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Migranten in der deutschen Kulturszene – vom Gastarbeiter zum Vorbild

Der Film Almanya – Willkommen in Deutschland ist nicht nur eine tolle Komödie über ein viel zu wenig bekanntes Stück Deutschland. Er ist auch nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die Kinder und Enkel der Einwanderer eine Menge zu diesem Land beitragen.

Zwischen den Stühlen sitzt man meist am Rand. Das erfährt der sechsjährige Cenk Yilmaz beim Fußball. Weder die deutsche, noch die türkische Mannschaft wählt ihn aus. Dabei könnte Cenk für beide spielen: Die Mutter ist Deutsche, der Vater Türke. Cenks Mitschüler sehen das anders. Für sie ist er weder das eine noch das andere. Cenk beginnt zu grübeln: Was bin ich eigentlich? Seine Cousine tröstet Cenk mit einer Geschichte über ihren Großvater. Der kam in den 60er Jahren als Migrant nach Deutschland ... So beginnt der lustige und sehr erfolgreiche Film Almanya – Willkommen in Deutschland. Ein Film über eine ganz normale türkische Familie in Deutschland. Ein Film über Heimat. Ein Film über die schwierige Suche, wo man hingehört. Und wie es sich anfühlt, wenn man überall ein bisschen fremd ist.

Migranten-Power

Das Drehbuch zu Almanya stammt von Nesrin Samdereli, Regie führte ihre ältere Schwester Yasemin. Die Großeltern der beiden kamen vor vielen Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Ein erfolgreicher und preisgekrönter deutscher Film, eine köstliche Komödie, gemacht von den Nachfahren ehemaliger Gastarbeiter. Unter den jüngeren Leuten erstaunt das niemanden mehr. Seit Jahren erobern Migranten, mehr noch deren Kinder und Enkel, einflussreiche Plätze in der deutschen Gesellschaft. Ob Politik, Wirtschaft, Sport oder Kultur. Wo man auch hinsieht, Migranten sind längst da. Nicht mehr nur als befristete und nur geduldete Gastarbeiter – sondern als Teil der Gesellschaft, als Vorbilder und Idole deutscher Jugendlicher.

Im viel gepriesenen Multikulti-Team der deutschen Fußballnationalmannschaft glänzen Spieler wie Özil, Khedira, Gómez und Boateng. Stars sind auch die Schauspielerin Jasmin Tabatabai mit iranischen Wurzeln, Filmemacher Fatih Akin und TV-Moderatorin Nazan Eckes mit türkischen Wurzeln. Ebenso die multikulturellen HipHopper Culcha Candela, der Rapper Bushido mit tunesischem Vater und der Schriftsteller Rafik Schami aus Syrien. Sie alle leisten einen Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft, werben bewusst oder unbewusst für Toleranz und Verständigung – ganz im Gegensatz zu einfältigen Hetzpamphleten à la Deutschland schafft sich ab. „Die meisten (Migranten) ... sind längst dabei, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, wie in jeder anderen Generation seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und auch lange davor.“ sagt Mo Asumang, deutsche Schauspielerin und Moderatorin mit ghanaischem Vater. „Ich kann dazu nur sagen: Deutschland kreiert sich neu.“

Historische Anspielung

Im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland steht ein Zündapp-Moped Sport Combinette. Weder Marke noch Modell machen dieses Motorrad museumswürdig. Es steht für ein historisches Ereignis. Der Portugiese Armando Rodrigues de Sá bekam das Motorrad 1964 geschenkt, als millionster Gastarbeiter in der Bundesrepublik Deutschland. Das Foto dieser Moped-Übergabe findet man in vielen Geschichtsbüchern. Die Samdereli-Schwestern haben dieses Ereignis aufgegriffen. Einmal in ihrem Film Almanya und einmal außerhalb: Als Mitte Mai 2011 das 1.000.001 Kino-Ticket für Almanya verkauft wurde, bekam die auserwählte Besucherin von den Samderelis eine Vespa überreicht. Vielleicht steht diese Vespa eines Tages auch im Haus der Geschichte. Als Symbol für einen besonderen Beitrag zur Annäherung zwischen Deutschen ohne und Deutsche mit ausländischen Wurzeln. Vielleicht steht es sogar für den Aufbruch in eine Zeit, wo keiner mehr nach diesem Unterschied fragt.

Waren Sie für längere Zeit in Deutschland oder sind Sie selbst aus Ihrem Heimatland in ein anderes Land ausgewandert? Diskutieren Sie Ihre Erfahrungen zu Fremdsein und Heimatgefühl mit anderen Alumni im Diskussionsforum der Gruppe KULTUR – CULTURE!

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Juni 2011

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