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Leipziger Buchmesse: Tschechien Ahoj!

Tschechien ist in diesem Jahr das Gastland der Leipziger Buchmesse. 60 tschechische Autorinnen und Autoren präsentieren ab dem 21. März dort ihre neuesten Romane. Wir stellen vier von ihnen vor.

Die Prager Burg scheint fest in chinesischer Hand. Touristen aus Fernost, wohin man schaut. Hier ein Gruppenbild vor altem Gemäuer, dort ein Selfie mit uniformierten Wachen im Hintergrund. Prag, die schöne Tausendjährige, ein Sehnsuchtsort für Touristen aus aller Welt: Verschlungene Gassen, unzählige Kuppeln und Türme. Und die Moldau, überspannt von prächtigen Brücken. Die Tristesse aus der Zeit des Sozialismus ist längst Vergangenheit, das Grau der Fassaden übertüncht. Tereza Semotamová lebt hier - und beobachtet das quirlige Treiben in der tschechischen Metropole mit amüsiertem Abstand: „Die Stadt ist eine halbierte Pflaume in Zuckersirup, ihr Fruchtfleisch ist gut durchblutet und reichlich mit Nährstoffen versorgt. Eine süße Frucht, zum Reinbeißen“, so beginnt ihr Roman „Im Schrank“. „Ich fühle mich eher wie eine bittere Frucht, zum Wegschmeißen. Aber ich kann mich selbst nur schwer wegwerfen. Fallobst.“

Ihren Lebensunterhalt verdient Tereza Semotamová als Übersetzerin. „Im Schrank“ ist ihr erster Roman. Eine Geschichte über eine junge Frau, die zu oft vergeblich versucht hat, sich anzupassen, die verletzt und enttäuscht wurde und schließlich einen radikalen Entschluss fasst: Sie zieht in einen Schrank! In ein ausgedientes Möbel, aufgestellt in einem Hinterhof. Sie könnte bei der Schwester wohnen, bei einer Freundin, aber sie mag nicht, will sich nicht mit anderen, sondern nur mit sich beschäftigen. Und so bietet das Interims-Quartier Schrank ein bisschen Freiheit im Provisorium. Das wiederum ist Folge einer Verlorenheit, die es so vielleicht nur in der erfolgs- und konsumorientierten westlichen Welt gibt. Eine absurd ehrliche Geschichte, erzählt mit beiläufiger Selbstverständlichkeit.

Von Freiheiten und Unfreiheiten

Eine Konstante im Leben der jungen Protagonistin ist ein freundlicher Vietnamese. Sie darf die Toilette in seinem Laden benutzen, bekommt dort ein Lächeln und etwas zu essen. Ein banales Detail, könnte man meinen. Tatsächlich aber ist es mehr, ein Bekenntnis zu Multikulti - in einem Land, dessen Politiker die große vietnamesische Minderheit in Tschechien gerne pauschal diskreditieren. Politiker, die 2015, als hunderttausende Flüchtlinge nach Europa drängten, keine 200 ins Land ließen.

Das Thema Flüchtlinge, sagt Tereza Semotamová (geb. 1983) sei für ihre Generation sehr schmerzhaft. „Wenn man hört, Tschechien habe sich geweigert... Also, ich habe mich nicht geweigert. Die Regierung weigert sich. Ich selbst habe Flüchtlingen geholfen, ich bin nach Ungarn gefahren und habe mir das alles gründlich angeschaut und mir selbst eine Meinung dazu gebildet.“

Natürlich, sagt Tereza Semotamová, schätzen die Menschen in Tschechien die materielle Seite der Freiheit, die Möglichkeit zu reisen. Trotzdem ändere sich das Denken vieler nur langsam. Immer noch gebe es Menschen, die Mauern im Kopf hätten und einen unsicheren Umgang mit der Freiheit. Ob ihr das Sorgen bereitet? Keineswegs. „Ich finde, die Menschen sehen die Sachen, auch wenn die vielleicht einen schlechten Politiker wählen. Dann läuft die Zeit und die merken: Okay, vielleicht war der nicht so toll. Und das ist auch eine Entwicklung. Manchmal muss man Sachen probieren, bis man sieht: Okay, dieser Apfel war doch faul. Sollte ich nicht kaufen.“

Ein gespaltenes Land

Der Burgberg ist Prags Wahrzeichen und Residenz des Staatspräsidenten. Der amtierende heißt Milos Zeman und spaltet das Land. Sein Kurs ist pro-chinesisch, und er ist davon überzeugt, dass der Krieg in der Ukraine ein echter Bürgerkrieg ist. Den Flüchtlingsstrom 2015 hat er als „organisierte Invasion“ bezeichnet.

Dass Milos Zeman direkt gewählt wurde, hat Jachym Topol schockiert. Er selbst hat immer für ein wirklich freies Tschechien gekämpft, vor 1989 und danach - als Schriftsteller, Journalist und seit 2011 auch als Programmdirektor der Václav Havel Bibliothek. Die gegenwärtige politische Situation im Land kommt ihm vor, „als ob die Geschichte ein großes Pendel wäre. Bei Havel war das auf einer sehr extremen Seite. Jetzt sind wir ganz unten. Aber ich hoffe, dass wir wieder auf die andere Seite kommen.“

