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500 Jahre Reformation: 5 Fakten zu Martin Luther

Die Reformation hatte nicht nur Auswirkungen auf die Religion. Sie hat die deutsche Gesellschaft verändert. Was Sie über die Reformation und ihre Wirkung wissen sollten.

Erneuerung des Glaubens, Revolution des Wissens

Das lateinische Wort „reformatio“ bedeutet die Rückführung in die Form – eine Wiederherstellung, die zugleich Erneuerung sein kann. Wiederherstellung des Ursprünglichen und Erneuerung des Gegenwärtigen wollte der Theologe Martin Luther erreichen, als er, wie überliefert wird, am 31. Oktober 1517 in Wittenberg im Osten Deutschlands ein Papier an die Tür der Schlosskirche heftete. Darauf standen 95 kritische Thesen, gerichtet gegen die Praxis der katholischen Kirche, Gläubigen gegen die Zahlung von Geld ihre Sünden zu erlassen. So einfach konnte die menschliche Befreiung für Luther nicht sein. Mit seiner Kritik zettelte Luther, der an der Wittenberger Universität Bibelauslegung lehrte, jedoch weit mehr als das Ende des „Ablasshandels“ an. Er begründete jene religiöse Erneuerungsbewegung, die im 16. Jahrhundert zur Gründung verschiedener christlicher Konfessionen führte: „die“ Reformation.

(c) Bettina Mittelstraß/Societäts-Medien, LETTER, Ausgabe 01/2017

Fakt 1: Welche Impulse die Reformation der Bildung gegeben hat.

Der Protestantismus ist eine Buchreligion. Während der Katholizismus noch lange vor allem auf die Sinne, etwa die Augen, wirkte, kreist Luthers Theologie um das Wort Gottes. Die Bibel, so seine Idee, sollte im ganzen Volk Verbreitung finden und gelesen werden. Daher fordert Luther die Alphabetisierung, etwa in seiner Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“. Auch Mädchen sollten nach Luthers Meinung in Schulen gehen. Tatsächlich waren die Städte und Länder des deutschen Reichs, die protestantisch wurden, Vorreiter bei den Bildungsreformen. So gründete Philipp von Hessen, einer der ersten protestantischen Herrscher, die Universität Marburg und begann mit der flächendeckenden Errichtung von Schulen. Die deutsche Aufklärung des 18. Jahrhunderts war vor allem eine Bewegung von Protestanten. Noch bis ins 19., teilweise bis ins 20. Jahrhundert besaßen die protestantischen Regionen in Deutschland einen Bildungsvorsprung.

Fakt 2: Weshalb Luther die deutsche Sprache verändert hat.

Luther gilt als Schöpfer des modernen Deutsch. Dies geht vor allem auf seine Bibelübersetzung zurück, daneben verfasste er Hunderte von Schriften. Luthers Modernisierung des Deutschen erfolgte auf zwei Ebenen: Zum einen schuf er ein gemeinsames Hochdeutsch für die bis dahin kaum verbundenen etwa 20 deutschen Mundarten. Eine wichtige Sprachgrenze teilte Deutschland in zwei Hälften, das Ober- und das Niederdeutsche. Luther verband Elemente aus beiden Sprachen – es fiel ihm leicht, weil seine Heimat an der Grenze lag. Zum Zweiten erfand er zahlreiche deutsche Wörter: Lückenbüßer, Feuereifer, Lästermaul, Sündenbock, Geizhals, Trübsal, auch Wendungen wie Milch und Honig oder Mark und Bein. Ein weiteres wichtiges Element bei Luther ist seine Volkstümlichkeit, er hat „dem Volk aufs Maul geschaut“ und sich gerne einer einfachen Sprache bedient. Statt „Aus dem Überfluss des Herzens reden“, wie es in älteren Bibeln zu lesen war, übersetzte er „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“

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Fakt 3: Wie Luther das Verständnis von Freiheit prägte.

Für Luther ist der Christ ein mündiger Mensch, der sich von der Autorität der Kirche befreit. Sein moralisches Gewissen in Zwiesprache mit Gott bildet die Grundlage seines Denkens und Handelns. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ verwirft Luther die Idee, dass der Mensch durch Taten das Wohlwollen eines strengen und strafenden Gottes erringen muss. Vielmehr ist es die Gnade Gottes, die über dem Menschen wie eine Sonne leuchtet. Luther gibt seinen Zeitgenossen also eine doppelte Befreiung, von der Amtskirche und von einem überholten Gottesbild. Diese Befreiung ist noch weit entfernt von der heutigen politischen Freiheit, die wir als Basis der Demokratie sehen, zumal die Freiheit des Christen bei Luther zwiespältig bleibt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Dennoch lässt sich eine Linie ziehen von Luthers Kampf gegen die Autoritäten zur modernen Freiheit.

Fakt 4: Warum die Reformation die Künste bereichert hat.

Gegen die sinnenfrohe katholische Lehre erscheint der Protestantismus karg. In Bezug auf die bildenden Künste nahm Luther aber eine mittlere Position ein: Während die Calvinisten als radikale Protestanten Bilder ablehnten und der Katholizismus sie als heilig verehrte, schätzte Luther Bilder als Kunstwerke und hat sie gegen die Bilderstürmer verteidigt. Zudem war er mit Vater und Sohn Lucas Cranach befreundet, die dem neuen Glauben Bildkraft verliehen (darunter allein 130 Luther-Porträts). Auf einem künstlerischen Gebiet war die lutherische Kirche der katholischen voraus: in der Musik. In der katholischen Kirche sang nicht die Gemeinde, sondern der Mönchschor – auf Latein. Luther persönlich hat sich für das deutschsprachige Kirchenlied engagiert, das von allen gesungen wird. Er hat selbst Lieder komponiert und gedichtet; sein wohl berühmtestes ist „Ein feste Burg ist unser Gott“. Auch später haben Protestanten großartige Choräle wie „Nun danket alle Gott“, „Lobe den Herren“ und viele mehr hervorgebracht.

Video: Luther – 500 Jahre Reformation

Fakt 5: Weshalb Luther auch kritisch gesehen werden muss.

Luther ist kein Heiliger, er hat seine dunklen Seiten. Wie die meisten seiner Zeitgenossen glaubte er an Hexen und hielt für sie die Todesstrafe für angemessen. Wurden Kinder mit einer Behinderung geboren, war dies nach Luthers Auffassung ein Werk des Teufels; solche Kinder hatten demzufolge keine Seele. Ein besonders hässliches Kapitel ist auch Luthers fanatischer Judenhass, der sich im Alter steigerte. Er forderte die Zerstörung von Synagogen und die Ausweisung von Juden. Auch seine Hasstiraden gegen die aufständischen Bauern offenbaren die brutale Seite Luthers. Viel diskutiert sind die indirekten Folgen der lutherischen Lehre. Da in den lutherischen Territorien der Fürst zugleich oberster Herr der Kirche war, brachten Historiker die These vor, dass sich hieraus eine spezifisch deutsche Untertanenmentalität entwickelt hat. Dennoch hat sich die Geschichtswissenschaft inzwischen davon verabschiedet, einen „deutschen Sonderweg“ von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck bis Hitler zu ziehen.

(c) Rolf Zerback/Societäts-Medien, LETTER, Ausgabe 01/2017

LETTER – Das Magazin für DAAD-Alumni erzählt spannende Geschichten aus Wissenschaft, Kultur, Deutschland und dem DAAD-Alumni-Netzwerk.

Mai 2017

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