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Der deutsche Humorist Loriot und die Schwierigkeiten der Kommunikation

Ein Beispiel, wie schwierig und unsinnig Kommunikation werden kann, wenn sie parallel anstatt miteinander geführt wird, zeigt Loriots Sketch „Der Astronaut“: In einer Rundfunksendung möchte der Moderator ein Interview mit einem amerikanischen Astronauten führen. Bereits nach den ersten Sätzen in  holprigem Englisch stellt sich heraus, dass der Herr weder Amerikaner noch Astronaut ist; er ist Deutscher und von Beruf Verwaltungsangestellter.Doch anstatt abzubrechen, zieht der Interviewer stur seinen Fragenkatalog durch. Auf die Frage „Was war die größte Höhe, der Sie bislang ausgesetzt waren?“ antwortet der Verwaltungsangestellte „Unsere Büros liegen im fünften Stock.“ Darauf der Interviewer: „Und hatten Sie nie Angst, dass Sie von dort nicht mehr zurückkehren könnten?“ Die Fragen an sich sind korrekt, die Antworten auch, nur passen sie leider nicht zusammen. Das ganze Interview wird immer unsinniger – und trotzdem bis zum Ende fortgesetzt.

Wie Loriot die Würde bewahrt

Noch komplizierter wird es, wenn bei der Kommunikation Emotionen im Spiel sind. Ob ein Aufklärungsgespräch von Vater zu Sohn, ein verpatzter Heiratsantrag oder ein misslungenes Schäferstündchen auf der "Auslegeware" (dieses Synonym für „Teppich“ ist zu Recht eines von Loriots Lieblingsworten) – es wird um Worte gerungen und aneinander vorbeigeredet, dass es eine wahre Freude ist. Das Ganze bleibt natürlich immer höflich und korrekt; die schlimmste verbale Entgleisung, die sich ein von Loriot gespielter Charakter je geleistet hat, war ein genuscheltes „Du fette Schnecke“, und das auch nur in betrunkenem Zustand. Es macht viel Spaß, diese emotionalen Bruchlandungen zu verfolgen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es bei dem Humoristen keine Verlierer gibt. Auch wenn die Situation auch noch so kompliziert ist, am Ende gehen die beteiligten Personen stets mit einer gewissen Würde vom Platz.

Loriot, der Liebling der Deutschlehrer

Längst wird Loriot auch vom bekannten Reclam-Verlag publiziert, und das heißt so viel wie: Loriot steht an den Schulen auf dem Lehrplan. Und das nicht nur in Deutschland, denn das Goethe-Institut trägt die Worte des deutschen Humoristen zusammen mit denen Goethes in alle Welt. Loriots Werke sind prädestiniert für den Deutschunterricht im Ausland. An keinen anderen Texten kann man besser zeigen, dass sich intelligenter Witz, korrekte Umgangsformen und gute Grammatik keinesfalls ausschließen. Das hat zwar auch schon Goethe bewiesen, aber Loriot ist doch etwas moderner. Vicco von Bülow, so Loriots bürgerlicher Name, hat es dem Institut gedankt, indem er sich persönlich dafür eingesetzt hat, dass die Bibliotheken des Institutes die Verleihrechte für „Loriots gesammelte Werke aus Film und Fernsehen“ bekommen haben.

Warum ist Loriot komisch?

Die Frage, was denn nun an Loriot so komisch ist, ist nicht ganz leicht zu beantworten. Manche Menschen sind nicht in der Lage, einen Sketch von ihm zu beschreiben, weil es sie vorher schon vor Lachen schüttelt. Loriot zeigt Durchschnittsmenschen, die mit einer scheinbar alltäglichen Situation überfordert sind. Loriots Figuren sind normal, auch ihre Texte, man glaubt, die Person zu kennen. Die Charaktere sind ständig erfolglos bemüht, in einer Welt zu bestehen, die irgendwie nie so funktioniert, wie gedacht. Es ist die gescheiterte Kommunikation, das konsequente Aneinander-Vorbei-Reden, was Loriots Arbeit so unverwechselbar macht. Loriot zeigt, dass zu erfolgreicher Kommunikation mehr gehört als das Senden einer verbalen Botschaft. Das Umfeld, die Gesprächspartner, die Gesamtsituation müssen auch stimmen. Kleinste Abweichungen lassen unsere Kommunikation dramatisch scheitern und jede alltägliche Situation komisch werden. Loriots Humor kommt dabei ganz ohne Schadenfreude aus. Präzision und Timing ersetzten derbe Sprüche und plumpe Effekte.

Autorin: Birgit Stelzer

Loriot

Bernhard-Victor Christoph Carl von Bülow, genannt Vicco von Bülow, Künstlername Loriot, deutscher  Humorist, Zeichner, Schauspieler, Regisseur, Bühnenbildner (1923-2011).

Dezember 2011

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Kommentare

Gracelynn
24. Oktober 2012

That's an apt answer to an interesting qutseion

MariekeGillessen
11. September 2012

Loriot hat uns Deutschen mit seinen Sketchen immer wieder einen Spiegel vorgehalten und auf zahlreiche Macken und Eigenheiten aufmerksam gemacht, ohne dass man sich deswegen ins Lächerliche gezogen fühlte. Das macht sie zu idealen Illustrationen, wenn man jemandem aus einem anderen Land "die Deutschen" näher bringen möchte. Gelegentlich gebe ich Dr. Müller-Lüdenscheidt, Herrn Klöbner und dessen Badeente als Beispiel. Die formelle Höflichkeit (selbst im größten Streit bewahren sie das "Sie") wird völlig ad absurdum geführt und meine Seminarteilnehmer sitzen jedes Mal staunend davor.

Bourahima Zongo
1. Juni 2012

ja eben. ich arbeite gerade mit Comics, Bildergeschichten im unterricht und neben vater und Sohn benutze ich die Werke von Loriot. Sehr Kommunikative Themen hatte er. Alltägliche Themen... jeder fühlt sich irgendwie betroffen von der Situation...

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