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Wie ein Diaspora-Verein die Gesundheitsversorgung in Kamerun verbessert

Sie engagieren sich meist ehrenamtlich und immer freiwillig – Mitglieder von Diaspora-Vereinen. Verbindendes Element ist ein gemeinsames Ziel: Die Förderung der nachhaltigen Entwicklung im Heimatland. Damit helfen Diaspora-Organisationen, die Ziele der Agenda 2030 zu erreichen. Das zeigt zum Beispiel der Verein Camfomedics e. V., in dem sich Mediziner der kamerunischen Diaspora in Deutschland zusammengeschlossen haben.

Rund 17 Millionen Menschen leben in Deutschland mit Migrationshintergrund, das heißt, sie selbst oder ihre Vorfahren stammen aus dem Ausland. 25.000 von ihnen haben die kamerunische Staatsangehörigkeit oder einen kamerunischen Migrationshintergrund. Bei der Einwanderung aus Kamerun nach Deutschland spielt besonders das Studium eine zentrale Rolle.

Die kamerunische Diaspora in Deutschland besteht deshalb zu einem großen Teil aus in Deutschland ausgebildeten Akademikerinnen und Akademikern, die nach Einschätzung einer GIZ-Studie von 2016 über Kamerunische Diaspora-Organisationen eine hohe Motivation zum Engagement für ihr Heimatland aufweisen.

Die Aktivitäten der kamerunischen Diaspora in Deutschland können besonders gut am Beispiel des Gesundheitssektors veranschaulicht werden – auch weil das Medizinstudium neben Mathematik sowie den Ingenieurs- und Naturwissenschaften unter Kamerunern eine sehr beliebte Fachrichtung in Deutschland ist . Für die Promotion eines nachhaltigen Gesundheitskonzepts in Kamerun engagiert sich der Diaspora-Verein Camfomedics e. V. aus Essen.

Dr. Ivo Azeh war von Anfang an dabei, als der Verein 1994 gegründet wurde. Er leitet Camfomedics seitdem als Vorstand und Vorstandsvorsitzender. Azeh, in Kamerun geboren und aufgewachsen, hat in Göttingen Medizin studiert und seine Facharztausbildungen in Innerer Medizin und in Onkologie in Bochum und Essen absolviert. Seit Mitte 2007 ist er selbstständig als Gesellschafter und Geschäftsführer einer Gemeinschaftspraxis für Onkologie in Gelsenkirchen und eines Studienunternehmens mit neun Angestellten. Sein Deutsch ist perfekt.

Der kamerunische Unfall- und Handchirurg Dr. Yves Obiombok ist ebenfalls Gründungsmitglied von Camfomedics. Auch er hat in Deutschland Medizin studiert und seine Facharztausbildung gemacht. Im Gegensatz zu Dr. Ivo Azeh ist er aber 2009 wieder nach Kamerun zurückgegangen und engagiert sich dort im Auftrag von „Brot für die Welt“ und für Camfomedics nun vor Ort. Auch Obiombok spricht fließend Deutsch.

Verbindung zu Deutschland spielt entscheidende Rolle beim Engagement für Kamerun

Beide sehen ihr Engagement für den Diaspora-Verein und für Kamerun also von geografisch unterschiedlichen Seiten. „Seit meiner Rückkehr nach Kamerun kann ich die unterschiedlichen Projekte von Camfomedics e. V. besser – im wahrsten Sinne hautnah – unterstützen und zum Teil koordinieren“, sagt Dr. Yves Obiombok.

