0 Finde ich gut

„Die Wissenschaft spielt eine zentrale Rolle“

Die globale Gesundheitsversorgung kann nur mit Hilfe der Forschung sichergestellt werden, sagt Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Unter ihrer Federführung haben die nationalen Wissenschaftsakademien der G20-Staaten wissenschaftliche Empfehlungen erarbeitet.

Herr Professor Hacker, die deutsche G20-Präsidentschaft macht Gesundheitspolitik zu einem ihrer Schwerpunkte. Welche weltweiten Herausforderungen sind konkret zu bewältigen?

Jörg Hacker: Infektionskrankheiten und zunehmend auch nichtübertragbare Erkrankungen bedrohen nicht nur die Gesundheit von einzelnen Menschen, sondern sind auch eine immense Belastung für die öffentlichen Gesundheitssysteme. Sie beeinträchtigen Wachstum und Entwicklungschancen einzelner Länder. Weltweit mindern sie die Produktivität und haben damit erhebliche negative Auswirkungen auf die globale Wirtschaftsleistung. Sie können eine Gefahr für die soziale und politische Stabilität ganzer Regionen darstellen. Die Ebola- und Zika-Ausbrüche haben gezeigt, wie sich gefährliche Infektionskrankheiten innerhalb kurzer Zeit von lokalen Ereignissen zu globalen Krisen ausweiten können. Aber auch Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen alle Staaten vor immense Herausforderungen. Kurzum, der Aufbau effektiver Gesundheitssysteme und die Sicherstellung einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung zählen zu den dringlichsten Aufgaben des 21. Jahrhunderts.

Was kann das Science20-Dialogforum dabei leisten?

Jörg Hacker: Mit dem erstmalig stattfindenden Science20-Dialogforum möchten wir die Aufmerksamkeit auf diese Herausforderungen lenken. Die Veranstaltung ist der Höhepunkt des neugeschaffenen Science20-Dialogprozesses im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft, mit deren Koordinierung Bundeskanzlerin Angela Merkel die Leopoldina mandatiert hat. Gemeinsam mit den nationalen Wissenschaftsakademien der G20-Staaten haben wir Empfehlungen zu einer verbesserten globalen Gesundheitsversorgung erarbeitet, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen des Science20-Dialogforums persönlich entgegennehmen wird.

Science20-Dialogforum

Am 7. und 8. Juli 2017 kommen die Staats- und Regierungschefs der G20 unter deutscher Präsidentschaft zu ihrem jährlichen Gipfeltreffen in der norddeutschen Stadt Hamburg zusammen. Eine große Bedeutung nimmt der Dialog mit den unterschiedlichen Gruppen der Zivilgesellschaft ein. Die Wissenschaft ist erstmals als „Science20“ am G20-Prozess beteiligt. Unter Federführung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina haben die nationalen Wissenschaftsakademien der G20-Staaten in diesem Rahmen wissenschaftliche Empfehlungen zu einer verbesserten globalen Gesundheitsversorgung erarbeitet. Auf dem Science20-Dialogforum am 22. März 2017 in Halle (Saale) wurden die Ergebnisse von nationalen und internationalen Experten vorgestellt und die Empfehlungen von den Präsidenten der nationalen Wissenschaftsakademien der G20-Staaten offiziell an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben.

Science20-Dialogforum

Welches sind die drei wichtigsten Empfehlungen?

Jörg Hacker: Mit dem Fokus auf übertragbare und nichtübertragbare Krankheiten haben wir einen thematischen Schwerpunkt gesetzt, der es ermöglicht, die vielfältige Expertise der G20-Akademien zusammenzuführen und die gemeinsamen Herausforderungen zu verdeutlichen. Als nationale Wissenschaftsakademien rufen wir die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten auf, die öffentliche Gesundheitsversorgung zu stärken und dabei den Einfluss sozialer, ökologischer und ökonomischer Faktoren auf die Gesundheit zu berücksichtigen. Besondere Aufmerksamkeit verdient aus unserer Sicht der wissenschaftlich nachgewiesene Zusammenhang von übertragbaren und nichtübertragbaren Krankheiten.

