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Karl Kraus und "Die Fackel" – ein Kampf für die deutsche Sprache

Als bedeutender österreichischer Publizist und legendärer Schriftsteller seiner Zeit war Karl Kraus ein Mann mit vielen Facetten: Satiriker, Lyriker, Schriftsteller, Förderer junger Autoren, bekennender Kritiker der Presse. Der jüdische Dramatiker hat zeitlebens polarisiert.

 

 

 

Karl Kraus' in der Zeitschrift "Die Fackel" veröffentlichte Kritik an Gesellschaft und Journalismus und sein Kampf zur Rettung der deutschen Sprache waren radikal und provokant.

Karl Kraus lebte im Wien des frühen 20. Jahrhunderts. Er war Zeitgenosse vieler berühmter Männer, wie Siegmund Freud, Gustav Klimt oder Gustav Mahler. Er trug einen ziemlich gewöhnlichen Namen, der Mensch Karl Kraus war jedoch alles andere  als "gewöhnlich". Heute würde man ihn vermutlich als "Kritiker" bezeichnen. Anders als andere Kritiker beschränkte er sein Tun aber nicht auf Literatur, Theater oder Musik. Er war ein universeller Kritiker. Er betrachtete die Wiener Gesellschaft ebenso kritisch, wie Kunst, Journalismus, Politik und Wissenschaft seiner Zeit. Das alles verbindende Element seiner Arbeit war für ihn die Deutsche Sprache, der gedankenlose Umgang mit ihr, die Wurzel des Übels.

Karl Kraus und die Macht der Sprache

Karl Kraus war besessen von Sprache. Jedes kleinste Detail, ein vergessenes Komma, ein überflüssiger Bindestrich hatte für ihn das Potenzial, Gesellschaft und Politik entscheidend beeinflussen zu können.

Das muss uns heute völlig überzogen erscheinen. Wir messen eine Gesellschaft vor allem an der Möglichkeit, sich frei äußern zu können. Wir betrachten die freie Meinungsäußerung als Grundrecht, der Inhalt kommt erst danach. Gerade das Internet bietet vielen die Möglichkeit, sich zu äußern – unabhängig davon, ob sie etwas zu sagen haben oder nicht.

Würde Karl Kraus heute leben, wäre er vermutlich er glühender Gegner dieser Entwicklung und der mit ihr verbundenen, oft ebenso beliebigen, wie belanglosen Kommunikation mit Hilfe der modernen Medien.

Sprache macht Gedanken

Seinen eigenen Zeitgenossen warf Karl Kraus vor, die Sprache als beherrschbares Mittel zu verstehen, statt als Zweck, dem es zu dienen gilt. Sein Kernsatz lautet: Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn in ein Wort kleidet. Er versteht nicht, dass in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.

Dieser 100 Jahre alte Satz hat bis heute nichts von seiner Radikalität verloren. Er bedeutet, dass es nicht auf die Absicht ankommt, nicht einmal darauf, was man sagt, sondern einzig darauf, wie man es sagt.

Oscar Wilde, auf den Karl Kraus sich immer wieder bezog, formuliert es so: "Erst die Form haucht dem Gedanken Leben ein ... Die schlechtesten Werke werden in guter Absicht geschrieben".

Bei Karl Kraus klingt das ähnlich. "Wer der Sprache nichts vergibt, vergibt nichts der Sache." Auf dieser Basis hat Karl Kraus sein Leben lang penibel seziert, was seine Zeitgenossen veröffentlicht haben. Er hat dabei auf nichts und niemanden Rücksicht genommen. Persönliche Freundschaften, gesellschaftliches Ansehen, politische Richtungen - nichts schützte vor seinen manchmal vernichtenden Kommentaren.

