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Im Ausland praktische Erfahrung sammeln

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Wie digital wird sie sein, wie vernetzt und wie grün? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Ende Oktober 2019 hundert Alumni des RISE Weltweit Programms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Zum zehnjährigen Bestehens des Programms veranstaltete der DAAD ein erstes Alumnitreffen in der Frankfurt University of Applied Sciences.

„Das RISE Weltweit Programm ermöglicht Bachelorstudierenden ein Forschungspraktikum im Ausland in den Sommersemesterferien – sie verlieren also keine Zeit“, sagt Michaela Gottschling, Referentin der RISE-Programme im DAAD. 2.500 Studierende haben bereits seit 2009 mit RISE Weltweit den Schritt ins Ausland gewagt, „eine bemerkenswerte Zahl“, wie Gottschling sagt.

Im Video erfahren Sie, wie ehemalige Teilnehmende von dem Programm profitiert haben.


„Viel davon mitgenommen“

Julia Martius © S. Kanning

Die Aufenthalte sind für die Studierenden häufig prägend und beeinflussen die weitere wissenschaftliche Karriere positiv. Julia Martius absolvierte beispielsweise 2013 ein Praktikum in der Flüssigkristallforschung an der Seoul National University in Südkorea. „Das war meine allererste Erfahrung in der Forschung und ich habe viel davon mitgenommen“, sagt sie.

Martius wohnte in Suwon, etwa eine Stunde südlich von Seoul, – schon damals eine enorm digitale Stadt. „Durch mein RISE-Praktikum bin ich zum ersten Mal darauf aufmerksam geworden, wie eine Stadt der Zukunft aussehen könnte“, sagt Martius. Schon 2013 konnte man in vielen Geschäften seinen Handy-Akku zum Laden abgeben und mit einer Chipkarte in allen öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis und sogar auf einem Musikfestival bargeldlos bezahlen. Heute arbeitet die Physikerin in der Geschäftsentwicklung und im Vertrieb in einem Tech Startup für Sensortechnik in München. „Wir haben viele internationale Kunden und im Umgang mit ihnen hilft es, selbst internationale Erfahrung gesammelt zu haben.“

Wie können wir künftig zusammenleben?

Das Thema „Stadt der Zukunft“ des Alumnitreffens war bewusst gewählt für die Zielgruppe der Natur- und Ingenieurswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, erzählt Michaela Gottschling. „Es ist ein hochaktuelles Thema, das uns täglich beschäftigt. Außerdem verbrachten viele Alumni ihre Forschungspraktika teilweise in Megastädten. Diese Erfahrungen können sie jetzt einbringen.“

Weltweit zieht es immer mehr Menschen in die Städte – bis 2050 könnten 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. An sechs Thementischen diskutierten die Alumni in Frankfurt über Mobilität, Gesundheit im urbanen Raum, Energie und Versorgung, die Zukunft des Wohnens, die grüne und die digitale Stadt. Sie tauschten sich aus über Fragen wie: Wie können wir künftig in den großen Städten zusammenleben? Wie können wir dieses Leben nachhaltig gestalten? Und welche Ideen gibt es?

„Wir haben aber nur eine Welt“

Marius Beck © S. Kanning

„Das Thema betrifft uns alle und es ist wichtig, dass sich jeder überlegt, wie er die Stadt der Zukunft mitgestalten kann“, sagt Mario Beck, der einen Impulsvortrag zur digitalen Stadt hielt und 2011 mit RISE Weltweit an der State University of New York in den USA forschte. Ihn beschäftigt vor allem die Frage der Nachhaltigkeit – auch im Privaten: „Ich bin über Vegetarismus zum veganen Essen gekommen. Es ist erstaunlich, womit man Fleisch alles ersetzen kann“, sagt er.

Auslöser war ein Footprint-Calculator, ein Online-Rechner für den eigenen ökologischen Fußabdruck. „Der Rechner bezieht viele Parameter mit ein – wie kommst du zur Arbeit, isst du Fleisch, und Ähnliches – und rechnet dann aus, wie viele Erden wir brauchen würden, wenn alle so leben würden wie du“, sagt Beck. Der durchschnittliche Fußabdruck sei so groß, dass 1,75 Erden nötig wären, „wir haben aber nur eine“. Sein Praktikum in den USA habe ihn sehr geprägt, erzählt Beck. Er arbeitete dort mit Bakterien für Abwassersysteme, „das brachte mich letztlich vom Fachbereich Biologie zur Biotechnologie“. Gerade promoviert er an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden in Metabolic Engineering und erforscht, wie die Abhängigkeit der Gesellschaft von Ressourcen wie Öl verringert werden könnte. „So ein Netzwerktreffen wie hier bringt einen immer weiter, weil man Menschen aus anderen Fachbereichen kennenlernt, neuen Input bekommt und im besten Fall auch etwas weitergeben kann.“

