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Nachhaltigkeit – einige Gedanken zu Begriff und Bedeutung

Der Begriff der Nachhaltigkeit erscheint verwirrend und abgedroschen. Doch es steckt eine Menge dahinter. Wir erklären, wo der Begriff herkommt und was er bedeutet.

Nachhaltigkeit – was sagt dieser Begriff aus? Darüber kann man viel nachdenken. Obwohl das Wort uns ständig umgibt, ist es schwammig und wenig konkret. Und in der Tat, wenn man bewusst einmal nachfragt, was denn andere darunter verstehen, kommen die unterschiedlichsten Antworten heraus.

Nachhaltigkeit, das heißt doch auch Zukunftsfähigkeit, Gleichgewichtserhaltung oder verantwortungsbewusstes Handeln. Andere verstehen darunter  Demut, Achtsamkeit oder gar Enkeltauglichkeit. Oder einfach „das Richtige tun". Und wenn etwas nachhaltig ist, ist es dauerhaft, vernünftig, bewahrend, bestanderhaltend, umweltverträglich. Aber auch wirksam, unaufhörlich, langlebig oder womöglich gar symbiotisch. Oder anhaltend, schwerwiegend oder tiefgreifend.

Dominante Nachhaltigkeitsdebatte in der Wirtschaft

Also was nun? Man kann angesichts dieser Vielzahl von Bedeutungen verstehen, warum viele den Begriff nur ungern benutzen. Einige halten ihn sogar für unehrlich. Unter der Überschrift Nachhaltigkeit findet viel Greenwashing statt – vor allem im Rahmen des größten Nachhaltigkeitsdiskurses, den wir haben: dem der Wirtschaft, dem viele Medien einfach nur hinterherrennen, ohne selbst den Begriff zu hinterfragen.

In der Politik gibt es noch kleine Nachhaltigkeitsdebatten, die älteste und intensivste aber findet in der Wissenschaft statt. Schaut man sich diese an, wird auch klarer, was der Begriff heißen kann, woher er kommt und was alles dahinter steckt: eine faszinierende, vielfältige Welt der Forschung über unsere Zukunft. Eine Welt, über die viel zu wenig nach außen dringt. Bücher, die in den Begriff einführen, sind etwa das Werk „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs“ von Ulrich Grober oder die Reihe „Mut zur Nachhaltigkeit“, von der Stiftung „Forum für Verantwortung" von Klaus Wiegandt.

Rege Diskussionen um den Begriff Nachhaltigkeit in der Forschung

Es gibt viele Definitionen in der Forschung. Eine Forscherin sagte mir, dass es aus ihrer Sicht in erster Linie um Partizipation, Gerechtigkeit und die planetaren Grenzen geht. Das hört sich für mich schlüssig an. Aber worum ging es eigentlich ganz am Anfang? Der Begriff Nachhaltigkeit kommt aus der deutschen Forstwirtschaft: 1713 machte sich der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz in Freiberg Gedanken darüber, wie es dauerhaft genügend Holz geben könne. Es war für den Bau von Silberminen nötig. Seine Idee: nicht mehr Bäume schlagen als nachwachsen können. Er sprach von „nachhaltender Nutzung“. Der Begriff gelangte in forstwirtschaftliche Schriften und wurde ins Englische mit „sustainable“ übersetzt.  Aus diesem ökonomischen Verständnis heraus entwickelte sich ein eigener Diskurs in der Forschung. Er begann mit dem Schlüsselwerk für eine „nachhaltige Entwicklung“, der Studie zu den „Grenzen des Wachstums“. Diese schrieb Dennis Meadows 1972 für den „Club of Rome“. Das Buch sorgte weltweit für Aufsehen und schaffte eine ganz neue Öffentlichkeit für Umwelt- und Entwicklungsthemen.

Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ prägt sich aber erst 1987 ein: Da legte die frühere norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland für die Vereinten Nationen den nach ihr benannten Brundtland-Report vor. Darin steht eine Definition von Nachhaltigkeit, die heute für viele Politiker und Wissenschaftler immer noch stimmig ist. Demnach ist die Entwicklung nachhaltig, wenn sie „die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können."

Von der Wissenschaft in die Politik

Seit Mitte der 1990er Jahre wird das Thema Nachhaltigkeit auch außerhalb der Wissenschaft diskutiert – die Politik und eine breite Gesellschaftsschicht entdeckten den Begriff für sich. Der wichtigste Antrieb dafür war der Weltgipfel der Vereinten Nationen 1992 in Rio de Janeiro. Er formulierte die Agenda 21 als ein globales Leitbild für eine nachhaltige Entwicklung. Noch heute sind Tausende von Agenda 21-Gruppen weltweit auf kommunaler Ebene aktiv. Der Rio-Gipfel hatte also ganz konkrete Folgen: Viele Institute, Lehrstühle und andere Gremien wurden in den Folgejahren gegründet.

So auch 2011 der deutsche „Rat für nachhaltige Entwicklung“, der Nachhaltigkeit so auffasst: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“

Die drei Säulen der Nachhaltigkeit

Dadurch wird schon klar, dass es mehrere Dimensionen des Begriffs Nachhaltigkeit gibt. Drei, sagen Forscher. Sie vertreten daher ein Drei-Säulen-Modell und setzen dabei Ökologie, Ökonomie und Soziales als Elemente gleich. Allen drei Bereichen muss eine nachhaltige Entwicklung gerecht werden. Manche nennen das auch „schwache Nachhaltigkeit“. Aus diesem Verständnis heraus entstehen die meisten wirtschaftlich geprägten Assoziationen zu dem Begriff.

Von „starker Nachhaltigkeit“ sprechen Wissenschaftler, die dieses Konzept kritisieren, die Ökologie als vorrangig sehen. Ihr Argument: Alle anderen Dimensionen hängen von intakten natürlichen Ressourcen ab. Für mich macht das viel Sinn, weshalb ich eher der starken Variante zuspreche.

Aber ist damit das Grundproblem gelöst, einen abgedroschenen Begriff genauer fassen zu wollen? Nur zum Teil, denn ich sehe das Ziel von intakten natürlichen Ressourcen in einer Definition gut beschrieben, die von einem afrikanischen Stammesoberen kommen soll. Nachhaltigkeit, so soll er gesagt haben, bedeute „immer genug für alle“. Kann man es besser formulieren?

März 2013

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