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Deutsche Verbindungen nach Indien

Wie kommt es zustande, dass Menschen aus Süd- und Südostasien, die in Deutschland studiert oder geforscht haben, im Oktober in Kochi, Indien zusammenkamen, um die Probleme des Wassermanagements und von Wassertechnologien zu ergründen und zu erörtern? Und im Anschluss eine führende Messe für Umwelttechnologien in Mumbai, Indien besuchten, die von einer deutschen Messegesellschaft organisiert wurde? Die Antwort ist eine weitere deutsche Organisation, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD).

Der DAAD unterstützt Fachkräfte aus Entwicklungsländern über ein Programm namens Alumni-Sonderprojekte. Zunächst erhalten diese eine weiterführende Schulung zu verschiedenen Themen von einer deutschen Hochschule. Dann nehmen sie an einer Messe oder einem Fachkongress teil, wo sie Kontakte zu Unternehmen und Experten knüpfen können. Diese Projekte finden nicht nur in Deutschland statt, sondern auch in Ländern, in denen Messen von deutschen Unternehmen organisiert werden.

Dies war der Fall beim Fachlichen Alumni-Sonderprojekt 2019 des DAAD zu Umweltstrategien und Wassertechnologien, das von der Universität Siegen in Zusammenarbeit mit der SCMS School of Engineering and Technology in Indien organisiert wurde. 18 Deutschland-Alumni nahmen an diesem Seminar teil, gefolgt von einem Besuch auf der IFAT India in Mumbai, Indiens Leitmesse für Wasser, Abwasser, Abfall und Recycling, ein Ableger der IFAT in München von der Messe München.

Ratchada Arpornsilp, eine Deutschland-Alumna mit Masterabschluss in Umweltmanagement der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und ehemalige DAAD-Stipendiatin, war eine der Teilnehmer*innen. Wir haben sie gebeten, ihre Eindrücke und Erfahrungen dieses Projekts zu teilen. Sie hat mit anderen Alumni gesprochen und Experten, um herauszufinden, wie Wassertechnologien und Wissenschaft der lokalen Bevölkerung zugute kommen können. Lesen Sie ihren Blog hier:


Technologien für nachhaltige Wasserversorgung

Die Bedeutung eines dezentralen Technologieansatzes für nachhaltige Wasserversorgung in lokalen Gemeinden

Von Ratchada Arpornsilp

Bei der Ankunft am internationalen Flughafen Cochin, dem weltweit einzigen vollständig mit Solarenergie betriebenen Flughafen, der 2018 auch mit dem Champions of the Earth Award for Entrepreneurial Vision der Vereinten Nationen ausgezeichnet wurde, erfuhr ich, dass der Flughafen im selben Jahr aufgrund der Flut in Kerala beinahe zwei Wochen lang stillgelegt werden musste. Mein Bestreben, mehr über das Umweltmanagement in diesem Teil der Küstenregion Indiens zu erfahren, wurde durch diese beeindruckenden, mutigen Anstrengungen, inmitten zunehmender sozialer und umweltbedingter Herausforderungen Alternativen aufzuzeigen, bestärkt.

Während meiner Teilnahme an dem Seminar und der IFAT beschäftigte mich eine bestimmte Frage: Wie können Wassertechnologien und Wissenschaft den Einheimischen zugute kommen, insbesondere in Gebieten, in denen Armut und Entbehrungen vorherrschen? Aus verschiedenen Präsentationen und Diskussionen kristallisierte sich vor allem die Einführung eines dezentralen Wassertechnologieansatzes heraus. Auf der Suche nach Antworten nutzte ich die Gelegenheit für Gespräche mit einigen Alumni-Experten.

Zuerst fragte ich Dr. Soundharajan Bankaru Swamy, Dozent an der Amrita Vishwa Vidyapeetham University in Indien und ehemaliger PhD-Austauschstudent an der Universität Kiel, wie eine dezentrale Wassertechnologie aufgebaut ist.

Dr. Soundharajan Bankaru Swamy (Indien): „Das dezentrale System, um das es hier geht, ist einfach zu erweitern und anspruchslos, sodass es der jeweiligen Situation angepasst werden kann. Die meisten Gemeinden sind in der Lage, es zu warten. Es handelt sich nicht um Hightech. Von der Regierung wird nur eine anfängliche Investition benötigt, der Rest kann von der Gemeinde gestemmt werden.“

Ratchada: Wie unterscheidet sich die dezentrale Technologie von zentralisierten Systemen?