„Lebenslanges Lernen wird hier gelebt“

Philiph Koeder © S. Kanning

Auch der RISE-Alumnus Philipp Köder genießt das Treffen in Frankfurt. „Ich arbeite schon seit zwei Jahren als Entwicklungsingenieur in der Solarenergiebranche. Das Treffen hier ist wie eine Rückkehr zu meiner Zeit in der Uni.“ Ihm gefalle der Wissensgeist, den man bei dem Treffen spüre; dass jeder interessiert sei an neuen Themen und Lösungen. „Der Begriff vom lebenslangen Lernen wird hier gelebt und das macht richtig Spaß.“
Der 28-Jährige hat sein RISE-Praktikum 2012 im australischen Adelaide absolviert und an einem Institut für Glasfasertechnik Nanopartikel in Glas untersucht. „Das waren die ersten Erfahrungen, die ich als noch unerfahrener Bachelorstudent in der Wissenschaft gemacht habe. In diese Welt muss man sich erst einmal hineinfinden – das Praktikum war dazu ein super erster Schritt.“

Bewerbungen nur online

Die hohe Zufriedenheit bei RISE hänge auch damit zusammen, dass der gesamte Auswahlprozess auf einer Online-Plattform stattfindet, erzählt Michaela Gottschling. „In einer Datenbank sind die Forschungsprojekte vorgestellt. Die Studierenden können sich auf drei Projekte bewerben. Die zuständigen Forschenden schauen sich dann die Bewerbungen an und geben uns Feedback, wer am besten zum Programm passt.“

„Was einem wirklich Spaß macht, kann man nur in der Praxis herausfinden.“

Eva Paprotzki, Masterstudentin in Physik an der Uni Göttingen, erinnert sich begeistert an ihr Praktikum am Indian Institute of Science, Education and Research (IISSR) in Indien 2018: „Dort konnte ich herausfinden, was mir wirklich Spaß macht. Ich wollte in die Richtung von theoretischer Physik und Programmieren. Beides konnte ich dort umsetzen.“

Paprotzki arbeitete in einem interdisziplinären Team an Quantencomputing mit Kernspintomografen. Sie simulierte auf Computern, wie Ergebnisse ausgewertet werden können, bei denen Computer normalerweise an ihre Grenzen kommen. Mit RISE konnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ein Praktikum machen und ins Ausland gehen. „An der Uni kann man Neues lernen und seine Neugier stillen. Aber was einem wirklich Spaß macht, kann man nur in der Praxis herausfinden.“

„Eine Zeit im Ausland ist immer ein Gewinn“

Felix Wieland © S. Kanning

Für Felix Wieland bot das RISE-Programm „überhaupt die Möglichkeit, an ein Forschungsstipendium zu kommen“. Der Physiker hat schon viel Auslanderfahrung in seinem Studium gesammelt: 2013 besuchte er die Summer School „A Taste of India“ der Universität Köln, 2014 ging er mit RISE nach Kanada, danach absolvierte er das Summer Student Programm der Kernforschungsorganisation CERN in der Schweiz. 2015 wurde er mit einem DAAD-Jahresstipendium für Graduierte am Korea Advanced Institute of Science and Technology in Südkorea gefördert.
„Eine Zeit im Ausland ist immer ein Gewinn“, sagt er. „Man entdeckt ein neues Land, lernt eine andere Kultur kennen und bekommt Einblicke in die wissenschaftliche Arbeit anderer Länder.“ Auch privat fand Felix Wieland sein Glück fernab von Deutschland. In Südkorea lernte er seine heutige Frau kennen – begleitet bei der Hochzeit wurde er von einer Freundin, die zusammen mit ihm das RISE Weltweit Programm in Kanada durchlaufen hatte.

RISE Weltweit

Arbeitserfahrung sammeln und in ein Forschungsthema hineinschnuppern: Immer mehr Studierende möchten diese Chance nutzen. Das RISE Weltweit Programm des DAAD (Research Internships in Science and Engineering) vermittelt daher seit 2009 Bachelorstudierende deutscher Hochschulen für ein Forschungspraktikum an akkreditierte Hochschulinstitute und Forschungseinrichtungen weltweit und unterstützt das Vorhaben mit einem Stipendium. Die Praktika dauern sechs bis zwölf Wochen und finden meist im Sommer in der vorlesungsfreien Zeit statt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt das Programm mit etwa einer Million Euro im Jahr. Alumni schätzen an RISE Weltweit vor allem die Digitalität und das einfache Verfahren – das gesamte Bewerbungsverfahren und die Verknüpfung von Studierenden und Praktikumsanbietern finden auf einer Online-Plattform statt.

Das Schwesterprogramm RISE Germany vermittelt Forschungspraktika für nordamerikanische, britische und irische Bachelorstudierende an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland. Das RISE Professional Programm führt dieses Programm weiter und ermöglicht Masterstudierenden und Doktoranden aus diesen Ländern ein Praktikum in deutschen Unternehmen oder in außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit starkem Industriebezug.

Das internationale Interesse am RISE Weltweit Programm wird immer größer: Für 2020 sind bereits Angebote aus mehr 50 Ländern eingegangen, darunter Angebote von international renommierten Hochschulen. So bietet beispielsweise die Carnegie Mellon University, im aktuellen Times Higher Education-Ranking unter den Top 3 der US-amerikanischen Universitäten im Fach Computer Science, RISE-Forschungspraktika im Bereich Robotik und Künstliche Intelligenz für deutsche Studierende an.

Autorin: Sarah Kanning


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November 2019

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