Havels Erbe

Václav Havel war der letzte Präsident der Tschechoslowakei und der erste Tschechiens nach der Lösung von der Slowakei 1993. Havel, der frühere Regimekritiker, ein gefeierter Dichter, eine moralische Instanz. Er selbst hat Jachym Topol kurz vor seinem Tod im Dezember 2011 in die nach ihm benannte Bibliothek geholt. Topol ist geblieben, kuratiert im Sinne Havels ein weltoffenes und kritisches Kulturprogramm - und schreibt weiter wilde, ganz und gar ungewöhnliche Romane. Der neueste, „Ein empfindsamer Mensch“, startet als schräges Roadmovie einer Künstlerfamilie - von Westeuropa bis in die Ukraine -, nistet sich aber bald als Groteske in der tschechischen Provinz ein. Dort ist der Ton rau und die Armut beißend, es ist nicht schön, aber zwischen Straßenbordellen, Schrottplätzen und Kneipen immerhin lustig. Jachym Topol wurde für diesen Roman vom früheren Staatspräsidenten Václav Klaus öffentlich gescholten, so dürfe man nicht über sein Land schreiben, von „Arroganz“ und „Volksferne“ war die Rede. Kurz darauf erhielt Topol für den Roman den Tschechischen Staatspreis. Die Reaktion der Liberalen im Land?

Prag boomt, zählt zu den zehn reichsten Regionen Europas. Dass hier mal für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz gekämpft wurde - kaum vorstellbar. Eher schon, dass der Schriftsteller Franz Kafka durch die Gassen der Stadt spaziert ist. Anfang des 20. Jahrhunderts, als Prag ein Zentrum für Künstler und Literaten tschechischer und deutscher Sprache war. Damals, als die Stadt noch zum Habsburgerreich gehörte und Hauptstadt des Königreichs Böhmen war.

Überlagerte Geschichte

„Es ist ja wunderschön alles, alles so schön, so malerisch schön!“, schwärmt der Autor Jaroslav Rudis und verdreht die Augen. „Aber darunter, in diesen Schichten, ja, da sind einige Gräber, einige Leichen, die übereinander liegen. Und auch mit diesen Leichen, mit diesen Geistern, müssen wir hier leben.“

Jaroslav Rudis hat Geschichte studiert. Wenn man als Tscheche Geschichte studiert, müsse man Deutsch können, sagt er. Sonst hätte er auch nicht recherchieren können für seinen wunderbaren Roman „Winterbergs letzte Reise“, eine mitreißende, zum Heulen komische Liebeserklärung an die Eisenbahn, das Leben und an Mitteleuropa - geschrieben auf Deutsch. Gemeinsam mit seinem melancholischen Krankenpfleger Kraus reist der 99-jährige Winterberg in die Vergangenheit, mit einem detailversessenen Reiseführer aus dem Jahr 1913 als Logbuch und immer tiefer hinein auch in die eigene Geschichte. Und dabei doziert er, dass Kraus die Ohren nur so klingen, mäandert durch die Zeitläufte und bringt dabei die Vergangenheit zum Leuchten, dass es bei aller Melancholie ein herrliches Vergnügen ist. Und am Ende versöhnt er sich sogar mit sich selbst.

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Schuld und Sühne

Gute drei Eisenbahnstunden von Prag entfernt, in Brno, hat es auch eine Versöhnung mit der Vergangenheit gegeben. Auf den Weg gebracht von Katerina Tucková - mit ihrem Buch „Gerta. Das deutsche Mädchen.“ Im 19. Jahrhundert hieß Brno noch Brünn und galt als „Mährisches Manchester“. 120.000 Einwohner hatte die Stadt 1910, 80.000 gaben Deutsch als Muttersprache an, der Rest waren Tschechen. Man lebte friedlich zusammen - bis die Nazis einmarschierten. Rund 11.000 Brünner Juden fielen ihnen zum Opfer, zahllose Oppositionelle wurden gefoltert und hingerichtet.

Die Schriftstellerin Katerina Tucková wurde 1980 in der Stadt geboren und wusste noch als Studentin nichts über die deutsche Vergangenheit von Brno. Auf dem Weg zu ihrer ersten eigenen Wohnung kam sie dann regelmäßig an einem Schriftzug an einer alten Fassade vorbei: „Mährische Glas- und Spiegelindustrie“. Was das wohl bedeutete? Katerina Tucková begann zu recherchieren - und stieß auf ein Tabu: 1945 wurden fast alle Deutschen - knapp drei Millionen Menschen - gewaltsam aus der Tschechoslowakei abgeschoben, eine Vergeltung für die Verbrechen der Nationalsozialisten. In Brno ging man besonders brutal vor. Bei einem Todesmarsch Richtung österreichische Grenze kamen unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen 2000 und mehr als 5000 Menschen ums Leben: Alte, Frauen, Kranke und Kinder. Mit einigen Überlebenden konnte Katerina Tucková sprechen. Ihnen habe sie es zu verdanken, dass sie die tschechische Geschichte plötzlich aus einer völlig anderen Perspektive sehen konnte. „Und so habe ich auch herausgefunden, dass es während unserer Schulzeit, und ich spreche von der Schulzeit aller Kinder in Tschechien, einen blinden Fleck gab, der nicht diskutiert wurde, der tabu war.“ Deshalb musste sie darüber schreiben. Herausgekommen ist ein faktenreicher, bewegender Roman, der in Tschechien schnell zum Medienereignis wurde. Seit 1995 wird in Brno an die Opfer des Todesmarsches erinnert, 2015 folgten öffentliche Entschuldigungen. Nun liegt ''Gerta. Das deutsche Mädchen” endlich auf Deutsch vor. Eine unbequeme Lektüre. Und lesenswert - wie so viele Entdeckungen aus Tschechien.

Autorin: Silke Bartlick

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von der Deutschen Welle veröffentlicht.

März 2019

Kommentare

Agnė Sarapinaitė
30. März 2019

Sehr

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