Dr Soundharajan Bankaru Swamy: „Für einen zentralisierten Ansatz wird eine hohe Anfangsinvestition benötigt, dafür fallen später eventuell geringere Betriebskosten an. Es findet sich jedoch niemand, der bereit ist, so viel Budget für eine zentrale Wasserversorgung bereitzustellen, insbesondere in wachsenden Städten. Es ist erfolgversprechender, eine dezentrale Option mit Teilfinanzierung durch die Regierung anzustreben und das restliche Budget von lokalen Komitees aufbringen zu lassen. Bei einer dezentralenTechnologie können auch innovative Methoden des Wassermanagements wie Regenwassernutzung mit Grundwasseranreicherung oder Wasserrückgewinnung zum Einsatz kommen.“

Das klingt äußerst vielversprechend. Aber in welchen Situationen ist das dezentrale Modell sinnvoll und gibt es Situationen, in denen der Einsatz eines dezentralen Ansatzes weniger sinnvoll ist?

Mr Vinay Sharma (Indien): „Das Modell sollte in Gegenden ohne Anlagen gut funktionieren, beispielsweise in neu erschlossenen Gebieten oder Entwicklungsländern, auch wenn das Gebiet bereits seit langem besiedelt ist. Die Infrastruktur fehlt aufgrund mehrerer Probleme: fehlende Finanzmittel, fehlende Fachkenntnisse oder technische Probleme. In solchen Szenarios lohnt sich eventuell ein dezentrales System, das in kleinem Umfang betrieben und bei dem in großem Maße die Gemeinde mit eingebunden wird. Da es garantiert bestehende Probleme der dort lebenden Menschen lösen sollte, sind die Gemeinden motiviert, an der Entwicklung einer Technologie mitzuarbeiten, die an ihre Bedürfnisse angepasst ist.“

Die dezentrale Technologie scheint das Potenzial zu haben, die lokale Bevölkerung einzubinden und den Ansatz so nachhaltiger zu gestalten. Warum werden einige von der Regierung oder von internationalen Entwicklungsorganisationen eingeführte Technologien und Praktiken angenommen bzw. akzeptiert und andere wiederum nicht?

Erna Megawati Manna (Indonesien): „Das hängt mit der anfänglichen Planung zusammen. Wenn die lokale Bevölkerung in die Planung eingebunden wird, weiß sie, was sie erwartet. Bei öffentlicher Einbindung und Gesprächen mit den Zielgruppen müssen wir die Bedürfnisse der Betroffenen in Erfahrung bringen und ihnen darlegen, was wir ihnen anbieten. Dies sollte bereits Bestandteil von Durchführbarkeitsstudien in den Gemeinden sein. Darüber hinaus arbeiten wir bei der Einführung neuer Technologien in der Regel mit verschiedenen Interessengruppen zusammen. Durch Kapazitätsentwicklung wissen die lokalen Gemeinden, welche gesundheitlichen Vorteile ihnen die neue sanitäre Einrichtung bringt, und sind so bereits involviert.“

Aber wie genau kann eine dezentrale Wassertechnologie vor Ort aussehen?

Sarita Shrestha (Nepal):  „Aus eigener Erfahrung beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben in Nepal 2015 kann ich sagen, dass eine schwerkraftbasierte Wassertechnologie am besten geeignet ist, da geringere Investitionen in Elektrizität und Arbeitskräfte benötigt werden. Schwerkrafttechnologie ist an Orten geeignet, an denen die Wasserquelle oberhalb der zu versorgenden Gemeinden liegt, da das Wasser direkt durch die Schwerkraft verteilt werden kann.“

Ratchada: Wie kommt diese Technologie lokalen Gemeinden zugute?

Sarita Shrestha (Nepal):  „Sie ist für lokale Gemeinden geeignet, da nur einfachste Technik ohne Elektrizität zum Einsatz kommt. Wartung und Betrieb sind bei Schwerkrafttechnologie ebenfalls einfacher und kostengünstiger als Pumpentechnologie. Auch die Wassergebühren für Betrieb und Wartung können von einem Benutzerkomitee eingezogen werden, das sich zu mindestens 30 % aus Frauen zusammensetzen muss.“

Wenn Wassertechnologie so konzipiert ist, dass sie die lokale Bevölkerung stärkt, kann damit auch die Notlage von gefährdeten Gruppen wie Stammesfrauen explizit angegangen werden. Welche Änderungen bringt die Einführung der Wassertechnologie hinsichtlich der Geschlechterrollen mit sich?