  • Zu den wichtigsten Empfehlungen der G20-Wissenschaftsakademien gehört zu allererst der weltweite Aufbau verlässlicher und resilienter Gesundheitssysteme. Diese müssen die Erfassung und Bewertung von Krankheiten leisten und effektive Behandlungs- und Präventionsmaßnahmen gewährleisten. Sie sollten darüber hinaus allen einen ungehinderten Zugang zu einer umfassenden Erstversorgung garantieren. Dazu zählt auch die Durchführung von Impfungen mit qualitativ hochwertigen Impfstoffen.
  • Zweitens muss die Politik die sozialen, ökologischen und ökonomischen Determinanten von Gesundheit weltweit adressieren. Die Bekämpfung von Armut, Hunger und Umweltverschmutzung, die Sicherstellung von Hygienestandards sowie der Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen sind essenzielle Voraussetzungen für Gesundheit. Hinzu kommt die frühzeitige und kontinuierliche Aufklärung über Risikofaktoren wie eine ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel oder den Konsum von Zigaretten, Drogen oder Alkohol und deren gesundheitliche Folgen.
  • Drittens benennen wir als G20-Wissenschaftsakademien in unserer Stellungnahme strategische gesundheitspolitische Instrumente wie die Sicherstellung des weltweiten Zugangs zu Diagnostika, Medizintechnik und therapeutischen Medikamenten ebenso wie zu qualitativ hochwertigen Impfstoffen. Dabei gilt es, aufgrund nachgewiesener Vorteile Vertrauen in die Sicherheit von Schutzimpfungen zu fördern. Der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen müssen wir weiter konsequent entgegenwirken. Zur Verbesserung der globalen Überwachung übertragbarer und nichtübertragbarer Krankheiten müssen die Gesundheitsberichterstattung und der internationale Datenaustausch ausgeweitet und die Laborkapazitäten erhöht werden. Besonders wirksam sind Interventionsmechanismen, wenn sie auf einem ganzheitlichen „One Health“-Ansatz aufbauen, der die systemischen Zusammenhänge von Mensch, Tier, Umwelt und Gesundheit anerkennt.

Welche Projekte deutscher wissenschaftliche Einrichtungen leisten in Sachen globaler Gesundheitsversorgung Vorbildliches?

Jörg Hacker: In Deutschland können wir auf eine breitgefächerte wissenschaftliche Expertise in diesem Bereich zurückgreifen. In erster Linie ist hier sicherlich das Robert Koch-Institut als zentrale Überwachungs- und Forschungseinrichtung in der Bundesrepublik zu nennen. Mit Blick auf die globale Dimension von Infektionskrankheiten nimmt es zum Beispiel eine wichtige Rolle bei der Stärkung von Kapazitäten in unterschiedlichen Partnerländern in Ausbruchs- und Krisensituationen ein. Aber auch das Paul-Ehrlich-Institut in Langen und das Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Darüber hinaus beschäftigen sich viele wissenschaftliche Institute und auch deutsche Nichtregierungsorganisationen mit globalen Gesundheitsfragen.

Medizin und Gesundheit zählen aber seit jeher auch zu den Kernthemen der Leopoldina. In ihrer Politik- und Gesellschaftsberatung greift die Akademie neue Entwicklungen in der medizinischen Forschung auf und verdeutlicht aus wissenschaftlicher Sicht die Konsequenzen etwa der genetischen Diagnostik, der Individualisierten Medizin und der öffentlichen Gesundheitsvorsorge für Politik und Gesellschaft.

Gemeinsam mit den G20-Akademien heben wir in der Science20-Stellungnahme die zentrale Rolle der Wissenschaft für die Verbesserung der globalen Gesundheitsversorgung hervor. Die Wissenschaft wird auch weiterhin die Ursachen und Wirkungszusammenhänge von übertragbaren und nichtübertragbaren Krankheiten erforschen. Wissenschaftliche Forschung und ihre Ergebnisse ermöglichen wirksamere Maßnahmen zur Prävention und Krankheitsbekämpfung sowie effektivere medizinische Interventionen. Dafür bleibt die Förderung von Grundlagenforschung und angewandter Wissenschaft essenziell.

Interview: Clara Krug

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Deutschland.de  publiziert.

Mai 2017

Kommentare

Łukasz
3. Juni 2017

Man muss zusammen etwas tun.

Jetzt kommentieren