkt zu stellen. „Auch als Social Entrepreneur:in sollte man von Tag Null an profitabel sein“, sagte er.

„Wir können von unserer Arbeit leben, was wiederum bedeutet, dass wir all unsere Energie dafür einsetzen können, die Welt zu verändern, und wir helfen Menschen, dasselbe tun zu können.“

Kalie-Martin Cheng,
Social Entrepreneur und Podiumsdiskussionsteilnehmer

Den Unterschied zwischen traditionellen und sozialen Unternehmerinnen und Unternehmern sahen die Expertinnen und Experten auch in erster Linie in der Haltung. „Social Entrepreneur:innen verfolgen eine ‚Impact first'-Strategie“, erläuterte Vinod Ramanarayanan, Programm und Portfolio Manager des indischen Start-up-Inkubators Social Alpha. „Sie wollen schon Profite erwirtschaften, aber diese sind an die Wirkung gekoppelt, die die Unternehmer:innen erzielen wollen. Das kann sogar dazu führen, dass sie sich selbst überflüssig machen. Ich habe zum Beispiel mal eine Firma für intelligente Datenverwertung gegründet, während ich gleichzeitig davon ausgegangen bin, dass das Unternehmen in 15 Jahren nicht mehr benötigt wird, weil alle Regierungsstellen meine Methode aufgegriffen haben. So etwas ist meine Definition für Social Entrepreneurship.“ Andere gingen nicht ganz so weit: „Unter Social Enterprises verstehen wir in der Forschung im Prinzip alle Unternehmen, die einen positiven Wandel in der Welt herbeiführen möchten“, führt die Wirtschaftsgeografin Annika Surmeier von der Universität Kapstadt aus. Was die Frage nach sich zog, wer überhaupt besagten Wandel bewertet. „In der Tat ist das ein zentrales Problem“, gestand Surmeier. „In Deutschland gab es zum Beispiel die Diskussion über die Klimaschädlichkeit von Langstreckenflügen und ob man denn unbedingt Urlaub im Ausland machen müsse. In Südafrika waren die Menschen darüber sehr besorgt, weil der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes ist. Für sie wäre eine Beschränkung der Flüge definitiv kein positiver Wandel.“ Die konkreten Bedürfnisse vor Ort müssten daher stets mit einbezogen werden. „Wenn du das Leben anderer verändern möchtest, musst du mit ihnen zusammen überlegen“, unterstrich Surmeier.

Ideen aus der Alumniportal Community Challenge 2022

Wie genau dies aussehen kann, demonstrierten Teilnehmende der Alumniportal Community Challenge 2022, die sich mit der Verbesserung landwirtschaftlicher Systeme auseinandergesetzt hatten. So präsentierten Ricardo Paris und Bruno Ginciene die Online-Plattform „Digital Beehive“, mit der Imker die ideale Position für Bienenstöcke ermitteln können. Robert Winkler stellte das Open-Source-Projekt MeteoMex vor, das Parameter für die Kontrolle des Pflanzenwachstums in einem lokal begrenzten Bereich zur Verfügung stellt. Jairo Hernández warb derweil für Anbauflächen unterhalb von erhöhten Solar-Panels, um Lebensmittel und Elektrizität auf demselben Raum herstellen zu können, Ronnie Ssejjuko stellte die Vorzüge von Pilzen sowohl als Nahrung wie auch – in Form von Briketts – als Energiequelle vor, und Elyeza Bakaze appellierte für den Einsatz von sogenannten „Water Soil Conservation Basins“, mit denen sowohl die Wasserversorgung von Pflanzen gesichert als auch die Bodenerosion verhindert werden soll.

Am zweiten Tag der Veranstaltung sollten die Teilnehmenden er Konferenz schließlich selbst kreativ werden. Drei unterschiedliche, durch Alumni formulierte Problemstellungen bildeten den Ausgangspunkt für drei Workshops. So sollten Ansätze gefunden werden, um Mädchen aus dem ländlichen Raum vor früher Heirat zu schützen und um eine hochwertige, inklusive und faire Bildung zu gewährleisten. Außerdem stand die Frage im Raum, welche Unterstützung Social Entrepreneur:innen in der Frühphase aus den Reihen des Almuniportals Deutschland sich wünschen könnten. Es wurde deutlich, dass das Netzwerk des Almuniportals ein enormes Potenzial hat, kreative Ideen mit der ökonomischen Realität in Einklang zu bringen, die für ein erfolgreiches Projekt unabdingbar ist. Viele Teilnehmenden wünschen sich daher einen weiteren Austausch inklusive Feedback-Runden und Mentoringprogrammen.