Ha Thuy Nguyen (Vietnam): „In den Gebirgsregionen von Vietnam werden unterschiedliche Wassertechnologien eingesetzt und installiert. Bei der besten Technologie erhält jeder Haushalt einen eigenen Wasseranschluss, sodass Frauen Zeit sparen können, weil sie kein Wasser mehr aus weit entfernten Wasserquellen holen müssen. So bleibt ihnen Zeit, um zu lernen oder an sozialen Aktivitäten wie Gemeindetreffen teilzunehmen, für die normalerweise nur die Männer Zeit aufbringen können. Wenn sie anwesend sind, können die Frauen auch am Entscheidungsprozess bei der Festlegung der Wassergebühren teilhaben und sich im Betriebs- und Managementteam für das Wassersystem einbringen. Dadurch können sie auch zum Einkommen der Familie beitragen. Die Geschlechterdimension und Teilnahme von Frauen sind Schlüsselindikatoren für die Konzeption einer Wassertechnologie.“ 

Trotz all dieser Vorteile steht die dezentrale Technologie dennoch vor einer zentralen Herausforderung.

Prof. Dr. Anupam Kumar Singh (Indien):  „Die dezentrale Technologie sowie deren praktische Umsetzung werden zunehmend Thema akademischer Debatten. Sie bringt Vorteile wie ihre geringe Größe, einfachen Betrieb und Wartung sowie die nachhaltige Finanzierung durch die lokale Bevölkerung mit sich. Dennoch stellt sie uns auch vor Herausforderungen, da dieser Ansatz vorwiegend von lokalen Regierungen mit geringem Budget für solche technischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Wasserversorgung und sanitären Anlagen eingesetzt wird. Wenn eine nationale Regierung Gelder verteilt, sind diese für alle lokalen Behörden unzureichend. Finanzielle Nachhaltigkeit ist somit die Hauptherausforderung.“

Fehlende zusätzliche Finanzmittel bedeuten jedoch nicht, dass Ingenieure und Wissenschaftler wie wir keine Möglichkeit haben, eine dezentrale Technologie umzusetzen. Was sollten Ingenieure berücksichtigen?

Prof. Dr. Johannes Fritsch (Deutschland): „Die Technologie muss an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden – sowohl an die klimatischen als auch an die sozialen und kulturellen Bedingungen. All das gilt es zu berücksichtigen. Je nach Umfang des geplanten Projekts können dezentrale Anlagen einfacher oder komplexer ausfallen. Am wichtigsten ist jedoch, dass sie langfristig von der lokalen Bevölkerung betrieben werden kann, die dem Einsatz dieser Technologie zustimmt. Wir müssen ihr indigenes Wissen so früh wie möglich in die Gespräche und den Planungsprozess einbeziehen.

Ungeachtet dessen müssen wir selbst unter Berücksichtigung dieser Beiträge die Technologie konzipieren. Es stellt eine technische Herausforderung dar, eine adaptive Technologie mit einem komplizierten System zu konzipieren, das einfach genug ist, dass es von Menschen betrieben werden kann, die unter Umständen weder lesen noch schreiben können. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass eine dezentrale Anlage nicht nur von einer Person betrieben werden sollte. Sie ist erfolgreicher, wenn sie von einer Benutzergruppe betrieben wird.“

Neben diesen Gesprächen fanden im Rahmen der Präsentation verschiedener Fallstudien und Simulationen zur Konzeption von Wassertechnologie auch intensive Diskussionen statt. Diese Überlegungen nahmen wir mit zur IFAT. Interessanterweise schwang die Botschaft deutlich in der Eröffnungsrede von Shri Suresh Prabhu, dem ehemaligen Union Minister für Handel und Industrie der indonesischen Regierung, mit.

Er lobte den Erfolg der zu 100 % dezentralen Abwasseraufbereitung in städtischen Gegenden wie Mumbai und Delhi, die sich in der Homogenität des erfassten Abfalls, der Zuständigkeit der lokalen Bevölkerung und dem innovativen Geschäftsmodell zur Verwaltung dieser Ressourcen zeigt. Der dezentrale Ansatz steht zwar noch am Anfang, kann jedoch mit entsprechender Unterstützung den Zugang zu und die Verwaltung von Wasser für die lokale Bevölkerung auf nachhaltige, eigenverantwortliche Weise ermöglichen.

Fachliche Alumni-Sonderprojekte

In den Alumni-Sonderprojekten erhalten in Deutschland ausgebildete Fachkräfte aus Entwicklungsländern die Gelegenheit, mit deutschen Wissenschafts- und Wirtschaftsvertretern auf wichtigen Messen und Kongressen in Verbindung zu kommen.

Wollen Sie sich ebenfalls in Ihrem Fachbereich weiterbilden? Entdecken Sie hier die große Bandbreite der Fachlichen Alumni-Sonderprojekte. Aktuelle Ausschreibungen für Alumni werden auf dem Alumniportal Deutschland veröffentlicht. 

Alumni-Sonderprojekte

Dezember 2019

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