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Paradiesische Zustände

Gerasimos Bekas ist live beim „Angärtnern“ in Berlin dabei. Statt hinter Sichtschutz und Zaun zu verschwinden, pflanzen und graben die Berliner gemeinsam.

Berlin blüht. Der Frühling macht sich endlich breit. Langsamer als erhofft und unterbrochen von kalten, grauen Tagen, die einen dazu auffordern, im Bett zu bleiben, die Heizung aufzudrehen und einfach zu schlafen. Auch die Zugvögel kommen zurück in die deutsche Hauptstadt, die endlich wieder etwas grüner wird. Die Berliner lassen sich vom wechselhaften Wetter nicht beirren, „Angärtnern“ ist angesagt.

Zufluchtsort „Balkonien“

Die Berliner putzen ihre Balkone und kaufen Saatgut für Kräuter, Blumen und Gemüse ein. Während in den meisten Metropolen der Welt Balkone als Abstellfläche für Klimaanlagen und Wäscheständer genutzt werden, bieten sie hier als „Balkonien“ einen Zufluchtsort, der liebevoll gestaltet wird und für spontane Urlaubsmomente bereit steht. Außerdem dient er für die Selbstversorgung mit Kräutern, Erdbeeren oder Tomaten. Meinem Basilikum ist es noch etwas zu kalt und auch die Himbeeren trauen dem Sonnenschein noch nicht so recht. Ich gehe raus und schaue, ob der Rest Berlins mehr Glück hat.

Gemeinschaftsgärten in der Hauptstadt

Wer keinen Balkon hat oder nicht allein pflanzen will kann sich nämlich einen Gemeinschaftsgarten in seiner Nachbarschaft suchen. In allen Ecken Berlins gibt es gemeinschaftlich betriebene Gärten, zum Beispiel das Himmelbeet im Wedding oder den Prinzessinnengarten in Kreuzberg oder den Karma Kultur Gemeinschaftsgarten in Neukölln.

Honig aus Berlin

Diese Gärten werden nicht nur genutzt, um Obst und Gemüse anzubauen, sie sind auch Treffpunkte für kleine Konzerte oder Filmvorführungen, Yogagruppen oder Lesekreise. Auch Hobby-Imker trifft man dort. Ich habe zwar keinen grünen Daumen, aber einen wichtigen Auftrag, also bin ich dabei, grabe Beete um und lerne von Imker Florian einiges über vom Aussterben bedrohte Kulturpflanzen und den Berliner Honig.

Meiner Freundin Funda, die eigentlich von einem Ferienhaus an der Atlantikküste träumt, reicht der Gemeinschaftsgarten nicht. Sie hat sich eine Parzelle in einer Kleingartensiedlung besorgt, dort ein Planschbecken und einen Grill aufgestellt und freut sich auf den Sommer.

Kleingartenidyll lockt auch Neu-Berliner

Funda hatte Glück, es ist gar nicht so leicht in eine Kleingartensiedlung hinein zu kommen. Die Wartelisten sind lang und in den letzten Jahren versuchen nicht nur Klaus und Renate, sondern auch Özgür oder Enrique einen zu bekommen. Das Symbol Alt-Berliner Gemütlichkeit zieht auch Zugezogene und Neu-Berliner an. Ich mache es mir erstmal im Liegestuhl bequem, lausche den Vögeln und hoffe von der Gartenkunst meiner Freundinnen und Freunde zu profitieren.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Autor: Gerasimos Bekas lebt als Autor in Berlin. Er schreibt Theaterstücke, lange Geschichten – sein Debütroman „Alle Guten waren tot“ erschien im November 2018 – und kurze Tweets: auf Twitter als @derbekas.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Juni 2019

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