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Ausgewanderte Wörter

Immer mehr Deutsche wandern ins Ausland aus. Das ist eine bekannte Entwicklung. Aber nicht nur Menschen, auch Wörter verlassen das Land, um im Ausland ein neues Leben zu beginnen.

Können Wörter auswandern? Nicht im engeren Sinne. Sie sind Doppelbegabungen: Sie bleiben uns erhalten, „gehen“ jedoch auch woandershin. Deutsche Wörter werden manchmal übernommen, weil es in anderen Sprachen keine Entsprechung gibt. Bekannte Exportartikel sind: „Schadenfreude“ oder „Fernweh“, in jüngerer Zeit entwickelt der Schwede „Fingerspitzengefühl“ und Russen geraten neuerdings in „Zeitnot“. Alle genannten Beispiele sind zusammengesetzte Wörter. Sie tun sich besonders hervor in Sachen – wieder eine Zusammensetzung – Wörterwanderung.

„Vasistdas“ und „Kaffepaussi“

Manchmal, durch – nennen wir es „Metamorphosen“ – werden Begriffe erst dort, im Ausland, zum Wort. „Was ist das?“ sollen die Soldaten Napoleons in gebrochenem Deutsch gefragt haben, als sie Oberlichter sahen, Dachfenster, die sie nicht kannten. Voilà: Es entstand „Vasistdas“ als Bezeichnung für Dachfenster in Frankreich. Auch Ungarn hat „Was ist das?“ übernommen. Allerdings soll die Redewendung dort überraschenderweise Synonym für „Kunst“ sein, wenn man dem deutschen Goethe-Institut glauben darf – und warum sollte man das nicht dürfen.

Das Goethe-Institut hatte die Idee, einen Wettbewerb zum „schönsten ausgewanderten Wort“ auszuschreiben. „Vasistdas“ siegte nicht, war aber der am häufigsten eingereichte Begriff. Vorne landeten „Kindergarten“ (Platz 2) und „Butterbrot“ (Platz 3). Unter einigen tausend Vorschlägen wurde zum schönsten ausgewanderten Wort der Begriff „Kaffepaussi“ gekürt, 2005 in Finnland gefunden, auf einer automatisierten Anzeige eines Linienbusses; etwa bedeutend: „Pause“ oder „gerade außer Betrieb“.

Lebend oder tot

Es gibt weltweit zwischen sechs- und siebentausend Sprachen – noch. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird, so schätzen Experten, die Hälfte davon endgültig „außer Betrieb“ sein, ausgestorben. Wichtig für die Lebendigkeit einer Sprache ist die Wörterwanderung. Das Deutsche ist lebendig: es importiert viele Wörter (früher vornehmlich aus Frankreich, heute aus dem angelsächsischen Sprachraum) und exportiert auch reichlich.

Neben „Kindergarten“, „Sauerkraut“ und „Blitzkrieg“ gibt es noch eine ganze Reihe von deutschen Wörtern, die in alle Ecken der Welt ausgewandert sind: Angefangen in den USA („Gesundheit“ statt „bless you“) über Kamerun („banop“ für Bahnhof) und Japan („Arbeito“ für Nebenjob).


Quiz: In welchen Ländern werden diese deutschen Wörter verwendet?

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Angst und Co – made in Germany

Das Wort „Waldsterben“ wurde ins Französische übernommen. Dies ist erstaunlich, weil die Franzosen kaum fremde Wörter annehmen und zudem kein „eigenes“ Waldsterben zu haben glauben. Eigentlich logisch: Da brauchen sie auch kein eigenes Wort. Auch von der „Angst“ hat der Deutsche offensichtlich am meisten. Man spricht in England auch von der „German Angst“. So als hätten wir gerne Angst, Angst vor allem möglichen: Vor Klima, Krieg und der Rente, zur Not auch vorm Waldsterben. Vor allem, was kaputt macht.

Das Wort „kaputt“ kam bei besagtem Schönheits-Wettbewerb übrigens auf Platz 4 und sei hier mit einer kleinen Anekdote bedacht: Der Begriff „nusu kaput“ kommt aus Tansania (einst deutsche Kolonie). „Nusu“ heißt halb und „kaputt“ eben kaputt. „Nusu kaput“ heißt Narkose, also: halb kaputt.

„Geimutlickkeit – aberjetze!“

Wir Deutschen mögen uns nennen, wie wir wollen: „Weltmeister der Herzen“ oder „Wir sind Papst.“ Für die anderen sind wir Oktoberfest, Weltmeister der Biere. Das damit verbundene Lebensgefühl: die Gemütlichkeit (sprich: „Geimutlickkeit“). Sie lebt bei uns auch in Wohnzimmer oder Stammkneipe, im Ausland lebt sie bloß draußen, auf dem Bierfest. Die Deutschen in dieser parallelen Welt trinken Bier aus riesigen Krügen und tragen alle Dirndl oder Lederhosen. Tja, so ist das. –

Ist das so? Wir sollten uns darüber mal Gedanken machen – wie auch über den im Afrikaans verwendeten Begriff „Aberjetze“. „Aberjetze“ steht für „ungeduldiger Deutscher“. Wie auch immer: Die ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, sagte: „Wir können ruhig auch ein wenig stolz darauf sein, dass andere Sprachen unsere Wörter übernehmen und Freude an ihnen haben.“ Sollte es noch Sprachen geben, die keine Freude dran haben? Falls ja, dann aber jetze.

Autorin: Stef Reusch

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht.

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Juli 2019

Kommentare

APD Redaktionsteam
31. Juli 2019

Sehr geehrter Herr Nyström,
vielen Dank für den Hinweis. Schön, dass Sie den Artikel so aufmerksam gelesen haben und Ihnen aufgefallen ist, dass das finnische Wort „kaffeepausi“ womöglich nicht deutscher Herkunft ist. Wir haben uns zugegebenermaßen davon verleiten lassen, dass dieses Wort 2006 vom deutschen Sprachrat zum ausgewanderten Wort des Jahres gekürt wurde und haben somit die tatsächliche Herkunft des Wortes vorher nicht überprüft. Wir hoffen, dass Ihnen der Beitrag dennoch gefallen hat.
Viele Grüße
Ihre Alumniportal Deutschland-Redaktion

Esbjörn Nyström
29. Juli 2019

Sehr geehrte Redaktion,

das erwähnte finnische Substantiv "kaffepaussi" stammt gar nicht aus dem Deutschen. Da mich die obige Behauptung sehr überrascht hat, habe ich mich mit dem Forschungsinstitut für einheimische Sprachen in Helsinki in Verbindung gesetzt. Dort hat man mir bestätigt, dass es sich, wie ich vermutet habe, um eine Entlehnung aus dem Schwedischen handelt, wo die Entsprechung "kaffepaus" lautet. Das ist ohnehin die nächstliegende Erklärung: Schwedisch gehört zu den einheimischen Sprachen Finnlands und steht seit sehr langem und heute noch im regen Kontakt mit der finnischen Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Esbjörn Nyström

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