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„Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ – 200 Jahre Märchen der Brüder Grimm

Es waren einmal zwei Brüder, Jacob und Wilhelm Grimm, die brachten im Jahre 1812 gemeinsam ein Märchenbuch heraus, das sie weltberühmt machte. Zum 200. Jubiläum der Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ im Dezember 2012 widmen sich etliche Kulturveranstaltungen und -projekte den Märchen der Brüder Grimm.

Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) studierten beide Jura. Sie zählten zu den Wortführern der literarischen Romantik in Deutschland und gelten als Mitbegründer der modernen Germanistik. Berühmt aber wurden die beiden Brüder mit ihren „Kinder- und Hausmärchen“. Darin sammelten sie wundersame, schaurig-schöne Geschichten wie die von Rotkäppchen und dem bösen Wolf, Hänsel und Gretel, Dornröschen, Aschenputtel, Rapunzel oder Rumpelstilzchen. Die Handlung der Märchen ist zum Teil relativ brutal: wenn zum Beispiel in „Hänsel und Gretel“ die Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen oder die Hexe im Ofen verbrannt wird. Doch am Ende besiegt das Gute immer das Böse. Die dargestellte Gewalt vermittelt eine Moral, das heißt eine pädagogische Botschaft. Trotzdem wurde immer wieder in Frage gestellt, ob die Märchen tatsächlich für Kinder geeignet sind.

Die literarische Romantik in Deutschland

Während ihrer Studienzeit in Marburg hatte ihr Lehrer, Professor Friedrich Carl von Savigny, großen Einfluss auf Jacob und Wilhelm Grimm.

Durch ihn kamen sie Anfang des 19. Jahrhunderts mit einer Gruppe von Künstlern und Wissenschaftlern in Berührung, die heute als „Heidelberger Romantiker“ bezeichnet werden, da ihre Hauptvertreter, die Schriftsteller Clemens Brentano und Achim von Arnim, zwischen 1804 und 1809 in der Universitätsstadt Heidelberg lebten.

Zu ihrem Kreis gehörten unter anderem Bettina von Arnim, Brentanos Schwester und Achim von Arnims Ehefrau, die Dichterinnen Sophie Mereau und Caroline von Günderode sowie der Hochschullehrer und Publizist Joseph Görres.

Die Heidelberger Romantiker waren im Schnitt etwa zehn Jahre jünger als die Frühromantiker, zu denen neben anderen Ludwig Tieck, die Schlegel-Brüder, Friedrich Schleiermacher und Novalis zählten. Ihren Theorien schloss der Heidelberger Kreis sich an, setzte sich aber kritisch mit den literarischen Texten der Vorgänger auseinander.

Märchen: Literarische Romantik oder „Volkspoesie“?

Die Geschichten waren nicht das Ergebnis der Phantasie der Brüder Grimm, sondern waren bereits existierende Sagen und Legenden, die zum Teil bis ins Mittelalter nachweisbar sind. Die Brüder schöpften aus mündlichen Überlieferungen und aus schriftlichen Quellen und sammelten insgesamt über 200 Texte. „Was die Weise betrifft“, schreiben die Brüder Grimm im Vorwort zu den Kinder- und Hausmärchen, „so ist es uns zuerst auf Treue und Wahrheit angekommen. Wir haben nämlich aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt, keinen Umstand und Zug der Sage selbst verschönert, sondern ihren Inhalt so wiedergegeben, wie wir ihn empfangen haben ...“. Stilistisch haben sie die Texte allerdings verändert und diese „ihrer Idealvorstellung von ‚Volkspoesie‘ gemäß umgeformt“, wie Dr. Bernhard Lauer, Leiter des Brüder Grimm-Museums in Kassel, berichtet.