Um ganz und gar unabhängig von jeder Einflussnahme zu sein, gründet Karl Kraus seine eigene Zeitschrift, "Die Fackel". Er war Besitzer, Herausgeber und nach 1919 auch alleiniger Redakteur und Autor. Nicht zuletzt diese Unabhängigkeit machte Karl Kraus zu einer herausragenden, publizistischen Größe seiner Zeit. "Die Fackel" ist mit 415 Ausgaben auf 23.000 Seiten ein großer Erfolg geworden – das oft aufgeregte Echo auf jede neue Ausgabe ist ein Beweis dafür, dass Kraus mit seinen Beiträgen den Nerv der Zeit getroffen hat.

Karl Kraus: "Die Fackel" – Satire am Nerv der Zeit

Das 19. Jahrhundert war eine Epoche, in der viele satirische Zeitschriften gegründet wurden, etwa in Frankreich "Le Charivari" (1832-1937) und in England "Punch" (1841-2002). Diese waren Vorbilder für deutschsprachige satirische Magazine, so auch für Karl Kraus‘ "Die Fackel" (1899-1936).

Markenzeichen der Fackel war ihr charakteristischer roter Umschlag und die Titelzeichnung einer brennenden Fackel vor der Silhouette Wiens. Kraus selbst nannte seine Zeitschrift eine "politisch-satirische Zeitschrift", die auf polemische Weise Doppelmoral und Korruptheit von Justiz, Presse und Gesellschaft anprangerte. Er nahm dabei kein Blatt vor den Mund, sah in seinem Magazin eine Art unabhängiges Gericht.

Sprache als Waffe

Was immer ihm missfiel, machte er zum Inhalt seiner kultur- und gesellschaftskritischen Zeitschrift. Er tat das auf eine Art, die man so damals noch nicht kannte. Er zerlegte jede Aussage bis ins Kleinste, stellte mit großer Intelligenz jede Ungenauigkeit und jeden Widerspruch bloß.

Für seine Anhänger war der Publizist Karl Kraus eine faszinierende und universelle Autorität, seine unzähligen Feinde sahen in ihm einen verbitterten, selbstverliebten Menschenhasser. Die Liste der Kraus-Gegner war lang, Besonders die etablierte Presse führte einen erbitterten Kampf gegen ihn. Kraus war nämlich ein scharfer Kritiker des zeitgenössischen Journalismus, den er abfällig "Journaille" nannte.

Karl Kraus' Kampf gegen die Allmacht der Presse

Er machte der Presse zum Vorwurf, Sprache zur Manipulation des Volkes zu benutzen und sich gleichzeitig über das Volk zu stellen. "Am Anfang war die Presse und dann erschien die Welt […]", so beschreibt er die Macht und das Selbstverständnis des Journalismus. Alles sei der Kritik durch die Presse ausgesetzt, nur nicht die Presse selbst. Vieles von dem was Karl Kraus geschrieben hat, um dieses Gesetz zu brechen, ist bis heute hochaktuell.

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Sprüche und Aphorismen von Karl Kraus

Im Internet finden sich unzählige Sprüche und Aphorismen von Karl Kraus. Hier eine kleine Auswahl:

  • Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können: Das macht den Journalisten.
  • Wo nehm ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen
  • Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.
  • Was zugunsten des Staates begonnen wird, geht oft zuungunsten der Welt aus.
  • Künstler ist nur einer, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann
  • Der Übermensch ist ein verfrühtes Ideal, das den Menschen voraussetzt.
  • Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens
  • Sprich Worte der Liebe und sie werden die Sehnsucht schaffen, aus der sie der Meinung der Welt nach entspringen

September 2011

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Kommentare

Lutz Jahoda
20. Januar 2017

In meinem Buch "UP & DOWN - Nervenstark durch ein verhunztes Jahrhundert", Edition Lithaus, Berlin, erwähne ich die Druckerei Jahoda, die eine Zeit lang
Karl Kraus´ Schriften betreute, und würdige auch die Soziologin Marie Jahoda, die dieser Wiener Druckhaus-Dynastie entstammt und nach London emigrierte.

Pavel34
4. Dezember 2011

hoechst intressant

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