Seine Verbindung zu Deutschland spielt für ihn bei seiner Arbeit für Camfomedics eine entscheidende Rolle: „Viele deutsche Krankenhäuser, an denen ich früher beschäftigt war, stellen Material und ärztliche Kollegen zur Teilnahme an unseren Projekten frei. Unsere Patienten in Kamerun profitieren daher von der guten Qualität der Produkte aus Deutschland. Da ich Deutsch spreche, gibt es keine Barriere bei der Kommunikation. Auch bei der Finanzierung der Projekte spielt mein früherer Aufenthalt in Deutschland eine sehr große Rolle.“

Auch Dr. Ivo Azeh ist der Meinung, dass sein Deutschlandaufenthalt für die Arbeit bei Camfomedics sehr wichtig ist: „Durch meine Ausbildung und meine Arbeit in Deutschland habe ich mich in der europäischen Welt etabliert, man begegnet mir hier auf Augenhöhe. Meine Anliegen finden ein anderes Gehör, als wenn ich sie ohne diesen Hintergrund vorbringen würde.“ Durch diese Position könne er ganz andere Perspektiven  vermitteln und so die Interessen seines Heimatlandes Kamerun besser vertreten.

Globale Partnerschaft: Wissenstransfer durch Austausch zwischen Kamerun und Deutschland

Das größte Problem des Gesundheitssystems in Kamerun ist der Mangel an Fachpersonal. Deshalb organisieren Experten aus Deutschland und Kamerun gezielt Weiterbildungen zu bestimmten Themen. Bislang hat Camfomedics im Rahmen des i.MED-Projektes gemeinsam mit Partnern in Kamerun acht Veranstaltungen erfolgreich durchgeführt.

Beispielsweise wurde bereits zweimal (2014 und 2015) ein Wound Management Workshop angeboten. Dazu war eine auf die Behandlungen von Wunden spezialisierte Krankenschwester aus Deutschland in Kamerun zu Gast. Jeweils eine Woche lang konnten sich kamerunische Mediziner so theoretisch und praktisch weiterbilden – mit direkter Umsetzung des Gelernten bei der Behandlung von Patienten. Geplante zukünftige Projekte sind ein Workshop zur Behandlung von Kniearthrosen im Oktober 2017 in und ein weiterer Wound Management Workshop im November 2017.

Durch seine Projekte trägt Camfomedics dazu bei, dass

  • die praktische Ausbildung von Medizinstudentinnen und -studenten in Kamerun verbessert wird.
  • neue Weiter- und Fortbildungen für Mediziner angeboten werden.
  • die Nutzung einfacher medizinischer Innovationen in Diagnostik und Therapie in Kamerun ermöglicht wird – dies erhöht die Qualität der Behandlung vor Ort.
  • das Potenzial der kamerunischen Diaspora in Deutschland genutzt wird, um die Entwicklung in Kamerun voranzubringen (mittlerweile arbeiten etwa 700 Ärzte mit kamerunischem Hintergrund in Deutschland).

Inzwischen sind die Projekte nicht mehr nur auf die größeren Städte wie Yaoundé und Douala begrenzt, sondern es profitieren nun auch Patienten in abgelegener Regionen von diesem Engagement.

Camfomedics setzt bei seiner Arbeit außerdem auf globale Partnerschaften und den Austausch mit anderen Disziplinen. So trägt der Diaspora-Verein zu den folgenden Zielen für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 bei:

  • Camfomedics e. V. – Training
  • Camfomedics e. V. – Workshop
  • Camfomedics e. V. – Wound Management
  • Camfomedics e. V. – Wound Management

Viele Herausforderungen bei der Arbeit im Diaspora-Verein

Camfomedics leistet also einen großen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung Kameruns. „Auch für in Deutschland lebende Kameruner sehe ich viele Vorteil durch die Arbeit des Vereins“, sagt Dr. Yves Obiombok. „Zum Beispiel bleibt die Verbundenheit zur Heimat erhalten, es besteht die Möglichkeit, sich mit in Kamerun tätigen Kollegen auszutauschen, einen Lehrauftrag an einer Universität in Kamerun zu erhalten oder einmal an einem Krankenhaus in Kamerun zu arbeiten.“

Obiombok ergänzt: „Außerdem gewinnen die Kollegen in Deutschland durch ihr Engagement auch Kenntnisse darüber, wie man unter ganz anderen Bedingungen als in Deutschland arbeiten kann. Und nicht zuletzt tragen sie zur Verbesserung des Gesundheitssystems in Kamerun bei!“