Brüder Grimm-Museum und Deutsche Märchenstraße

Schon lange gibt es Initiativen wie das Brüder Grimm-Museum. Seine Aufgabe ist es, das literarische Schaffen von Jacob und Wilhelm Grimm zu dokumentieren und auch heute noch nutzbar zu machen. Eine weitere Initiative ist das Projekt der „Deutschen Märchenstraße“, das seit 1975 existiert. Die Märchenstraße erstreckt sich vom hessischen Hanau, dem Geburtsort der Brüder Grimm, bis ins nördliche Bremen zu den „Bremer Stadtmusikanten“. So verbindet die Deutsche Märchenstraße Lebensstationen der Brüder Grimm mit Orten, die bestimmten Märchen zugeschrieben werden und ist ein beliebtes Reiseziel vieler Touristen aus der ganzen Welt.

Bis heute wurden die Kinder- und Hausmärchen nämlich in rund 160 Sprachen übersetzt und 2005 sogar von der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) zum Weltdokumentenerbe erklärt. „Die Einzigartigkeit und globale Wirkung dieser Sammlung geht darauf zurück, dass die Brüder Grimm die deutsche und europäische Bezugswelt überschritten und ein universelles Muster völkerübergreifender Märchenüberlieferung geschaffen haben“, so heißt es in der Erklärung der UNESCO.

Viele der Märchen sind in den letzten Jahren mit bekannten deutschen Schauspielern für das deutsche Fernsehen neu verfilmt worden, zum Beispiel „Frau Holle“.

Brüder Grimm: 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen

Das Jubiläumsjahr 2012 – Grimms Märchen überall

Am 20. Dezember vor 200 Jahren erschien die erste Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen. Unzählige Künstler und Kulturschaffende haben dazu neue Verfilmungen, moderne Nachdichtungen oder Theater- und Ausstellungsprojekte mit den Märchen der Brüder Grimm herausgebracht.

Die bekannte deutsche Schriftstellerin Karen Duve zum Beispiel publizierte im Oktober 2012 eine äußerst bissige Hommage an die Kinder- und Hausmärchen mit dem Titel „Grrrimm“. Die experimentelle italienische Theatergruppe ricci/forte tourt mit ihrer Aufführung „Grimmless“ über die internationalen Theaterfestivals. Darin benutzt eine Gruppe junger Schauspieler die Figuren der Brüder Grimm als eine Art Spiegel der eigenen Lebenswelt. Die Erzählerinnen Gabi Altenbach, Cordula Gerndt und Katharina Ritter präsentierten als „Schwestern Grimm“ in einem Erzählmarathon alle 200 Märchen an einem Abend.

Und auch das Goethe-Institut beteiligte sich an den Feierlichkeiten zu Ehren der Brüder Grimm, unter anderem mit der seit Jahresbeginn 2012 durch Europa, Afrika und Amerika tourenden Ausstellung „Märchenwelten“ oder dem virtuellen Projekt „Grimmland“, einer Internet-Plattform rund um das Werk der Brüder Grimm. Dort findet man zum Beispiel moderne Nachdichtungen einiger Märchen oder Aufsätze von Experten aus verschiedenen Branchen, die Grimms Märchen in ihrer Arbeit benutzen. Damit trägt das Goethe-Institut maßgeblich dazu bei, das erzählerische Erbe der Brüder Grimm zu würdigen und lebendig zu halten – denn wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...

Welche sind wohl die Lieblingsmärchen von Regisseur Wim Wenders oder Unternehmer Wolfgang Porsche? Finden Sie es in Grimmland heraus!

Oktober 2012

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Kommentare

Destiny
1. März 2013

Tip top stuff. I'll expcet more now.

Bahman Bahrami
14. Dezember 2012

Brüder Grimm sind immer für mich sehr deutende Sinnbild, denn meine Doktorarbeit ist genau in diesem Bereich und solle Märchen, Geschichte und mündliche Literatur zwischen einem Stamm in Kurdistan einsammeln.
Danke für interessanten Artikel.

Elena_Klokova
6. November 2012

Der erste Autor von Schneewittchen und anderer deutschen Volksmaerchen war der andere Grimm u.z. Albert Ludwig Grimm. Er veroeffentlichte Volksmaerchen FUER KINDER im Jahre 1808 (!).MAn hat ihn leider vergessen. Unterstuetzen Sie bitte mein Projekt www.algrimm.ru

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