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„Deutschland ist für mich ein Wunder“

Simon Anholt, Gründer des Nation Brands Index, über das Image von Deutschland – und die Verantwortung, die sich daraus ergibt.

Simon Anholt ist Mitherausgeber des Anholt-GfK Nation Brands Index. Er hat auch den Good Country Index eingeführt – das Ranking misst, wie viel einzelne Staaten zum Gemeinwohl auf der Welt beitragen. Der britische Anthropologe und ehemalige Politikberater hat den Begriff „Nation Branding“ geprägt. Doch er ärgert sich darüber, wie er heute oft verwendet wird – als könne man das Image eines Landes durch Marketing ändern wie das eines Produkts. Dabei zeige der Nation Brands Index, dass dem nicht so ist.

Herr Anholt, im jüngsten Nation Brands Index lag Deutschland auf Platz 1. Was waren die Gründe?

Simon Anholt: Es gibt nur einen Grund: Die USA sind auf Platz 7 gefallen. Und Deutschland ist als am meisten bewunderte Nation immer zur Stelle, wenn die USA sich vorübergehend unbeliebt machen.

Video: Alle lieben Deutschland – nur die Deutschen nicht

Aber der Nation Brands Index berücksichtigt doch noch viele weitere Aspekte.

Simon Anholt: Ja, aber das ist der einzige Faktor, der häufig variiert. Wie die Menschen Kultur, Landschaft und Bevölkerung eines Landes wahrnehmen, ändert sich nicht von Jahr zu Jahr. Eigentlich ändert sich nicht einmal die politische Einschätzung besonders stark. Das einzige Land, dessen Bild sich regelmäßig wandelt, sind die USA – weil es das einzige Land ist, über das Menschen weltweit sich Gedanken machen. Bei keiner anderen Nation im Index ist die Wahrnehmung so volatil.

„Dies ist ein sehr interessanter Zeitpunkt in der deutschen und europäischen Geschichte.“


Politikberater Simon Anholt

Das überrascht, denn auch Deutschland befindet sich in einer Phase, in der viele Gewissheiten hinterfragt werden, vor allem mit Blick auf seine internationalen Partner.

Simon Anholt: Tatsächlich ist dies ein sehr interessanter Zeitpunkt in der deutschen und europäischen Geschichte – wegen des enormen Vakuums, das entstanden ist, weil die USA nicht mehr jene multilaterale, moralische Orientierung bieten wie in den Jahrhunderten zuvor. Also muss ein anderes Land hervortreten und sagen: „Wir werden die internationale Gemeinschaft leiten, im Zeichen von Multilateralismus und Kooperation, weil niemand sonst es tut.“

Und Deutschland könnte dieses Land sein?

Simon Anholt: Ich denke, Deutschland muss dieses Land sein – weil es an der Spitze des Nation Brands Index steht. Kein anderes Land kann sich auf so viel allgemeine Zustimmung berufen. Deutschland hat jetzt globale Verpflichtungen.

„Deutschland hat sich von der vermutlich am meisten verabscheuten zur beliebtesten Nation der Welt entwickelt.“


Politikberater Simon Anholt

Was ist Ihre persönliche Sicht auf Deutschland?

Simon Anholt: Deutschland ist für mich ein Wunder. Nach 1945 hat es sich von der vermutlich am meisten verabscheuten zur beliebtesten Nation der Welt entwickelt. Nur Japan hat etwas Ähnliches geschafft. 70 Jahre sind eine sehr kurze Zeit, um die globale Kultur nachhaltig zu verändern. Denn die Art, wie wir andere Nationen sehen, ist kein Medienphänomen, es ist eine kulturelle Frage. Deutschland hat die Welt dazu gebracht, ihr kulturelles Koordinatensystem zu überdenken.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Deutschland.de publiziert.

Oktober 2018

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