Trotz dieser vielen Vorteile fällt es Camfomedics nicht leicht, neue Mitglieder zu finden. „Unsere Mitglieder sind ehrenamtlich tätig“, erklärt Dr. Ivo Azeh. „Sie bekommen kein Geld für ihre Arbeit für Camfomedics und müssen viele Kosten, beispielsweise für Reisen, selbst tragen. Daher fällt es uns schwer, Nachwuchs zu finden.“ Außerdem sei der Verein auf Spenden seiner Mitglieder angewiesen. „Dadurch haben wir natürlich wenig professionelle Ressourcen und stehen vor einigen strukturellen Herausforderungen.“

Gleichzeitig sieht er die Wahrnehmung von Camfomedics durch andere Organisationen und Institutionen kritisch: „Wir erfahren momentan noch immer wenig Anerkennung durch Organisationen, die in der Entwicklungshilfe tätig sind. Auch auf Regierungsebene – sowohl in Deutschland als auch in Kamerun – werden wir von Behörden, Institutionen und Organisationen häufig nicht als Experten für unser Land wahrgenommen und zu bestimmten Fragen konsultiert.“ 

Diaspora als Brückenbauer zwischen zwei Welten

Seine Arbeit für Camfomedics sieht Azeh noch in einem größeren Zusammenhang: „Darüber hinaus glaube ich, dass eine wichtige Aufgabe der kamerunischen Diaspora in Deutschland darin besteht, das Wissen über Afrika und Kamerun publik zu machen und so die doch häufig eurozentrisch geprägte Sichtweise durch neue Perspektiven zu  bereichern.“

Autorin: Verena Striebinger

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Im Fokus: Kamerun und Camfomedics

In Kamerun leben etwa 23 Millionen Menschen. Die Bevölkerung unterteilt sich in 250 verschiedene ethnische Gruppen und 24 Sprachgruppen. Je rund 40 Prozent der Bevölkerung gehören indigenen Religionen und dem Christentum an, rund 20 Prozent dem Islam.

Unter den Bildungsausländern an deutschen Universitäten und Hochschulen stellen die kamerunischen Studierenden derzeit die neuntstärkste Gruppe insgesamt, die stärkste aus Subsahara-Afrika und nach der Gruppe marokkanischer Studierender die zweitstärkste vom afrikanischen Kontinent. So waren im Wintersemester 2012/13 knapp 6.000 kamerunische Studierende in Deutschland eingeschrieben.

Der Diaspora-Verein Camfomedics e. V. hat sich seit den 1990er Jahren erfolgreich dafür eingesetzt, dass das kamerunische Abitur in Deutschland anerkannt wird. Um Studierenden der Fachrichtung Medizin ein in Deutschland anerkanntes Praktikum in Kamerun zu ermöglichen, setzte sich der Verein mit Erfolg dafür ein, dass Kamerun ein Verzeichnis von Lehrkrankenhäusern aufstellt.

Außerdem ist es dem Verein gelungen, in Kooperation mit der kamerunischen Ärztekammer eine Vertretung derselben in Deutschland zu etablieren. Diese übernimmt ein gewähltes Vereinsmitglied, das die berufliche Qualifikation von Ärzten prüfen kann, die der Verein bei Projekten in Kamerun einsetzt.

Quelle: GIZ-Studie „Kamerunische Diaspora-Organisationen in Deutschland und ihr entwicklungspolitisches Engagement“

September 2017

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Kommentare

Kouadio DIAN
13. September 2017

Ich bedanke mich herzlich bei den Kamrerunern, die in Deutschland leben und arbeiten. Wir, Afrikaner, erwarten alles von den Europäern. Warum nich auf uns selbst zählen. Unsere Eltern und Verwandten aus Afrika brauchen unsere Hilfe in allen Bereichen, sogar unsere finanzielle Unterstützung. Wir sollten dabei helfen, Krankenhäuser und Schulen in unseren jeweiligen Ländern zu bauen. Vielen Dank nochmals. Gott segne Sie!

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