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Integration am Gartenzaun: Deutsche Kleingärten werden international

Gartenzwerge, Tomatenbeete und akkurate Rasenflächen – das verbindet man allgemein mit typisch deutschen Kleingärten. Seit einiger Zeit öffnen sich die Kleingärtnervereine immer mehr für Interessenten aus anderen Nationen und bieten damit im Schrebergarten neue Möglichkeiten der Integration. Manchmal stellen sich die alten und neuen Gartenfreunde allerdings auch gegenseitig vor unerwartete Herausforderungen.

Man kennt die Bilder: Lustige Gartenzwerge lachen uns aus gejäteten Blumenbeeten an und die Bohnen- und Tomatenpflanzen stehen ordentlich in Reih und Glied. Der Kleingarten wurde in Deutschland lange als Paradies für Spießbürger angesehen, in dem sogar noch die Farbe der Vorhänge in den Gartenlauben vorgeschrieben war. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich allerhand geändert in deutschen Schrebergärten. Die Pächter werden immer jünger und auch der Anteil an Migranten in Kleingärtnervereinen nimmt zu – was manchmal zu Problemen führen kann.

Der typisch deutsche Schrebergarten

Auch unter dem Namen „Schrebergarten“ bekannt, sind Kleingärten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil vieler deutscher Städte. Im Zeitalter der Industrialisierung stiegen die Einwohnerzahlen der Städte sprunghaft an, und viele ihrer Bewohner waren sehr arm. Die Kleingärten boten ihnen eine Möglichkeit, Gemüse und Obst zum eigenen Verbrauch anzupflanzen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg halfen die Kleingärten dabei, die Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen.

Seitdem es den Deutschen wirtschaftlich besser geht und die wenigsten auf die Kleingärten zur Verbesserung ihrer Ernährung angewiesen sind, werden sie meist von Hobbygärtnern betrieben. Sie suchen neben ihrer Stadtwohnung einen Ort, an dem sie die Natur genießen können. Sie verbringen die Wochenenden und die Ferien in ihrem Schrebergarten, gestalten ihre Blumen- und Gemüsebeete und schmücken ihre Gartenlauben. Um die Aktivitäten in den Gartenanlagen zu regeln, wurden Kleingärtnervereine gegründet. Diese Vereine und ihre – zumeist älteren – Mitglieder wurden im Deutschland der 70er und 80er Jahre als eher spießig wahrgenommen. Das Wort „Schrebergartenmentalität“ bezeichnete eine beschränkte und ausgrenzende Geisteshaltung.

Moritz Schreber

Der Leipziger Arzt Dr. Moritz Schreber (1808-1861) ist nicht, wie man meinen könnte, der Erfinder des nach ihm benannten Schrebergartens. Sein Hauptinteresse galt der Gesundheit von Kindern, die er durch Gymnastik und teilweise drastische orthopädische Hilfsmittel (zum Beispiel einen „Geradhalter“ für das aufrechte Sitzen) zu fördern versuchte. Er gründete den 1. Leipziger Turnverein und forderte städtische Grünflächen, auf denen Kinder (streng nach seiner Methode) turnen sollten.

Nach seinem Tod benannte sein Weggefährte Dr. Ernst Hauschild einen solchen Platz „Schreberplatz“, und in der Folge wurden die Beete für Kinder, die an den Rändern der Sportplätze entstanden waren, zu „Schrebergärten“.

Kleingärten als Orte der Integration

In den letzten Jahren hat sich dieses Bild jedoch gewandelt. Die Kleingärtnervereine haben inzwischen sehr verschiedene Mitglieder. Vor allem Migranten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und aus Südosteuropa versorgen sich gerne selbst mit Obst und Gemüse und arbeiten gerne in ihren Gärten. Auch deutsche Familien mit kleinen Kindern findet man immer häufiger unter den Pächtern. Über den Gartenzaun hinweg werden Tipps zur Schädlingsbekämpfung und für bessere Ernteerträge ausgetauscht, die Kinder spielen miteinander und es scheint, als sehe man hier ein Beispiel für gelungene Integration.

Aber ganz so unproblematisch ist es natürlich nicht: In deutschen Kleingärten treffen mittlerweile Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen aufeinander. Dabei können durchaus Konflikte entstehen. Eine Studie, die unter anderem im Auftrag der Stadt Hannover durchgeführt wurde, zeigte, dass zwar insgesamt das Zusammenleben der Nationen in den dortigen Kleingärtnervereinen als positiv bewertet wurde. Aber die verschiedenen Menschen haben auch unterschiedliche Erwartungen. Die deutschen Pächter beklagen, dass ihre internationalen Nachbarn sich nur wenig am Vereinsleben beteiligen. Sie bemängeln auch, dass sie nur sehr selten Vorstandsämter übernehmen und sich eher mit ihren eigenen Freunden in ihrem Schrebergarten treffen als mit den deutschen Vereinsmitgliedern im Vereinshaus. Außerdem gibt es unterschiedliche Vorstellungen über Ruhezeiten, einen akzeptablen Lärmpegel sowie das Befolgen der Gartenordnung.

„Migranten-Quote“ in Kleingärten

Ein Kleingartenverein aus Norddeutschland ging schließlich so weit, seine Mitglieder zu fragen, ob man nicht eine „Migranten-Quote“ einführen solle: also die Anzahl der ausländischen Mitbürger in der Anlage zu begrenzen. Dieses Verfahren rief jedoch den Oberbürgermeister und den Landesverband der Kleingärtner auf den Plan. Sie forderten den Vorstand des Vereins auf, von der Anfrage und der Quote Abstand zu nehmen. Der Verein hat mittlerweile diverse Entschuldigungsbriefe geschrieben und sieht sein Vorgehen als Fehler an. So ärgerlich eine solche Initiative auch ist, so ist es doch beruhigend zu sehen, dass die deutsche Zivilgesellschaft schnell und entschieden reagiert und den Verantwortlichen zeigt, dass solche Verfahren nicht akzeptiert werden.

Für wie wichtig Soziologen, Politiker und Stadtplaner die Entwicklung in deutschen Kleingärten halten, zeigt die Vielzahl von Studien und Umfragen, die Kommunen und Bundesländer beauftragen. Das Potential der Kleingärten für die Integration wird offensichtlich erkannt. Der Raumplaner André Christian Wolf drückte es in einem Vortrag auf dem Bundeskleingärtnerkongress so aus: „Ob und wie schnell diese Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen, hängt entscheidend davon ab, wie sehr sich die Gartenfreunde gesellschaftlichen Veränderungen gegenüber aufgeschlossen zeigen, wie wirkungsvoll sie selbst Veränderungen initiieren können und inwieweit sie sich dabei auch Rat und Unterstützung von anderen Akteuren holen.“

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Aktivitäten in der Community

Auch die Community des Alumniportals Deutschland beschäftigt sich mit dem Thema Kleingärten, vor allem im Zusammenhang mit dem neuen Trend „Urban Gardening“. Schauen Sie doch einmal in die Gruppe „Städte im Wandel“. Dort gibt es die Aufzeichnung eines Beitrags von den Eschborner Fachtagen zum Thema „Transformation gestalten – Die Stadt als globaler Akteur”.

Gibt es in den Großstädten Ihrer Heimat auch solche Kleingärten? Und glauben Sie, dass diese zur Integration verschiedener Nationen beitragen können? Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dem neuen Trend, als Großstädter einen Schrebergarten zu pachten? Diskutieren Sie mit uns und anderen Alumni in der Community-Gruppe „Städte im Wandel“.

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Autorin: Elena Krüskemper

November 2012

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